Eines vorweg – und das ist nicht negativ gemeint: DIE ERMITTLUNG von RP Kahl ist eine Zumutung! Der Regisseur hat das gleichnamige, 1965 uraufgeführte Theaterstück des deutsch-schwedischen Schriftstellers Peter Weiss streng minimalistisch komplett in unglaublichen vier (!) Stunden verfilmt. Und jede dieser 240 Minuten fordert uns Zuschauer bis zum Äußersten heraus. Wollen wir uns das wirklich antun? Ich meine, ja!
Im Mittelpunkt stehen die unmenschlichen Gräueltaten im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Autor Peter Weiss hatte die authentischen Zeugenaussagen, Gerichtsprotokolle und Einlassungen der Angeklagten beim ersten Auschwitz-Prozess auf bundesdeutschem Boden (1963-65) zu einem „Oratorium in elf Gesängen“ (so der Untertitel) umgearbeitet. In einem schmucklosen Raum, der ganz bewusst nicht an einen Gerichtssaal erinnert, rekonstruiert nun Regisseur RP Kahl das unfassbare Geschehen. Mit nur wenigen Requisiten – Tische, Stühle, Mikrofone – wird aus einem Filmstudio eine abstrakte Bühne. Doch DIE ERMITTLUNG will nie nur verfilmtes Theater sein. Hier ist zwar alles extrem stilisiert – und gleichzeitig große Schauspielkunst, aber eben dabei auch inszenatorisch virtuos ausgefeilt.
Die insgesamt 60 Schauspielerinnen und Schauspieler hatten den Weiss-Text in vier Wochen minutiös geprobt und anschließend in fünf (!) Tagen alle elf Gesänge in jeweils nur einer Einstellung mit gleichzeitig acht Kameras gedreht – was für eine Herausforderung!
Fast ständig im Bild sind der Richter (Rainer Bock), der Ankläger (Clemens Schick) und der Verteidiger (Bernhard Schütz). Sie und die 39 Zeugen bleiben namenlos, die 18 Angeklagten werden namentlich genannt. Wie aus dem Nichts treten jeweils ein bis drei Zeugen – raffiniert beleuchtet – an den Rand einer imaginären Bühne vor ein Mikrofon und machen ihre Aussagen.
Das klingt auf den ersten Blick ziemlich dröge – doch das Ergebnis ist ein ganz anderes. Mal schlicht, mal stockend, mal emotional aufgewühlt legen die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Rollen an. Aber was sie zu sagen haben, verschlägt uns den Atem. Ist das alles damals wirklich so passiert? Die von Peter Weiss in eine lyrisch-rhythmische Form gegossenen Texte bleiben das, was sie sind: schreckliche Wahrheiten über einen unvorstellbaren Völkermord.
Bei den Aussagen bleiben vor allem die Auftritte von Christiane Paul, Sabine Timoteo, Karl Markovics und Tom Wlaschiha in Erinnerung. Die 18 Schauspieler, die die Angeklagten spielen, legen ihre Parts so an, als ob sie ständig Hannah Arendts Begriff von der „Banalität des Bösen“ verdeutlichen wollten. Ein ungewöhnlicher Ansatz! Doch im Zentrum stehen natürlich Rainer Bock, Clemens Schick und Bernhard Schütz, die die Leinwand mit all ihrem Können dominieren.
Die einzelnen „Gesänge“ werden durch Luftbilder des Lagers voneinander abgesetzt, auf denen das kommende Kapitel genannt wird: „Gesang von der Rampe“, „Lager“, „Schaukel“, „schwarze Wand“ usw. – bis zum „Gesang von den Feueröfen“. Während des Films erklingen zwischendurch nur kurze Musiksplitter von Komponist Matti Gajek. Erst ganz am Ende hören wir zu den heutigen Bildern der Auschwitz-Ruinen Teile aus der „Sinfonie der Klagelieder“ des Polen Henryk Mikołaj Górecki. Ein scheinbar versöhnlicher Schluss!
DIE ERMITTLUNG kommt in zwei unterschiedlichen Versionen in unsere Kinos: als Vier-Stunden-Originalfassung und als gekürzte Variante mit acht Gesängen, die (nur!) 186 Minuten dauert. Ich empfehle die 240 Minuten. Man mag es kaum glauben, aber das ist großes Kino!
Die Ermittlung (Deutschland 2024)
240 Minuten (Originalfassung mit 11 Gesängen, 186 Minuten (gekürzte Fassung mit 8 Gesängen)
Drama
RP Kahl
Peter Weiss, nach dem Theaterstück „Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen“ von Peter Weiss
Rainer Bock, Clemens Schick, Bernhard Schütz, Arno Frisch, Thomas Dehler, Sabine Timoteo, Christiane Paul, Nicolette Krebitz, Barbara Philipp, Tom Wlaschiha, Karl Markovics, Wilfried Hochholdinger, u.v.m.
Leonine Distribution GmbH