Das neue Evangelium

Kinostart: 17.12.2020

FSK noch unbekannt OT: The New Gospel (Deutschland / Schweiz / Italien 2020)
Länge: 107 Minuten
Genre: Drama / Hybrid
Regie: Milo Rau
Drehbuch: Milo Rau
Darsteller: Yvan Sagnet, Papa Latyr Faye, Samuel Jacobs, Yussif Bamba, Jeremiah Akhere Ogbeide, Mbaye Ndiaye, Kadir Alhaji Nasir, Ali Soumaila, Vito Castoro, Marie Antoinette Eyango, Anthony Nwachukwu, Mohammed Souleiman, Alexander Kwaku Marfo, Blessing Ayomonsuru
Verleih: Port au Prince Pictures GmbH

Es scheint ein aktueller Trend zu sein, alte Vorlagen – ob literarisch oder mythologisch – mit der Flüchtlingsproblematik zu verknüpfen. So machte der deutsche Regisseur Burhan Qurbani in seinem Drei-Stunden-Epos „Berlin Alexanderplatz“ nach dem Roman von Alfred Döblin aus dem Berliner Franz Biberkopf einen afrikanischen Flüchtling, und die kanadische Regisseurin Sophie Deraspe verlegte in ihrem Meisterwerk „Antigone“ (Filmfest Hamburg 2020) das antike Drama von Sophokles ins heutige Montreal, wo in Kanada gestrandete Algerier um ihr Überleben kämpfen. 

Der Schweizer Dokumentarfilmer Milo Rau geht in „Das neue Evangelium“ einen ähnlichen Weg. In der süditalienischen Stadt Matera, im Jahr 2019 Kulturhauptstadt Europas, lässt er die Leidensgeschichte von Jesus nachspielen – mit einheimischen Laien und afrikanischen Flüchtlingen, die als unterbezahlte Arbeiter in den Tomatenfeldern ausgebeutet werden und in überfüllten Ghettos rund um Matera ein unwürdiges Dasein fristen.

Der Ort Matera wurde nicht zufällig gewählt. Genau hier haben Pier Paolo Pasolini („Das Evangelium nach Matthäus“) und Mel Gibson („Die Passion Christi“) ihre Jesus-Filme gedreht – Matera hat von der Lage her eine gewisse Ähnlichkeit mit Jerusalem. Eine besondere Pointe: Pasolinis Jesus, Enrique Irazoqui (der kurz nach den Dreharbeiten gestorben ist), spielt hier Johannes den Täufer, und Gibsons Maria, Maia Morgenstern, übernimmt in Raus Film die gleiche Rolle. Marcello Fonte, in Cannes für „Dogman“ mit der Silbernen Palme ausgezeichnet, gibt den Pontius Pilatus. Die Hauptrolle Jesus Christus wird vom Farbigen Yvan Sagnet gespielt, einem aus Kamerun stammenden Politaktivisten, der im Jahr 2011 den größten Streik der italienischen Landwirtschaft organisiert hatte und quasi zu einem Volkshelden wurde.

Milo Raus hybrider Film versucht, drei disparate Elemente miteinander zu verbinden: einen Dokumentarfilm über das unerträgliche Leben der afrikanischen Flüchtlinge in Süditalien, ein aufwühlendes Sozialdrama und einen (fast) klassischen Bibelfilm. Das gelingt nicht immer: In der ersten Hälfte des Films fragt man sich bisweilen, was will der Regisseur, wo will er hin? Da werden Rollen für die Bibelszenen besetzt – sogar Materas Bürgermeister möchte mitspielen und streift im Amtszimmer schon mal eine Kutte über -, und immer wieder schweift die Kamera über das Elend der Flüchtlingslager. Zwischendurch erklärt Yvan Sagnet die Idee seiner von ihm gegründeten Campagne „Revolte der Würde“, mit dem Ziel, dass Landarbeiter ein freies, unabhängiges Leben führen dürfen.

Doch irgendwann wird Milo Raus Absicht deutlich: Das Disparate ist gewollt, der Regisseur überlässt es uns Zuschauern, die einzelnen Teile zu verbinden. Jeder, der eine reine Bibel-Verfilmung erwartet hatte, wird enttäuscht. Die Leiden Jesu sind praktisch nur eine Zugabe, obwohl alle wichtigen Szenen zu sehen sind: die Taufe, Jesus und seine Jünger am See Genezareth, das „letzte Abendmahl“, Jesus bei Pontius Pilatus, der Weg nach Golgatha – hier hilft der Bürgermeister beim Tragen des Kreuzes -, Kreuzigung und Tod.

Milo Raus sperriger, mutiger Film verlangt dem Zuschauer einiges ab. „Das neue Evangelium“ ist kein Unterhaltungskino, es will aufrütteln. Schon Pasolini hatte seinen Filmklassiker als provokantes Politdrama angelegt. Rau ist ein würdiger Nachfolger.

Digitaler Kinostart im Lockdown

Da die Kinos im aktuellen Lockdown immer noch geschlossen sind, hat sich der Verleih „Port au Prince Pictures“ etwas Besonderes einfallen lassen und startet den Film digital als sogenannte digitale Kinoauswertung und mit Beteiligung der Kinos, die konkret und unmittelbar an den Streaming-Umsätzen beteiligt werden. 

„Mit DAS NEUE EVANGELIUM starten wir einen hochpolitischen Film, der thematisch offenkundig in diese Zeit gehört. Die Entscheidung, den Filmstart nicht zu verschieben, sondern den Film in jedem Fall digital und unter Beteiligung der Kinos zugänglich zu machen, hat also gewichtige inhaltliche Gründe. Außerdem wollen wir zeigen, dass auch in Lockdown-Zeiten neue Filme mit relevanten Themen erfolgreich starten können und wir wollen mit dem Film dazu beitragen, dass das Kino in diesen auch für die Kinos schweren Monaten nicht gänzlich aus den Köpfen seiner Fans verschwindet“, erklärt Jan Krüger von Port au Prince Pictures.

Und so funktioniert es:

Unter www.dasneueevangelium.de erwirbt der Zuschauer sein Online-Kinoticket und wählt gleichzeitig ein Kino aus, das er am Erlös beteiligen möchte. Dieses Kino erhält dann 30% des Preises eines digitalen Tickets. Der Film DAS NEUE EVANGELIUM ist nach Bezahlung und anschließender Aktivierung der Ticket-ID 24 Stunden streambar. Zusätzlich wird als Bonusmaterial ein Q&A mit Regisseur Milo Rau und dem Hauptdarsteller und Politaktivisten Yvan Sagnet abrufbar sein.

Die Preise für die digitale Auswertung:

Einzelticket: 9,99 Euro
Ab 20 Karten bei Gruppen: 7,99 Euro
Ab 50 Karten für Gruppen: 5,99 Euro

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Neustarts am 17.12.2020

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