Die Mama und die Hure

16.07.2026

Bis zu seinem frühen Tod 1981 – er nahm sich im Alter von 42 Jahren das Leben – blieb Jean Eustache der große Außenseiter des französischen Kinos. Anders als seine berühmten und etwas älteren Kollegen der Nouvelle Vague – wie Jean-Luc Godard, François Truffaut oder Claude Chabrol – zählte er nicht zur intellektuellen Bourgeoisie, sondern war ein Kind der Arbeiterklasse. Als ausgebildeter Elektriker war er filmisch ein Autodidakt. Eustache drehte von 1963 bis 1980 insgesamt zwölf Filme, darunter Spiel- und Dokumentarfilme von unterschiedlichster Länge. Nur zwei seiner Filme hatten Spielfilmlänge – darunter sein Meisterwerk DIE MAMA UND DIE HURE von 1973.

Der ehrgeizige deutsche Verleih GRANDFILM bringt jetzt in einer Werkschau neben den beiden Langfilmen auch sieben Kurz- und Halblangfilme von Jean Eustache wieder in unsere Kinos. Dafür müssen wir dem Verleih unendlich dankbar sein, denn mindestens zwei Filmfan-Generationen haben noch nie etwas von Eustache gehört, geschweige denn einen seiner Filme gesehen.

Eines verbindet alle Filme des 1938 in der Provinz, genauer: in Pessac, geborenen Franzosen: Fast autobiografisch spiegelt sich sein Leben in diesen Werken wider.

Mit präziser Aufmerksamkeit für Sprache, Gesten und soziale Wirklichkeiten bewegt sich Eustaches Kino in einem Raum dokumentarischer Fiktion

Der Verleih Grandfilm über Jean Eustache

Eine Warnung vorweg: DIE MAMA UND DIE HURE ist unglaubliche 215 (!) Minuten lang, in Schwarzweiß und auf 16 Millimeter gedreht – und besteht fast ausschließlich aus gefühlt elendslangen Dialogen und Monologen der drei Hauptpersonen. Und doch ist DIE MAMA UND DIE HURE eines der wichtigsten Schlüsselwerke des Jahrzehnts. Das Fachblatt „Cahiers du Cinéma“ lehnte sich sogar noch weiter aus dem Fenster: „Der beste Film der 1970er.“

DIE MAMA UND DIE HURE ist eine bitterböse Abrechnung mit der 68er-Generation und gleichzeitig ein unendlich trauriger Abgesang auf die Nouvelle Vague. Im Mittelpunkt steht der Endzwanziger Alexandre (Jean-Pierre Léaud), ein Müßiggänger und Tagträumer par excellence. Tagein, tagaus stromert er durch die Cafés von Saint-Germain-des-Prés in Paris und quatscht mit Vorliebe im berühmten „Les Deux Magots“ mit seinen Kumpels über Gott und die Welt. Zufällig trifft er auf seine Verflossene Gilberte (Isabelle Weingarten), die ihn kühl abblitzen lässt.

Alexandre lebt mit seiner etwas älteren Geliebten Marie (Bernadette Lafont) zusammen, die sich nicht daran stört, ihn aushalten zu müssen, und entdeckt dabei sogar mütterliche Gefühle. Wozu arbeiten – mit einer so schönen und energischen Frau an meiner Seite, sagt sich der ständig dozierende Charmeur. Eines Tages entdeckt Alexandre eine attraktive Frau auf der Straße und spricht sie spontan an. Es ist die Krankenschwester Véronika (Françoise Lebrun), die nach kurzem Zögern als promiskuitiv Veranlagte einer schnellen Nummer nicht abgeneigt ist.

Es kommt, wie es kommen muss: Irgendwann liegen die beiden Frauen und der Mann nebeneinander in Maries Wohnung im Bett und probieren eine Ménage à trois aus. Im vorangehenden Geplänkel machen sich Marie und Véronika über die Form von Alexandres Schwanz („Teekannenschnabel“!) lustig. Noch deftiger geht es in der denkwürdigen Tampon-Szene zwischen Véronika und Alexandre zur Sache: Selten hat man so etwas absurd Komisches gesehen!

Immer wieder schiebt sich in dieser scheinbar privaten Dreiecksgeschichte das Politische dazwischen, wenn sich die Figuren um Kopf und Kragen reden. Hier geht eine Epoche des Aufbruchs zu Ende – hier stehen drei Menschen vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz.

Kurz vor Schluss der über dreieinhalb Stunden schleudert Véronika in einem gefühlt 20-minütigem Verzweiflungsmonolog unter Tränen ihren Hass auf alles in den Kinosaal: auf die Männer, auf die Welt, auf sich selbst. Eine schonungslose Tour de Force!

Jean Eustache erzählt hier seine eigene Geschichte. Eine Zeit lang hatte er mit zwei Frauen zusammengelebt – die eine war Françoise Lebrun. Die andere brachte sich um. Aus gutem Grund besetzte Eustache ausgerechnet Jean-Pierre Léaud als sein Alter ego Alexandre. Schließlich war Léaud DER Star der Nouvelle Vague und in fünf Filmen von Truffaut dessen Alter Ego Antoine Doinel.

Liebe Kinofans: Stellt euch bitte dieser Herausforderung, denn diese überlange Trauerarbeit geht wohl jedem an die Nieren. Aber es lohnt sich!

Über die Filme von Jean Eustache

In welchen Kinos und Kinematheken die Filme der Werkschau zu sehen sind, verrät die Grandfilm-Website.

FSK noch unbekannt

Originaltitel

La Maman et la Putain (Frankreich 1973)

Länge

215 Minuten

Genre

Drama / Romanze

Regie

Jean Eustache

Drehbuch

Jean Eustache

Kamera / Bildgestaltung

Pierre Lhomme

Darsteller

Jean-Pierre Léaud, Françoise Lebrun, Bernadette Lafont, Isabelle Weingarten, Jacques Renard, Jean-Noël Picq, Jean Douchet, Noël Simsolo, Jessa Darrieux, Geneviève Mnich, Berthe Grandval, Bernard Eisenschitz, Pierre Cottrell, Jean Eustache, Marinka Matuszewski, Jean-Claude Biette, André Téchiné

Verleih

Grandfilm GmbH

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