MEINE KLEINEN GELIEBTEN (1974) und das ein Jahr zuvor gedrehte 218-Minuten-Drama „Die Mama und die Hure“ unterscheiden sich wie Feuer und Wasser. Der eine Film ist ein schonungsloser Abgesang auf eine Epoche in Schwarzweiß, der andere eine zarte Coming-of-Age-Geschichte in Farbe. Beide blieben Jean Eustaches einzige Werke in Spielfilmlänge.
In MEINE KLEINEN GELIEBTEN erzählt Eustache von seiner eigenen Jugend in der französischen Provinz. Der 13-jährige Daniel (Martin Loeb) lebt auf dem Land bei seiner Großmutter (Jacqueline Dufranne) und spielt oft mit den Kindern des Dorfes. Er freut sich, als er ins Collège aufgenommen wird, doch nachdem er dieses ein Jahr besucht hat, holt ihn seine Mutter (die aus Fassbinder-Filmen bekannte Ingrid Caven) zu sich. Sie lebt in Narbonne mit ihrem Geliebten, dem schweigsamen Spanier José (Dionys Mascolo), und arbeitet als Schneiderin.
Seine Mutter verlangt von Daniel, das Collège zu verlassen und stattdessen in einer Fahrrad- und Motorradwerkstatt zu arbeiten. Daniel beginnt, sich für Mädchen zu interessieren, und beobachtet ein Liebespaar, das sich heimlich trifft. Er schließt sich einer Gruppe Jugendlicher an und lernt, wie man sich im dunklen Kino einem Mädchen nähert…
Es passiert nicht viel in MEINE KLEINEN GELIEBTEN: Gesten, scheue Blicke, zarte Berührungen. Ein Teenager entdeckt die Welt. Hier ist nichts spektakulär, hier ist alles von einem poetischen Zauber umhüllt.
Das Besondere an MEINE KLEINEN GELIEBTEN ist die formale Strenge: Die einzelnen Sequenzen des Films, bestehend aus sehr kurzen Einzelszenen oder auch aus längeren Szenenabläufen, sind deutlich voneinander abgesetzt, indem sie jeweils mit einer Abblende bis hin zum Schwarzfilm enden. Was besonders irritiert: Manchmal verzichtet Eustache auf die logische Auflösung einer Szene, sodass wir Zuschauer allein gelassen zurückbleiben. Ein weiteres Stilmittel ist der ständige Voice-over-Kommentar durch Daniel, der eine ungewöhnliche Nähe zum Geschehen erzeugt.
Nach dem Überraschungserfolg von „Die Mama und die Hure“ (zwei Preise in Cannes) hatte Eustache hier zum ersten Mal ein größeres Budget. Er durfte in Farbe und mit 35-Millimeter-Material drehen. Nur schade: Der Film wurde weltweit ein Flop – und Jean Eustache hatte bis zu seinem Selbstmord 1981 nie wieder die Chance, einen Langfilm zu inszenieren. Hatte ihm dieser Film letztendlich das Genick gebrochen? Diese Frage bleibt unbeantwortet.
In welchen Kinos und Kinematheken die Filme der Werkschau zu sehen sind, verrät die Grandfilm-Website.
Mes Petites Amoureuses (Frankreich 1974)
123 Minuten
Tragikomödie
Jean Eustache
Jean Eustache
Nestor Almendros
Martin Loeb, Ingrid Caven, Jacqueline Dufranne, Dionys Mascolo, Henri Martinez, Jean-Noël Picq, Maurice Pialat, Pierre Edelman, Marie-Paule Fernandez, Patrick Eustache
Grandfilm GmbH