Der Film der Woche

The History of Sound

09.04.2026

Das Drama THE HISTORY OF SOUND entfaltet mit seiner zurückhaltenden Art ein im positiven Sinne nostalgisches Gefühl – und wartet mit Paul Mescal und Josh O‘Connor mit zwei der besten Darsteller unserer Zeit auf.

Der talentierte Musikstudent Lionel (Paul Mescal) verschlägt es im Jahre 1917 vom ländlichen Kentucky an die Ostküste, wo er sein Studium am Boston Conservatory beginnt. Eines Abends trifft er in der Bar auf den charmanten und selbstbewussten Kommilitonen David (Josh O’Connor) und lauscht ihm, wie dieser einen traditionellen Folk-Song intoniert, den Lionel aus seiner Heimat kennt. Die beiden kommen ins Gespräch und es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Doch dann wird David als Soldat eingezogen.

Jahre später erhält Lionel, der längst auf die Farm seiner Eltern zurückgekehrt ist, einen Brief mit der Bitte Davids, ihn auf einer Reise ins ländliche Maine zu begleiten. Im Auftrag der Universität sollen sie die Folk-Songs der Einwohner vor dem Verschwinden bewahren und aufzeichnen. Während der Reise teilen die beiden nicht nur innige Momente der Zweisamkeit, sondern stoßen auch auf eine wundersame musikalische Welt. Doch das Glück der beiden währt nicht lange, und ihrer Wege trennen sich erneut. Die Erfahrungen dieses Sommers prägen Lionels Leben jedoch für immer…

Bereits in „Living – Einmal wirklich leben“ hat Regisseur Oliver Hermanus gezeigt, dass er es wie kaum ein anderer versteht, eine tief gehende Geschichte ohne viel Aufregung zu vermitteln. Auch in THE HISTORY OF SOUND erzählt er fast schon elegisch die Geschichte zweier Männer, die eine gemeinsame Leidenschaft teilen und versuchen, daraus mehr zu machen, als es die Umstände ihrer Zeit ermöglichen würden. Hermanus benötigt keine großen Sets, keine weltverändernden Plot-Twists, sondern einfach nur eine gute, zu Herzen gehende Geschichte. Gleich in den ersten Szenen, in denen die von Paul Mescal dargestellte Figur des Lionel zum ersten Mal auf Josh O‘Connors David trifft, ist wahre Kinomagie. Die in Sepiafarben getauchte Atmosphäre der Bar tut ihr Übriges und wir Zuschauer erleben hautnah, dass da mehr in der Luft liegt, als nur die Liebe zu einem Song. Schüchterne Blicke, flüchtige Berührungen und die verbindende Kraft der Musik genügen, um uns Zuschauer mehr zu sagen, als es mit Worten jemals möglich gewesen wäre.

Im Rest des Films dominieren erdige Töne das Bild, die fast schon frei von irgendwelchen anderen Farben sind. Das passt zum Zustand der beiden Protagonisten, die zwar eine innige Zuneigung zueinander empfinden, sich aber aufgrund der Umstände ihrer Zeit nicht trauen, diese auszuleben. Josh O‘Connor und Paul Mescal unterstreichen das kongenial mit ihrer zurückhaltenden Spielweise.


Was, wenn ein und derselbe Mensch die erste, die größte und die letzte Liebe deines Lebens ist? Es ist die Torheit junger Menschen zu glauben, dass es immer noch mehr geben wird. Doch irgendwann kommt womöglich die Reflexion, dass man diesen einen Moment bereits erlebt und nicht mehr vor sich hat.

Regisseur Oliver Hermanus über die Liebesgeschichte des Films

Das Drehbuch zum Film stammt aus der Feder von Ben Shattuck und basiert auf einer seiner Kurzgeschichten. Die große Frage, auf die der Film hinausläuft, ist wie man darauf reagiert, wenn einen diese Erkenntnis irgendwann ereilt. Ist man traurig? Oder überwiegt die Dankbarkeit, eine wirklich große Liebe überhaupt erlebt zu haben?

In Bezug auf den Soundtrack des Films vertraut der Südafrikaner Oliver Hermanus nahezu komplett auf die Kraft der Folk-Songs – nur äußerst selten setzt er klassische Musik als Score ein. Dadurch erhalten die Songs eine immense Wucht und werden so zu einer Art zusätzlichem Darsteller. Die Auswahl der Songs machte Hermanus davon abhängig, was ihn klanglich, melodisch und emotional besonders angesprochen hatte. In erster Linie mussten die Songs natürlich eine Geschichte erzählen. Manche sind Moritaten, andere erzählen von der Liebe, der
Moral und unterschiedlichsten menschlichen Emotionen. Ihm war es wichtig, im Film eine Vielzahl solcher Gesichten abzubilden. So stehen diese Songs ebenbürtig zur Geschichte der beiden Protagonisten.

Das Team um Regisseur Oliver Hermanus stellte zudem hohe Ansprüche an die Authentizität. Im Film nehmen die beiden Protagonisten die Songs mit einem Phonographen auf Wachszylinder auf. Lange Zeit war dem Team nicht klar, ob sie überhaupt einen solchen Apparat finden würden und ob er nicht vielleicht zu schwer sein würde für die Schauspieler. Sie hatten anfangs keine Ahnung, wie der Klang dieser Zylinder ist oder wie man sie befestigt und abspielt. Erfunden wurde dieser Phonograph von Thomas Edison, und letztendlich stießen sie tatsächlich auf ein paar Originale, die sie bedienen und für Testaufnahmen verwenden konnten. „Dass die Geräte immer noch funktionieren, ist bewundernswert“, so Hermanus, „aber sie sind unglaublich empfindlich, die meisten sind Museumsstücke. Deswegen mussten wir alle, aber vor allem die Schauspieler, wirklich lernen, wie man damit umgeht.“

Und so ist THE HISTORY OF SOUND auf ganz unterschiedlichen Ebenen bewegend. Der Film funktioniert sowohl als historisches Dokument, aber in erster Linie eben ganz besonders auf menschlicher Ebene. Gerade die letzten Szenen, die wir an dieser Stelle natürlich nicht verraten, verleihen dem Film ein emotionale Tiefe, die noch lange nachhallt. Und wer weiß, vielleicht erinnert sich der eine oder die andere nach Schließen des Vorhangs ja selbst an die eine, die große und die letzte Liebe. Und vielleicht fallen sogar alle drei auf einen einzigen Menschen zurück – die Frage ist dann: Blicken wir in Wehmut zurück oder sind wir dankbar für diese Liebe…?

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab6

Originaltitel

The History of Sound (USA 2025)

Länge

128 Minuten

Genre

Drama / Historie / Romanze

Regie

Oliver Hermanus

Drehbuch

Ben Shattuck

Kamera / Bildgestaltung

Alexander Dynan

Darsteller

Paul Mescal, Josh O'Connor, Chris Cooper, Molly Price, Tom Nelis, Dion Graham, Emma Canning, Peter Mark Kendall, Sam Breslin Wright, Hadley Robinson, Michael Schantz

Verleih

Universal Pictures International Germany GmbH

Filmwebsite

» zur Filmwebsite

Weitere Neustarts am 09.04.2026