Seine Mischung aus Humor und Tragik ist in der Welt der Animationsfilme einzigartig – jetzt legt der Australier Adam Elliot mit MEMOIREN EINER SCHNECKE seinen zweiten Langfilm vor und rührt wieder einmal zu Tränen.
Das Leben hat es mit der enthusiastischen Schneckensammlerin und Liebesromanleserin Grace Pudel (Originalstimme: Sarah Snook, deutsche Stimme: Luisa Wietzorek) nicht immer gut gemeint. Nach dem Tod der Mutter wächst sie zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Gilbert (Kodi Smit-McPhee, Konrad Bösherz) bei ihrem querschnittsgelähmten, alkoholkranken Vater Percy (Dominique Pinon) auf. Als dieser jedoch überraschend verstirbt, werden die beiden getrennt und in unterschiedliche Pflegefamilien gesteckt. Während Gilbert bei einer fanatisch-religiösen Familie am anderen Ende von Australien landet, zieht sich Grace immer mehr in sich zurück – und wird dabei ihren geliebten Schnecken immer ähnlicher: „Wenn man einen Zwilling verliert, dann ist das als wenn man ein Auge verliert. Man sieht die Welt nie wieder auf dieselbe Art und Weise“, so Grace. Doch dann lernt sie Pinky (Jacki Weaver, Luise Lunow) kennen, eine exzentrische alte Dame voller Lebensfreude, und erkennt, wie schön das Leben trotz seiner Härte doch sein kann. Denn das Leben kann man nur rückwärts verstehen, leben müssen wir es aber vorwärts.
2009 kam ein kleiner, herzzerreißender Film aus Australien in unsere Kinos: „Mary & Max oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?“, der von einer merkwürdigen Brieffreundschaft zwischen einem achtjährigen Mädchen in Melbourne und einem übergewichtigen Mittvierziger in New York erzählt. Ganze 16 Jahre hat es gedauert, bis der australische Autor und Regisseur Adam Elliot seinen zweiten Film fertiggestellt hat, der seine Premiere vor mehr als einem Jahr beim Trickfilmfestival in Annecy gefeiert und seitdem das Publikum der Festivals dieser Welt begeistert hat. Zuletzt sorgte MEMOIREN EINER SCHNECKE beim Fantasy Filmfest für reichlich Tränen, aber auch viele Lacher.
Elliots Geschichten richten sich in erster Linie an Erwachsene, seine Figuren sind skurril, haben ihre ganz eigenen Marotten, Eigenheiten, Ungereimtheiten und gewinnen dadurch immens an Tiefe. Es sind diese exzentrischen Verwandten, die wir von unseren eigenen Familienfeiern kennen, mit denen wir uns aber nie so intensiv beschäftigt haben, weil sie, nun ja, ein wenig seltsam sind. Genau diesen Menschen gibt Elliot in seinen Filmen Raum, so auch in den MEMOIREN EINER SCHNECKE.
In seine Filme fließen immer auch eigene Erfahrungen ein. Elliots Mutter war im fortgeschrittenen Alter ein „Halb-Messie“, und so stellte er sich die Frage, warum wir unnütze Dinge sammeln und ab wann das zu einem Problem wird. Durch seine Recherche erfuhr Elliot, dass extreme „Messies“ oft einen traumatischen Verlust in ihrem Leben erlitten haben: den plötzlichen Tod eines Familienmitglieds, häufig den eines Kindes. Langsam entstand daraus die Geschichte zu MEMOIREN EINER SCHNECKE.
Natürlich muss man diese Mischung aus Komik und Tragik sowie aus Licht und Schatten mögen, aber wenn man sich erst einmal darauf einlässt, wird man mit einem zutiefst menschlichen Film belohnt. Elliot verbindet seine eigenartig anmutenden Filme mit einer ganz speziellen Erzählweise, die er selbst als „Clayographie“ bezeichnet, einem aus Clay (eine verformbare Modelliermasse) und Biografie zusammengesetzten Kunstwort. Dabei sind die Figuren, die er erschafft, niemals perfekt, sondern weisen immer kleine Makel auf. Elliot wurde nämlich mit einem erblich bedingten Zittern geboren, das er einfach in seine Ästhetik eingebunden hat. Jede Optik muss für ihn fehlerhaft und asymmetrisch aussehen – das hebt seine Werke deutlich von anderen Stop-Motion-Animationsfilmen ab, bei denen die Figuren immer häufiger im 3D-Drucker entstehen.
Auch bei den Stimmen seiner Filme ist Elliot extrem wählerisch. Immer auf der Suche nach etwas Ungreifbarem und Einzigartigem zerbricht er sich häufig den Kopf bei der Besetzung der Rollen. Im Falle der Stimme der Hauptfigur Grace hörte er irgendwann ein Interview mit der Schauspielerin Sarah Snook und alles war klar: „Sie hatte alles, was ich suchte: Authentizität, Bescheidenheit, Zerbrechlichkeit, Wärme und Humor. Ihre natürliche Stimme ist unprätentiös und sympathisch“, so Elliot.
Acht Jahre dauerte der Prozess von der ersten Idee bis zum fertigen Film. Während des Corona-Lockdowns zeichnete er über 1.600 Storyboards von Hand und machte sich dann an die Gestaltung von 200 Figuren, 200 Sets und tausenden Requisiten.
Als Elliot 1996 am Victorian College of the Arts in Melbourne studierte, fasste er im Übrigen den Entschluss, im Laufe seiner Karriere nur neun Filme zu drehen und sie „Trilogie der Trilogien“ zu nennen – drei Kurzfilme (unter 10 Minuten), drei lange Kurzfilme (unter 20 Minuten) und drei Spielfilme (über 90 Minuten). Davon konnte der Regisseur bereits sieben umsetzen. Bleiben also noch zwei übrig – aber auch die Hoffnung, dass danach noch lange nicht Schluss ist…
Memoirs of a Snail (Australien 2024)
95 Minuten
Animation / Drama
Adam Elliot
Adam Elliot
Gerald Thompson
Sarah Snook, Jacki Weaver, Kodi Smit-Mcphee, Magda Szubanski, Bernie Clifford, Tony Armstrong, Eric Bana, Paul Capsis, Dominique Pinon, Nick Cave
Luisa Wietzorek, Luise Lunow, Konrad Bösherz, Anna Dramski, Gerald Schaale, Francois Smesny, Harald Effenberg, Stefan Kaiser, Carmen Katt
Capelight Pictures Gerlach Selms GbR