Das Beste liegt noch vor uns

12.02.2026

Nanni Morettis Tragikomödie DAS BESTE LIEGT NOCH VOR UNS lief mit rund 620.000 Besuchern bereits 2023 erfolgreich in den italienischen Kinos und handelt von einem renommierten Regisseur, dessen Vorbereitungen zu seinem neuesten politischen Film aufgrund verschiedener Krisen zu scheitern drohen.

Der italienische Filmemacher Nanni Moretti ist ein Altbekannter auf europäischen Filmfesten: 1981 bekam er bei den Filmfestspielen von Venedig den Spezialpreis der Jury (Silberner Löwe) für „Goldene Träume“, 1985 den Silbernen Bären für „Die Messe ist aus“ auf der Berlinale, 1994 den Regiepreis in Cannes für „Liebes Tagebuch“ und 2001 die Goldene Palme für „Das Zimmer meines Sohnes“ in Cannes. Warum sein neuester Streich DAS BESTE LIEGT NOCH VOR UNS, der bereits 2023 im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes lief, erst jetzt in die deutschen Kinos kommt, ist fraglich.

Moretti („Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“) gilt im eigenen Land als unbequemer Regisseur, der auch politisch Haltung zeigt. Kein Wunder, dass in seinem Alterswerk DAS BESTE LIEGT NOCH VOR UNS die italienische kommunistische Partei die Handlung antreibt: Der Regisseur spielt den in die Jahre gekommenen, italienischen Filmemacher Giovanni, der sehr zu seinem Bedauern nur alle fünf Jahre einen Film realisieren kann. Genauso wie die Partei zu einem Kurswechsel gezwungen wird, muss auch Giovanni sein Leben und die Filmgeschichte überdenken, die sich natürlich überlappen.

Giovannis Frau Paola (Margherita Buy) ist Produzentin und geht ihm zum ersten Mal fremd: Sie arbeitet nach 13 Filmen mit ihrem Mann Giovanni nun an einem Actionfilm mit einem jungen, wilden Regisseur, dessen Debütfilm hoch gelobt wurde. Sie geht aber auch zur Psychoanalyse, was Giovanni nicht weiß. Der Grund: Sie will sich von ihrem Mann trennen, weiß aber noch nicht wie. Tochter Emma (Valentina Romani), die für die Filmmusik zuständig ist, stellt erstmal ihre neue Flamme vor: Es ist der polnische Botschafter Jerzy (Jerzy Stuhr), der nicht mehr ganz so taufrisch ist. Giovanni arbeitet zeitgleich an mehreren Projekten: Die Liebesgeschichte eines Paares über mehrere Jahrzehnte hinweg nimmt vor seinem geistigen Auge Form an und mit „The Swimmer“, basierend auf der Kurzgeschichte von John Cheever, geht er schon länger schwanger. Die Leerstellen in seinem Leben versucht Giovanni mit Kino zu füllen.

Giovanni realisiert also einen Zirkusfilm, der im Italien des Jahres 1956 spielt. Die italienische Kommunistische Partei hat einen Zirkus aus Ungarn in die Stadt geholt. Seine Stars sind der Orts-Politiker Ennio (Silvio Orlando) und Vera (Barbora Bobulova). Während Giovanni überzeugt ist, dass er einen politischen Film dreht, ist seine Schauspielerin gegenteiliger Meinung: Ihrer Ansicht nach dreht Giovanni einen Liebesfilm und merkt es nicht (und vielleicht hat sie damit recht). Außerdem trägt sie rote Schläppchen, die ihn zur Weißglut bringen. Die sehen aus wie Pantoffeln – und solche darf lediglich Aretha Franklin in „Blues Brothers“ tragen. Zum Filmsong „Think“ geht er mit Frau Paola im Auto tierisch ab. Auch ansonsten ist DAS BESTE LIEGT NOCH VOR UNS ein ziemlich musikalischer Film: Giovanni steht auf italienische Schlager („Canzone dell‘ amor perduto“ von Fabrizio De André) und französische Chansons („Et Si Tu N‘existais Pas“ von Joe Dassin) – und am Set wird in Formation gesungen und getanzt.

Politisch dreht es sich in Giovannis Film um die italienische Kommunistische Partei und deren Haltung zum antisowjetischen Widerstand im Ostblock: namentlich den Aufständen in Ungarn. Das wird auch durch Doku-Material bebildert. Der Originaltitel „Il sol dell’ avvenire“ lässt sich als „Die Sonne der Zukunft“ übersetzen, was auf eins der zahlreichen Motti der KPUdSSR anspielt: die „Strahlende Zukunft“. Der Zirkus kann als eine Metapher für den Zustand des heutigen Kinos gelesen werden. Das bemerkt zumindest der bankrotte französische Produzent Pierre (Mathieu Amalric), mit dem Giovanni auf E-Rollern durch die nächtlichen Straßen der Stadt fährt. Der schlägt ihm auch vor, als die Finanzierung zu kippen droht, bei Netflix vorzusprechen. Gesagt, getan: Die Mitarbeiter dort erwähnen bei jeder Gelegenheit, dass ihre Filme in 190 Ländern gestreamt werden. Außerdem halten sie das Drehbuch für einen Slow Burner, der nicht zündet. Zudem fehlt der „What-the-fuck“-Moment!

Ein Glück, dass die Koreaner auf das Drehbuch anspringen. Insbesondere das Ende, in dem sich Ennio erhängt, finden sie genial. Das war auch die erste Szene, die Giovanni im Kopf hatte. Da er von Antidepressiva und Schlaftabletten abhängig ist, was Frau und Tochter nicht wissen, hat sein vielleicht finaler Film wohl doch mehr Parallelen mit seinem eigenen Leben. DAS BESTE LIEGT NOCH VOR UNS ist voller Anspielungen auf italienische und französische Kinoklassiker („La Dolce Vita“ von Federico Fellini und „Lola“ von Jaques Demy). Humorvoll und selbstironisch ist dies also auch ein Film über das Kino.

Mit den italienischen Schauspielstars Margherita Buy („Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“, „Mia Madre“) und Silvio Orlando („Das Zimmer meines Sohnes“, „Der Italiener“) hat Nanni Moretti bereits regelmäßig zusammen gearbeitet. Buy darf bei ihm stets komplexe, fein nuancierte Frauenfiguren spielen. So auch in DAS BESTE LIEGT NOCH VOR UNS: Paola meistert ihr Leben, während Giovanni in seiner Filmwelt gefangen zu sein scheint. Die Kamera von Michele D’Attanasio, das Setdesign und die Kostüme überzeugen. Moretti weiß eben, wie kunstvolle Filme gemacht werden! Nach dieser wunderbaren Hommage an seine Frühwerke, ist der Filmemacher hoffentlich noch voller Ideen für neue Projekte.

Trailer

FSK noch unbekannt

Originaltitel

Il sol dell'avvenire (Italien / Frankreich 2023)

Länge

95 Minuten

Genre

Drama / Komödie / Tragikomödie

Regie

Nanni Moretti

Drehbuch

Francesca Marciano, Nanni Moretti, Federica Pontremoli, Valia Santella

Kamera / Bildgestaltung

Michele D’Attanasio

Darsteller

Nanni Moretti, Margherita Buy, Silvio Orlando, Barbora Bobulova, Mathieu Amalric, Zsolt Anger, Jerzy Stuhr, Valentina Romani, Teco Celio, Elena Lietti, Flavio Furno

Verleih

Prokino Filmverleih GmbH

Filmwebsite

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