Der Film der Woche

In die Sonne schauen

28.08.2025

Ein Vierseitenhof in der Altmark und das Leben von vier Mädchen in ihrem bäuerlichen Alltag, verteilt auf vier Jahrzehnte der vergangenen rund 100 Jahre – das klingt sehr deutsch und sehr bieder. Doch IN DIE SONNE SCHAUEN von Mascha Schilinski ist kein langatmiges Historiendrama, sondern genau das Gegenteil: eine poetische Meditation im Stil des „Stream of Consciousness“ (Bewusstseinsstrom) moderner Literatur. Ein sensationelles Kunstwerk nur für das Kino! In Cannes ausgezeichnet mit dem „Preis der Jury“.

Der Beginn des Films kann nicht rätselhafter sein: Die offenbar einbeinige Erika (Lea Drinda) streift auf Krücken durch die dunklen Gänge des riesigen Bauernhofs. Sie ist fasziniert von ihrem bettlägerigen Onkel Fritz (Martin Rother), der mit amputiertem Unterschenkel vor sich hin vegetiert, und hatte sich nur mal kurz ein Bein hochgebunden und die Krücken ausgeborgt. Zögernd betritt sie – nun wieder auf zwei Beinen – Fritz’ Zimmer und nähert sich dem Schlafenden. Mit ihrem Zeigefinger bohrt sie im Bauchnabel ihres Onkels und kostet seinen Schweiß.

Die 149 Minuten von IN DIE SONNE SCHAUEN sind voll mit bizarren Episoden dieser Güte. Manchmal fühlt man sich als Zuschauer wie in einem Geisterreich – etwa als eine Fliege in den offenen Mund eines toten Kindes fliegt. Denn der Tod ist ständig präsent. Doch auf eine nacherzählbare Handlung darf man sich hier nicht verlassen. Hier ist alles assoziativ, hypnotisch und voller Magie.

Die Vorgeschichte von Fritz’ Verletzung erzählt uns (Jahrzehnte zuvor) die siebenjährige Alma (Hanna Heckt) in ihrem eigentümlichen altmärkischen Plattdeutsch (für Süddeutsche untertitelt). Um nicht kurz vor dem Ersten Weltkrieg eingezogen zu werden, springt Almas älterer Bruder (jetzt: Filip Schnack) vom Heuboden und bricht sich das Bein, das sich entzündet…

Almas Welt ist die Ahnen-Fotogalerie auf der Wohnzimmer-Kommode: unscharfe Fotos und Doppelbelichtungen wie aus dem Gruselkabinett. Alma entdeckt, dass sie nach ihrer verstorbenen Schwester benannt wurde. Sie stellt das Foto mit dem toten Kind für sich nach – wie morbide ist das denn? In einer Nebenhandlung wird gezeigt, wie für ein Familienfoto einer jüngst Verstorbenen die Lider an den Augenbrauen regelrecht festgenäht (!) werden. Eine Szene zum Weggucken! So werden Tote lebendig.

In den 1980er-Jahren der Spät-DDR lernen wir die aufmüpfige Angelika (Lena Urzendowsky) kennen, die sich gegen ihren aufdringlichen Onkel Uwe (Konstantin Lindhorst) zur Wehr setzen muss und ihrem schüchternen Cousin Rainer (Florian Geißelmann) Avancen macht. In der Jetztzeit hat sich eine Berliner Familie in dem heruntergekommenen Vierseitenhof niedergelassen. Während sich die ältere Tochter Lenka (Laeni Geiseler) mit einer Stand-Up-Paddlerin anfreundet, wirkt ihre kleine Schwester Nelly (Zoë Baier) mit ihrer Todessehnsucht wie eine Reinkarnation von Alma. Wiederholt sich die Geschichte?

Vier Mädchen – Alma (1910er), Erika (1940er), Angelika (1980er) und Nelly (2020er) – vier Epochen, vier Schicksale: der Schmerz und der Tod. Das prägende Stilmittel der Regisseurin in IN DIE SONNE SCHAUEN ist die Folge von Selbstmord-Fantasien der Mädchen: eines lässt sich von einem Mähdrescher zerstückeln, eine springt vom Pferdefuhrwerk und wird überrollt, eine andere springt aus dem Fenster – und eine rollt einen Hügel hinunter und ertrinkt im Fluss. In dieser Szene zeigt sich Mascha Schilinskis cineastisches Vorbild: Hier zitiert sie die Schlussszene aus Robert Bressons Meisterwerk „Mouchette“ (1966). Wir sind dankbar, dass nicht jeder der Suizide unbedingt real sein muss…

Die Männer spielen in IN DIE SONNE SCHAUEN nur eine untergeordnete Rolle. Trotzdem haben sie das Sagen. Die Frauen und Mädchen sind gefangen in einer Welt aus Tradition, Unterdrückung und Aberglaube. Es gibt kein Entrinnen. Nur in der letzten Einstellung hat es die Regisseurin mit ihrer Hyper-Symbolik doch reichlich übertrieben – das musste nicht sein.

Die Kamera von Fabian Gamper zeigt uns im ungewöhnlichen 4:3-Format ein düsteres Mitteldeutschland. Auch der ständige Sommer und die hellen Farben draußen in der Natur können nicht darüber hinwegtäuschen: Dieser Vierseitenhof mit seinen finsteren Fluren und Zimmern ist kein Paradies. Ständig schaut die Kamera mit Kinderaugen durch Schlüssellöcher und Spalten der Holzwände. Unscharfe Bilder und Weichzeichner-Effekte verstärken die unwirkliche Atmosphäre.

IN DIE SONNE SCHAUEN macht es uns nicht einfach, den Film zu verstehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich so mancher Zuschauer überfordert oder gelangweilt fühlt. Der Film ist klassisches Arthouse-Kino für Intellektuelle. Doch jeder, der sich dem besonderen Sog dieses Kunstwerks hingibt, wird reich belohnt. Ein Höhepunkt des Kino-Jahres!

P. S. Mit IN DIE SONNE SCHAUEN geht Deutschland in das Rennen um den Oscar 2026 für den „Besten ausländischen Film“.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab16

Originaltitel

In die Sonne schauen (Deutschland 2025)

Länge

154 Minuten

Genre

Drama

Regie

Mascha Schilinski

Drehbuch

Mascha Schilinski, Louise Peter

Kamera / Bildgestaltung

Fabian Gamper

Darsteller

Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler, Zoë Baier, Hanna Heckt, Lea Drinda, Luise Heyer, Greta Krämer, Filip Schnack, Helena Lüer, Anastasia Cherepakha, Susanne Wuest, Gode Benedix, Luzia Oppermann, Bärbel Schwarz, Liane Düsterhöft, Martin Rother, Florian Geißelmann, Konstantin Lindhorst, Claudia Geisler-Bading, Andreas Anke, Ninel Geiger, Lucas Prisor

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

Filmwebsite

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