Der besondere Film kommt diese Woche aus Thailand: Ratchapoom Boonbunchachoke erzählt in seinem Langfilmdebüt, der verspielt-surrealistischen Gesellschaftssatire A USEFUL GHOST, von Geistern der Vergangenheit und der Liebe eines Witwers zu einem Staubsauger, die von der Familie nicht toleriert wird. Nostalgisch geprägt erreicht dies hoffentlich Herz und Hirn der Zuschauenden.
March (Witsarut Himmarat) liebt in A USEFUL GHOST tatsächlich einen Staubsauger. Aber das hat auch einen guten Grund, denn im Inneren des saugstarken Haushaltsgeräts hat die Seele seiner an Luftverschmutzung verstorbenen Frau Nat (Davika Hoorne) Zuflucht gefunden. Ein Arbeitsunfall hat dazu geführt, dass die in einer Fabrik hergestellten Produkte von einem Geist besessen werden. Um die restliche Familie von ihrer Existenz zu überzeugen, versucht sich Nat bei allen als nützlich zu erweisen.
Boonbunchachoke erzählt in A USEFUL GHOST nicht nur von einer schrägen Romanze, sondern offenbart in der Gesellschaftssatire auch, dass Staub in Thailand eine vielschichtige Bedeutung hat: „In den letzten zehn Jahren ist in Thailand das Bewusstsein für Staubverschmutzung stark gestiegen. Man vermutet, dass sie vor allem durch große Industrieanlagen verursacht wird. Doch jenseits des wörtlichen Staubs, also der winzigen Partikel in der Luft, hat ‚Staub‘ in der thailändischen Gegenwartssprache eine tiefere Bedeutung angenommen: Er steht für Menschen, die wie Dreck behandelt werden – als weniger wertvoll, ohne Stimme, ohne Einfluss auf ihr eigenes Leben. Anfangs wurde die Staubverschmutzung eher sarkastisch kommentiert: ‚Kein Wunder, dass es bei uns so viel Staub gibt, unser ganzes Land ist voller Staub.‘ Gemeint waren nicht nur Schwebeteilchen, sondern auch Menschen, die leicht übersehen, beiseitegeschoben oder ausgelöscht werden, wann immer es der herrschenden Klasse passt.“
Der thailändische Autorenfilmer Ratchapoom Boonbunchachoke ließ sich bei seinem Langfilm-Regiedebüt A USEFUL GHOST von der thailändischen Geisterlegende von Mae Nak inspirieren, die eine verbotene Liebe zwischen einer toten Frau und ihrem lebenden Ehemann schildert. „Diese Geschichte hat in Thailand einen enormen kulturellen Stellenwert und wurde oft für Bühne, Film und Fernsehen adaptiert.“, so Boonbunchachoke. Er ist auch „stark vom europäischen Kino beeinflusst.“ Jacques Rivette, Manoel de Oliveira, João César Monteiro, Otar Iosseliani, Raúl Ruiz, Chantal Akerman, Eugène Green (auch wenn er Amerikaner ist, dreht er in Frankreich) haben ihn geprägt: „Ihre Filme sind nicht einfach surreal, sie wirken schlicht, träumerisch, alltäglich und doch unheimlich. Diese Atmosphäre fasziniert mich: das Unscharfe zwischen Traum und Wirklichkeit.“
A USEFUL GHOST hat eine eigentümliche Atmosphäre, in der eine nostalgische Note mitschwingt. Und es lohnt sich, auf Details zu achten. Die Haarfarbe der Protagonist:innen oder das fantastisch aussehende Kostüm von Nat (als sie wieder menschliche Gestalt annimmt). Dazu noch Schulterpolster, weil sie eine Last trägt. Neben dem ungleichen Liebespaar, erleben wir auch die gleichgeschlechtliche Romanze zwischen einem jungen Thailänder und einem vermeintlichen Wartungsmitarbeiter, der einen Kühlschrank überprüfen soll, der wohl ebenso von einem Geist besessen ist. Liebevoll entblättert sich auch hier, dass nichts so ist wie es ursprünglich scheint.
Als Nat wieder in Menschengestalt auf Erden wandelt, wird sie von der herrschenden, konservativen Oberklasse vereinnahmt, um dank fraglicher Forschungsmethoden einen Erkenntnisgewinn zu erlangen. Die blutige Niederschlagung der Massenproteste in Bangkok im Jahr 2010 bekommt schließlich noch eine tragische Bedeutung. Und Davika Hoorne, die 1992 in Bangkok als Tochter einer Thailänderin und eines Belgiers geboren wurde, überzeugt als Nat komplett – und ist in Thailand zudem ein großer Star! Sie arbeitet als Schauspielerin, Model, Sängerin und Youtube-Star. Mit 18,2 Millionen Fans auf Instagram ist sie die Künstlerin mit den meisten Followern in Thailand.
Die stilvolle Fabel A USEFUL GHOST feierte im Mai 2025 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes seine Premiere – und wurde dort mit dem „Großen Preis der Semaine de la Critique“ ausgezeichnet. Außerdem wurde Boonbunchachokes Langfilm-Debüt von Thailand als Beitrag für die Oscarverleihung 2026 als „bester Internationaler Film“ eingereicht, fand sich aber leider nicht auf der Liste der von der Academy zugelassenen Filme. Im Oktober 2025 war der Film zudem beim Filmfest Hamburg zu sehen.
Ratchapoom Boonbunchachoke, der das Drehbuch gemeinsam mit Geoffroy Grison verfasste, räumt in A USEFUL GHOST mit traditionellen Beziehungsvorstellungen, überholten Geschlechterrollen und einer verlogenen Erinnerungskultur auf. Statt auf moderne Spezialeffekte setzt er vor allem auf liebevoll-nostalgische und praktische Effekte und Designs. Eine wirklich ganz besondere, fantastisch-surreale Gesellschaftssatire, die hoffentlich auch hierzulande ein aufgeschlossenes Arthouse-Publikum finden wird.
Pee chai dai ka (Thailand / Frankreich / Singapur / Deutschland 2025)
135 Minuten
Drama / Fantasy
Ratchapoom Boonbunchachoke
Ratchapoom Boonbunchachoke
Pasit Tandaechanurat
Davika Hoorne, Witsarut Himmarat, Apasiri Nitibhon, Wanlop Rungkumjad, Wisarut Homhuan
Little Dream Entertainment