Welche Folgen das japanische Sorgerecht haben kann, zeigt Regisseur Guillaume Senez in seinem zutiefst menschlichen Film A MISSING PART mit einem sensationellen Romain Duris in der Hauptrolle.
Eigentlich ist Jérôme (Romain Duris) ein Chefkoch, doch seit vielen Jahren hält er sich als Taxifahrer in Tokio über Wasser. Dabei handelt es sich bei ihm nicht um einen typischen Aussteiger, der seiner Branche bewusst den Rücken gekehrt hat. Nein, der Grund für den Berufswechsel ist weitaus tragischer. Seit der Trennung von seiner Frau Jessica (Judith Chemla) vor neun Jahren hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter Lily (Mei Cirne-Masuki). Damals verließ Jessica mit der Dreijährigen Paris und ging zurück nach Japan. Und so steigt Jérôme seitdem jeden Morgen in sein Taxi in Tokio in der Hoffnung, dass einer seiner heutigen Fahrgäste seine Tochter sein könnte.
Doch langsam zermürbt Jérôme an der Erfolglosigkeit seiner Suche. Und so entschließt er sich, seine Wohnung zu verkaufen und mit dem Geld zu Hause in Frankreich ein Restaurant zu eröffnen. Doch dann steigt ein junges Mädchen in sein Taxi und er ist dieses Mal absolut sicher, seine Tochter endlich gefunden zu haben…
In Japan kennt man kein gemeinsames Sorgerecht. Trennt sich ein Paar, bekommt nur ein Elternteil das Sorgerecht, das andere ist auf das Wohlwollen des Ex-Partners angewiesen. Auch ein Besuchsrecht ist im japanischen Rechtssystem nicht existent. Das hat zur Folge, dass immer wieder Menschen bis zur Volljährigkeit den Kontakt zu ihren Kindern verlieren. Und Ausländer haben in solchen Fällen noch einmal deutlich schlechtere Karten. Bereits seit 1868 erlaubt das Prinzip der Kontinuität dem Elternteil, das sich bis zum Zeitpunkt der Trennung kontinuierlich um das Kind gekümmert hat, das alleinige Sorgerecht zu erhalten – was in 80% der Fälle die Mutter ist. Der Elternteil ohne Sorgerecht läuft Gefahr, seine Kinder nie wiederzusehen, da in Japan die Entziehung eines Kindes durch ein Elternteil nicht als Straftat gilt. Alimente sind natürlich trotzdem fällig.
Auf diese Missstände wurde der Autor und Regisseur Guillaume Senez aufmerksam, als er in Japan gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller Romain Duris seinen letzten Film „Nos batailles“ vorstellte. Das Thema bewegte ihn so sehr, dass er Kontakt zu Betroffenen aufnahm und sich ihre Geschichten anhörte. Man spricht von ungefähr 150.000 „entführten Kindern“ pro Jahr durch ein Elternteil in Japan. Und so entstand – unterbrochen durch die Corona Pandemie – das Drehbuch in Zusammenarbeit mit Jean Denizot.
Ursprünglich sollte A MISSING PART bereits im vergangenen November in die Kinos kommen. Vermutlich durch den Start des ebenfalls in Japan spielen, allerdings thematisch komplett abweichenden Film „Rental Family“, entschied sich der Verleih für einen Sprung in den Frühling 2026. Ich hoffe inständig, dass A MISSING PART jetzt die benötigte Aufmerksamkeit erhält, die dieser wunderbare Film verdient.
Bereits vor zehn Jahren überraschte der Regisseur Guillaume Senez mit seinem Film „Keeper“, der nicht nur beim Filmfest Hamburg gezeigt wurde, sondern auch auf mehr als 70 Festivals weltweit. Mit mehr als zwanzig Auszeichnungen stand der Karriere des Regisseurs eigentlich nichts mehr im Weg. Doch sein zweiter Film „Nos batailles“ war hierzulande leider keine Kinoauswertung vergönnt. Mit A MISSING PART hingegen ist Senez wieder auf unseren Leinwänden vertreten, dank des kleinen Bonner Verleihs „Film Kino Text“, der 2017 auch „Keeper“ herausgebracht hat und uns immer wieder mit starken, beeindruckenden und vor allem wichtigen Filmen überrascht.
Dass Guillaume Senez wieder mit Romain Duris zusammenarbeiten würde, war von vorn herein klar – schließlich sind sie seinerzeit gemeinsam auf das Thema aufmerksam geworden. Doch Duris entpuppt sich auch als Idealbesetzung, denn er verleiht seiner Figur durch seine zurückhaltende Darstellung so viel Tiefe, dass man ihm jeden Blick und jede Regung zu einhundert Prozent abnimmt. Die Verzweiflung, die dieser Mann durchgemacht haben muss, dringt aus jeder Pore seines Körpers. Dazu kommt noch die Verlorenheit in einem fremden Land, dass ihn trotz aller Bemühungen nie als einen der ihren angesehen hat. Dabei spricht er perfekt Japanisch und besitzt eine Ortskenntnis, um die ihn die anderen Taxifahrer hin und wieder durchaus beneiden.
Vielleicht kommt die Authentizität von A MISSING PART aber auch durch die recht ungewöhnliche Arbeitsweise des Regisseurs zustande. Guillaume Senez händigt seinen Schauspieler:innen nämlich vor dem Dreh keine Dialoge aus und verzichtet zudem auf Proben:
Guillaume Senez über seine ganz eigene Herangehensweise an einen Film
Wir proben nicht – wir «suchen» die Figuren. Wir sprechen viel vorher, und ich möchte so viel wie möglich vom Instinkt und der Spontaneität bewahren. Ich mache wenige Takes, filme aber von Anfang an alles. In den ersten Takes suchen wir Bewegungen, Positionen, entwickeln dasgemeinsam – und manchmal entsteht dabei etwas ganz Besonderes. Ich sage meinen Darsteller*innen immer, sie sollen die ersten Takes wie Proben betrachten. Tatsächlich landen bei mir oft erste Takes im finalen Schnitt.
Guillaume Senez gelingt es außerdem, die üblichen Klischees zu umschiffen. Sein gemeinsam mit Jean Denizot geschriebenes Drehbuch glänzt eher mit Zurückhaltung als mit aufdringlichem Gehabe. Neben einer Vater-Tochter-Story erzählt A MISSING PART eben auch eine Migrationsgeschichte, ohne dass irgendein Teil davon aufgesetzt wirkt. Mich hat der Film wirklich zutiefst berührt.
An einer Stelle bringt A MISSING PART das Dilemma auf den Punkt mit der Aussage, dass es hauptsächlich die Kinder sind, die unter den Erwachsenen leiden, die zu wissen glauben, was am besten für sie sei. Und so ist es dann auch die Tochter Lily, stark gespielt von der Newcomerin Mei Cirne-Masuki, die irgendwann einfallsreich einen Weg findet, dass der Kontakt zum Vater nicht mehr abreißt.
Am 17. Mai 2024 verabschiedete das japanische Parlament eine Reform des Zivilgesetzbuchs, die die Möglichkeit einer gemeinsamen elterlichen Sorge nach der Scheidung einführt. Diese Reform, die 2026 in Kraft treten wird, erlaubt es geschiedenen Eltern, zwischen alleiniger und gemeinsamer elterlicher Sorge zu wählen. Es besteht also durchaus noch Hoffnung…
Une part manquante (Frankreich 2024)
99 Minuten
Drama
Guillaume Senez
Guillaume Senez, Jean Denizot
Elin Kirschfink, AFC, SBC
Romain Duris, Judith Chemla, Mei Cirne-Masuki, Tsuyu, Shungicu Uchida, Yumi Narita, Patrick Descamps, Shinnosuke Abe
Film Kino Text – Jürgen Lütz eK