Einen Film wie KARLA über einen Missbrauch zu drehen, ohne diesen dabei zu zeigen oder überhaupt zu beschreiben, ist an sich schon große Kunst. Das Widerfahrene aber trotzdem nahbar und einfühlsam darzustellen, ist hingegen eine wahrliche Meisterleistung.
1962, irgendwo in Deutschland. Eines Abends steht die zwölfjährige Karla (Elise Krieps) in der örtlichen Polizeistation und besteht darauf, Anzeige gegen ihren Vater zu erstatten und einen Richter zu sprechen. „Paragraph 176 StGB“ ist alles, was zu ihrer Situation sagen kann und will. Als Jurist weiß der Richter Lamy (Reiner Bock) natürlich sofort, worum es geht, stellt sich aber die Frage, ob er einer Zwölfjährigen überhaupt Glauben schenken kann. Nach anfänglichem Zögern nimmt er sich des Falls an, muss aber schnell feststellen, dass man einen Menschen nur schwerlich vor Gericht bringen kann, wenn die ihm vorgeworfene Tat nicht zum Ausspruch kommt. Doch Richter Lamy ist gewillt, einen Weg zu finden…
Sexueller Missbrauch ist immer ein schwieriges Thema, an dem sich schon viele Regisseur*innen versucht haben. Sich aber mit dem Langfilm-Regiedebüt an ein unsagbares und unzeigbares Thema zu wagen, ist allein schon bewundernswert. Doch was die Regisseurin Christina Tournatzẽs daraus gemacht hat, ist schlichtweg sensationell.
Im Fall von KARLA war es Tournatzẽs‘ Drehbuchprofessor, der sie mit der Autorin Yvonne Görlach vernetzte und sie fragte, ob sie den Stoff nicht als ihr Debüt inszenieren wollte. Das vorliegende Drehbuch war zwar bereits ein Schatz, wie Tournatzẽs im Interview verriet, doch als Görlach ihr erzählte, dass es auf der Geschichte eines ihr nahestehenden Familienmitglieds beruhte, entschieden sich die beiden, die Geschichte auf ein intimes Kammerspiel zu reduzieren – immer mit dem Fokus auf KARLA und ihren Blick auf das Geschehen. Gerade diese Reduzierung macht das Besondere an diesem Film aus, der keinerlei Musik benötigt, um uns die Geschichte nahezubringen.
In der Hauptrolle der zwölfjährigen KARLA sehen wir Elise Krieps, die Tochter der Schauspieler*innen Vicky Krieps und Jonas Laux. Die 2010 geborene Krieps spielt ihre Figur mit einer solchen innerlichen Ruhe, als hätte sie ihr gesamtes (kurzes) Leben auf genau diesen Moment hingearbeitet. In ihren Augen ist an vielen Stellen mehr zu lesen, als es Worte jemals hätten ausdrücken können. Und der Bildgestalter Florian Emmerich fängt das mit seiner Kameraarbeit immer wieder imposant ein. So zeigt er beispielsweise den Gerichtssaal in einem für sie bedrückenden Moment als wesentlich größer an, als er in Wirklichkeit ist.
Die Geschichte spielt in einer Zeit, in der Kinder eigentlich schweigen sollten und die Gesellschaft lieber wegsieht als zu handeln. Doch KARLA ist davon unbeirrt. Sie widersetzt sich der Macht ihres Vater und dem Schweigen der Familie. Sie bleibt nicht stumm, sie spricht, klagt an und verändert damit mehr, als ihr zu diesem Zeitpunkt bewusst ist. Heute würde man das als „Female Empowerment“ bezeichnen, 1962 war das noch etwas gänzlich anderes.
Neben Krieps trägt auch Rainer Bock mit seiner Darstellung des Richters Lamy zum Gelingen des Films bei. Bock, den ich schon lange als Schauspieler schätze, gibt seiner Figur unfassbar viel Tiefgang. Richter Lamy ist komplex, eher verschlossen, ein Einzelgänger. Doch durch seine Begegnungen mit andern Menschen, wie beispielsweise seiner Sekretärin Erika Steinberg (ebenfalls beeindruckend: Imogen Kogge), erkennen wir, warum der Nationalsozialismus solch tiefe Spuren in seiner Seele hinterlassen haben. Die Beweggründe, einer Zwölfjährigen zu vertrauen und zuzuhören, sind tief in seinem Innersten verwurzelt und so für den Zuschauer zu jedem Zeitpunkt greifbar. Auch das geschieht nicht durch Worte, sondern vielmehr durch Gesten und Blicke.
KARLA zeigt wieder einmal, dass es oftmals die kleinen Werke von unverbrauchten Talenten sind, die aus der schieren Masse an Kinofilmen herausragen. Dazu tragen natürlich auch Hochschulen und Verleiher bei, wie in diesem Fall der Eksystent Filmverleih aus München, die an ihre Filmemacher glauben und dafür immer wieder Risiken eingehen. Nur durch ihren Einsatz dürfen wir solche Perlen wie KARLA überhaupt entdecken.
Ich bin mir sicher: Dieser Film wird keinen Zuschauer kalt lassen. Mit einem beeindruckenden Blick für das Wesentliche erzählt Christina Tournatzẽs eine zu Herzen gehende Geschichte, in der wirklich alles stimmt. Was für ein Meisterwerk!
Karla (Deutschland 2025)
104 Minuten
Drama
Christina Tournatzẽs
Yvonne Görlach
Florian Emmerich
Elise Krieps, Rainer Bock, Imogen Kogge, Torben Liebrecht, Frank Vockroth, Katharina Schüttler, Lutz Vorbach, Carlotta von Falkenhayn, Robert Hunger-Bühler
eksystent Filmverleih Kijas