Der Film der Woche

Palästina 36

14.05.2026

Die palästinensische Filmemacherin Annemarie Jacir zeigt mit dem Historiendrama PALÄSTINA 36 ihre Sichtweise auf den Ursprung des Nahost-Konflikts auf. Diese schmerzhafte Perspektive liefert zwar einen Beitrag zum Verständnis, warum das Verhältnis zwischen den Israelis und Palästinensern so hasserfüllt ist, doch leider wird die Geschichte hier auch einseitig eingefärbt.

Die Regisseurin und Drehbuchautorin Annemarie Jacir („Wajib – Hochzeit in Nazareth“) arbeitet in PALÄSTINA 36 mit Bildern, die dokumentarischen Charakter haben. Das suggeriert natürlich Wahrhaftigkeit. Diese ist aber mit Vorsicht zu genießen. Trotzdem ist dies wichtig zum Verständnis Geschichtsschreibung. Das Jahr 1936 ist der Schlüssel zum Einstieg in den Nahost-Konflikt. Immer mehr Dörfer in Palästina erheben sich gegen die britische Kolonialmacht, die ihren Einfluss mit Gewalt durchsetzt. Gleichzeitig siedeln sich europäische Juden, die vor dem Nationalsozialismus geflohen sind, in der Region an.

Der unparteiische Yusuf (Karim Daoud Anaya) pendelt zwischen seinem ländlichen Heimatdorf Al-Basam und dem zunehmend angespannten Jerusalem. Er wird sofort von britischen Soldaten kontrolliert und nach seinen Papieren gefragt. Der junge Mann arbeitet als Chauffeur für den gesellschaftlich bestens vernetzten Amir Atef (Dhafer L‘Abidine), der in einem hochherrschaftlichen Haus residiert. Yusuf lernt dessen Frau Khouloud (Yasmine Al Massri) kennen, die ganz männlich gekleidet ist mit Anzug und Fez. Sie ist Journalistin und will sofort von ihm wissen, wie die Stimmung in den Dörfern sei. Sie schreibt unter einem männlichen Pseudonym.

Bei der Premiere der ersten Rundfunksendung in Palästina im März 1936 ist Khouloud dann ihrem Rang entsprechend gekleidet wie eine feine Dame. Es ist ein großer Moment für Ramallah und das Land: Nach Kairo ist es erst die zweite Radioübertragung in der arabischen Welt. Hochkommissar Sir Arthur Wauchope (Jeremy Irons) persönlich weiht den Palestine Broadcasting Service ein. Politik werde nicht das Thema des Programms sein, verkündet er, es solle vielmehr um Wissen und Kultur gehen. Ganz lässt sich die Politik aber nicht aus den Nachrichten halten: So erfährt die arabische Welt alsbald über den Äther, dass Millionen von Juden aus Europa vor Verfolgung fliehen, Lord Balfour habe ihnen eine Heimstätte in Palästina versprochen.

Nach einem folgenschweren Ereignis schlägt sich Yusuf auf die Seite des Widerstands. Er schließt sich Verbündeten wie dem Hafenarbeiter Khalid (Saleh Bakri) an, der angesichts der eskalierenden Situation keinen anderen Ausweg mehr sieht, als zur Waffe zu greifen. Denn: Hafenarbeiter entdecken in Jaffa beim Entladen eines Schiffs Waffen, versteckt in 33 Fässern. Die Männer sind verbittert, zornig. Überall werden Palästinenser in den Fabriken entlassen und von Juden ersetzt, immer mehr Land werde den Juden zugesprochen.

Die Autorenfilmerin Annemarie Jacir („Das Salz des Meeres“) schildert in PALÄSTINA 36 persönliche Schicksale, die sich mit politischen Umbrüchen unaufhaltsam verweben. Der Arabische Aufstand von 1936 bis 1939 wird hier aufgearbeitet. Ein prägender Moment der Geschichte ihres Landes, dem sie ein filmisches Denkmal setzt. Doch das Zwischenmenschliche kommt nicht zu kurz. Hinter den Schicksalen stehen echte Menschen, deren Leben wir verfolgen und die nicht immer nur gut oder böse sind.

Schauspielerisch überzeugen die Neuentdeckungen Karim Daoud Anaya als Yusuf und Wardi Eilabouni als das neugierige Mädchen Afra aus seinem Heimatdorf Al-Basma, Sie ist es auch, die ihm von der Stadt, den Lichtern, den vollen Straßen, den vielen Menschen erzählt. Sein Vater Boulos (Jalal Altawil) sieht es allerdings nicht gerne, dass sein Sohn so viel Zeit in der Stadt verbringt: Er werde in seinem Heimatdorf Al-Basma gebraucht. Die Spannungen mit den Siedlern nähmen zu. Robert Aramayo („Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“) darf als Captain Wingate zwischen Stadt und Land pendeln und dabei ein echter Fiesling sein (und er macht das wirklich gut). Mit Hiam Abbass („Gaza mon amour“, „Succession“), Saleh Bakri („Im Schatten des Orangenbaums“), Billy Howle („Dunkirk“) sowie Oscar®-Gewinner Jeremy Irons sind weitere Stars des internationalen Kinos im Historiendrama PALÄSTINA 36 zu sehen.

Die neueste Regiearbeit der vielfach ausgezeichneten, politischen Filmemacherin Annemarie Jacir („Wajib – Hochzeit in Nazareth“) war offizieller Oscar®-Beitrag für Palästina und feierte seine umjubelte Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival. Sie schildert in PALÄSTINA 36 leidenschaftlich und durchaus bildgewaltig (Kamera: Hélène Louvart, Sarah Blum und Tim Fleming) die Geburtsstunde des Nahost-Konflikts. Dieser hält bis heute an und ist von hoher Brisanz. Die Filmemacher:innen betonen die vorhergegangene intensive Recherche der Ereignisse. Sie haben Nachforschungen angestellt, überprüft und alles von Expert:innen verifizieren lassen. Und dennoch: Die Sichtweise dieser zweistündigen Geschichtsaufarbeitung bleibt ziemlich einseitig und wird einige Zuschauer:innen vor den Kopf stoßen.

Trailer

ab16

Originaltitel

Palestine 36 (Jordanien / Saudi-Arabien / Katar / Norwegen / Dänemark / Frankreich / Großbritannien / Palästina 2025)

Länge

119 Minuten

Genre

Drama

Regie

Annemarie Jacir

Drehbuch

Annemarie Jacir

Kamera / Bildgestaltung

Hélène Louvart, Sarah Blum, Tim Fleming

Darsteller

Hiam Abbass, Kamel Al Basha, Yasmine Al Massri, Jalal Altawil, Robert Aramayo, Saleh Bakri, Yafa Bakri, Karim Daoud Anaya, Wardi Eilabouni, Ward Helou, Billy Howle, Dhafer L'Abidine, Liam Cunningham, Jeremy Irons

Verleih

Alamode Filmdistribution OHG

Filmwebsite

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