Der Film der Woche

Die Farben der Zeit

14.08.2025

Eine Familienchronik, die sich über 250 Jahre erstreckt, mit der Reflexion über vier der wichtigsten Kunstgattungen des 19., 20. und 21. Jahrhunderts zu verbinden, ohne dabei ins Didaktische oder Langweilige abzurutschen, verlangt vom Filmregisseur viel Mut. Und den hatte der Franzose Cédric Klapisch bei seinem Meisterwerk DIE FARBEN DER ZEIT.

Die Pointe: Jeweils in der Nacht vor dem Beginn einer denkwürdigen Kunstepoche wurde ein Kind der oben erwähnten Familie gezeugt. Mehr geht nicht! Wir sprechen vom Beginn des Impressionismus (1872) in der Malerei und von der ersten öffentlichen Filmvorführung am 28. Dezember 1895 in Paris – der Geburt des Kinos durch die Brüder Lumière.

Das klingt auf den ersten Blick doch sehr überkonstruiert und weit hergeholt – nach dem Motto: der Regisseur als Klugscheißer. Doch DIE FARBEN DER ZEIT ist pures Kino: magisch, poetisch, hintersinnig, rauschhaft und sehr emotional. Ein Fest der Sinne!

Der rätselhafte Anfang ist Programm: In einem der beiden riesigen ovalen Säle im Pariser Musée de l’Orangerie, in denen die überdimensionalen Seerosenteich-Gemälde von Claude Monet ausgestellt sind, produziert der Fotograf Seb (Abraham Wapler) ein Stop-Motion-Video: Ein Model tanzt vor den Monet-Bildern. Mit diesen modischen Internet-Clips verdient sich Seb sein Geld. In DIE FARBEN DER ZEIT könnte es also um Monet gehen…

Wenig später ist Seb einer von knapp 50 Personen, die sich in einem Saal versammelt haben. Sie sind die letzten lebenden Nachkommen von Adèle Meunier, die ihnen ihr einsam gelegenes Landhaus in der Normandie vererbt hatte. Seit 1944 war es nicht mehr bewohnt – jetzt soll es (80 Jahre später) dem Parkplatz eines Einkaufszentrums weichen. Vier Delegierte der Familie sollen das Haus vor dem Verkauf und Abriss nach möglichen wertvollen Erbstücken durchforsten: der Imker Guy (Vincent Macaigne), die Geschäftsfrau Céline (Julia Piaton), der Französischlehrer Abdel (Zinedine Soualem) und eben Seb.

Auf der Bahnfahrt im TGV in die Normandie lernen sich die vier näher kennen, bevor sie in Anwesenheit offizieller Vertreter das Haus feierlich öffnen. Hier finden sie außer Modergeruch unzählige Dokumente und Fotografien aus dem Leben von Adèle Meunier – aber auch ein unsigniertes Gemälde und ein skizzenhaft bemaltes Stück Leinwand.

Müde von der Suche legt sich Seb auf die Couch – und schläft sofort ein. Er träumt sich ins Jahr 1895 – hier setzt die erste Rückblende ein. Die 21-jährige Adèle (Suzanne Lindon) reist nach dem Tod ihrer Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist, nach Paris, um ihre Mutter zu suchen. Diese hatte das Baby kurz nach der Geburt weggegeben, überweist aber seitdem jeden Monat 100 Franc. Mit Pferdefuhrwerk und Seine-Dampfer beginnt Adèle die lange Reise. Zuvor hatte sie sich noch von ihrem Jugendfreund, einem Bauernsohn, verabschiedet.

Auf dem Schiff lernt sie die beiden Freunde Anatole (Paul Kircher) und Lucien (Vassili Schneider) kennen, die ihr anbieten, sie zu besuchen – sie wohnen im Künstlerviertel direkt über einer Kneipe. Beim Anblick des Eiffelturms huscht ein Lächeln über Adèles Gesicht. Als sie das Schiff verlässt und hinter einer Treppe am Ufer verschwindet, biegt kurz danach ein Jogger um die Ecke – wir sind wieder im Jahr 2024. (Dieses Prinzip, ohne Schnitt einen Zeitsprung zu machen, hatte sich Klapisch offensichtlich vom griechischen Regisseur Theo Angelopoulos abgeschaut; der war ein Meister darin.)

Bei der nächsten Rückblende ist Adèle auf dem Weg zur einzigen Adresse, die sie hat: die des Anwalts ihrer Mutter, der die Überweisungen getätigt hatte. Der Anwalt gibt Adèle die Anschrift des Salons, in dem ihre Mutter Odette (Sara Giraudeau) angeblich arbeitet. Dort angekommen, erlebt Adèle den Schock ihres Lebens: Odette ist der gefeierte Star eines Edel-Bordells. Panisch flieht die junge Frau zu Anatole und darf im Zimmer der beiden Freunde übernachten. Anatole will ein berühmter Maler, Lucien ein berühmter Fotograf werden. Ständig streiten sie sich, welche Kunstform am Ende überleben wird. (Wir wissen heute: beide!)

Bei ihrem zweiten Besuch bei Odette erfährt Adèle, dass ihre Mutter neun Monate vor der Geburt zwei Verehrer hatte: einen damals schon bekannten Fotografen, Félix Nadar, und einen erfolglosen Maler, Claude Monet! Adèle sucht die Pariser Salon-Größe Félix Nadar (Fred Testot) in seinem Atelier auf – Lucien ist übrigens inzwischen sein Schüler -, spürt aber keine Vater-Tochter-Beziehung. Also doch vielleicht Monet…

Zurück im Heute fahren die vier mit dem im Haus gefundenen Gemälde nach Le Havre, um das Bild von der Kunstexpertin Calixte (Cécile de France) prüfen zu lassen. Die vermutet ein Monet-Original – will das Kunstwerk aber von Kollegen untersuchen lassen. Abends an der Hotelbar lassen sich Calixte und die vier Übermütigen in der Vorfreude auf den zu erwartenden Geldregen zu einem Experiment hinreißen: gemeinsam „magic mushrooms“ einzunehmen. Bei ihrem Drogenrausch landen sie in der ersten Pariser Impressionisten-Ausstellung (1874) und treffen dort auf alle berühmten Maler: Pissarro, Renoir, Sisley, Guillaumin, Morisot, Degas – und Monet. Sein damals umstrittenes Gemälde „Impression – Sonnenaufgang“ ist DAS Thema des Abends. Und Calixte rastet völlig aus…

Diese Phantasmagorie der fünf „Zurück in die Zukunft“-Helden ist der visuelle Höhepunkt des Films. Am Ende erfahren wir dann, wie es zur Entstehung des Bildes „Impression – Sonnenaufgang“ kam, das einer ganzen Epoche den Namen gab. Nach einem Tête-à-Tête in einem Hotel in Le Havre stellt sich Claude Monet (auch: Abraham Wapler) ans Zimmerfenster und malt den Sonnenaufgang über dem Hafen.

Am 27. Dezember 1895 schläft Adèle zum ersten Mal mit Anatole, und einen Tag später gehen Lucien und Félix Nadar ins Grand Café am Boulevard des Capucines, wo angeblich bewegte Bilder gezeigt werden sollen. Adèle besucht den in die Jahre gekommenen Monet (jetzt: Olivier Gourmet) und lässt sich von ihm porträtieren. So schließt sich der Kreis…

Das unglaublich ausgefeilte Drehbuch von Cédric Klapisch und Santiago Amigorena steckt voller Hintergründe, Geheimnisse und Anspielungen. Ein Paradies für Fährtensucher! Natürlich entspricht nicht alles der Wahrheit – warum auch: Es gibt genug Bücher über Kunst-, Foto- und Filmgeschichte. Klapisch und sein überragendes Schauspielerensemble haben mit DIE FARBEN DER ZEIT einen der besten Filme des Jahres vorgelegt. Am Ende bleibt eine Frage unbeantwortet: Was ist die beste Kunstgattung? Malerei, Fotografie, Film oder der moderne Video-Clip auf TikTok. Ein Film auf drei Zeitebenen und voller verblüffender Ideen.

P. S. Die Übersetzung des Originaltitels lautet übrigens „Die Ankunft der Zukunft“.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

La venue de l'avenir (Frankreich 2025)

Länge

127 Minutwn

Genre

Tragikomödie

Regie

Cédric Klapisch

Drehbuch

Cédric Klapisch, Santiago Amigorena

Kamera / Bildgestaltung

Alexis Kavyrchine

Darsteller

Suzanne Lindon, Abraham Wapler, Vincent Macaigne, Julia Piaton, Zinedine Soualem, Paul Kircher, Vassili Schneider, Sara Giraudeau, Cécile de France

Verleih

Studiocanal GmbH

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