Die Autorin und Regisseurin Andrea Arnold hat sich in ihren Filmen schon immer mit Menschen an den Rändern der Gesellschaft beschäftigt. Das behält sie auch in BIRD bei und legt damit den zweitbesten Film ihrer Karriere vor…
Die zwölfjährige Bailey (Nykiya Adams) lebt mit ihrem Vater Bug (Barry Keoghan) vor den Toren Londons in einem besetzten Haus. Doch anstatt sich um seine Tochter zu kümmern, feiert und kokst Bug lieber die Nächte durch und jagt seiner irrsinnigen Idee hinterher, aus dem Sekret einer speziellen südamerikanischen Kröte eine halluzinogene Superdroge zu entwickeln und damit reich zu werden. Immer häufiger geraten die beiden daher aneinander. Als Bailey wieder einmal nach einem Streit abgehauen ist, trifft sie auf den sonderbaren Bird (Franz Rogowski), der in einem Faltenrock Purzelbaum schlagend wie aus dem Nichts auf sie zukommt. Doch Bailey fasst Zutrauen zu Bird, und so wird dieser zu ihrem engsten Vertrauten. Doch ist er wirklich derjenige, der er vorgibt zu sein?
Im Jahre 2009 überraschte Andrea Arnold sowohl Presse als auch das Publikum mit ihrem Film „Fish Tank“ über eine Jugendliche in prekären Verhältnissen. Damit traf sie einen Nerv, vor allem aufgrund ihrer eindrucksvollen Hauptdarsteller Katie Jarvis und Michael Fassbender. Auch heute zählt der Film noch zu den besten Vertretern dieses Genres. In BIRD beschäftigt sich Arnold erneut mit Menschen, die aus dem normierten Gesellschaftsbild fallen. Doch die Regisseurin verurteilt ihre Figuren nicht, sondern begegnet ihnen mit Respekt und auf Augenhöhe. Gerade Barry Keoghans Figur Bug zeichnet sie als liebevollen Vater, wenn er denn in der entsprechenden Verfassung ist. Der langsamen beginnenden Pubertät seiner Tochter steht er jedoch hilflos gegenüber. Das führt dazu, dass die zwölfjährige Bailey oftmals erwachsener agiert – oder agieren muss – als die wesentlichen älteren Menschen in ihrem Umfeld.
In gewissem Sinne ist BIRD für Arnold auch eine Art Rückkehr zu ihren Wurzeln. Auch in „Fish Tank“ ging es um eine junge Frau, die in einem zerrütteten Umfeld ihren eigenen Weg sucht. Dieses Mal fügt die Regisseurin aber ein Stückchen magischen Realismus hinzu, den man in diesem Umfeld eher weniger vermutet hätte. Unterstützt wird diese Erzählung durch die eindrucksvolle Handkamera von Robbie Ryan, die uns Zuschauer mitten in die fantastische Story wirft.
Vereinzelt fordert Andrea Arnold viel von ihren Zuschauern, doch wenn man sich auf ihre ungewöhnliche Erzählweise einlässt, dann entfaltet sich auf der Leinwand ein wunderschönes modernes Märchen, das zum Nachdenken anregt.
Bird (Großbritannien 2024)
114 Minuten
Drama
Andrea Arnold
Andrea Arnold
Robbie Ryan
Barry Keoghan, Franz Rogowski, Nykiya Adams, Jason Edward Buda, Jasmine Jobson, James Nelson-Joyce, Frankie Box
MFA+ FilmDistribution e.K.