Trauer, Liebe, Humor, Alltagsstress und viel Chaos – das alles raffiniert verzahnt und als emotionales Auf und Ab inszeniert: Dafür lieben wir das französische Kino. Das Melodram WAS UNS VERBINDET von Carine Tardieu liegt ganz auf dieser Linie. Und wir Zuschauer fragen uns: Sollen wir mit den Figuren trauern oder uns mit ihnen freuen? Dieser Film ist ein Plädoyer für mehr Empathie! Der Kitsch bleibt dabei zum Glück außen vor. (Das hätte bei diesem Thema auch schief gehen können.)
Sandra (Valeria Bruni Tedeschi) ist eine alleinstehende, selbstbewusste Frau in den Fünfzigern und betreibt eine feministische Buchhandlung. Sie fühlt sich wohl in ihrem unabhängigen Leben fern aller Konventionen und Bindungen. Eines Nachts klingelt ihr Nachbar Alex (Pio Marmaï) Sturm: Bei seiner hochschwangeren Frau Cécile (Mélissa Barbaud) sei die Fruchtblase geplatzt, sie müssten sofort ins Krankenhaus. Alex bittet die zurückgezogen lebende Nachbarin händeringend, ausnahmsweise solange auf seinen sechsjährigen Stiefsohn Elliott (César Botti) aufzupassen. Eher widerwillig nimmt sie den Jungen mit in ihre Wohnung.
Schnell ist sie genervt von Elliott, der ihr tausend Fragen stellt und ihr nicht von der Seite weicht. Wie soll sie die nötigen Muttergefühle entwickeln, die sie nie kennengelernt hatte? Als am nächsten Morgen Alex immer noch nicht zurück ist, nimmt Sandra Elliott kurzerhand mit in die Buchhandlung. Doch auch dort nervt der Junge – und Alex ist übers Handy nicht erreichbar. Glücklicherweise eilt Sandras Schwester Marianne (Florence Muller) zu Hilfe. Erst in der folgenden Nacht steht Alex vor Sandras Tür – am Boden zerstört: Cécile habe zwar eine gesunde Tochter, Lucille, zur Welt gebracht, aber bei der Geburt gab es Komplikationen, seine Frau sei tot.
Sandra spürt sofort, dass sie sich von nun an emotional einbringen muss – als Teil der Familie und trotz aller Gefühlshemmnisse. Wie Valeria Bruni Tedeschi diese in sich ruhende Einzelgängerin spielt, die sich allmählich emotional öffnet und in ihrer neuen Rolle aufblüht, ist schlichtweg atemberaubend.
Sandra bietet mutig an, Elliott und Alex auf dem schweren Weg ins Krankenhaus zur toten Mutter und Ehefrau zu begleiten, da sie weiß, wie sehr der Junge trotz der kurzen Zeit schon an ihr hängt. Bei einem Familientreffen lernt sie auch Elliotts leiblichen Vater David (Raphaël Quenard) und Céciles Mutter (Catherine Mouchet) kennen. Im Laufe der Zeit kommen sich Alex und Sandra langsam näher. Der in seiner Trauer ertrinkende Witwer sucht verzweifelt Halt in der sehr viel älteren Frau. Doch es bleibt bei einem Kuss – dagegen verbringt Sandra eine Nacht mit David. Und dann lernt Alex die Kinderärztin Emilia (Vimala Pons) kennen…
Strukturell erzählt WAS UNS VERBINDET das Leben der jungen Lucille – von der Geburt bis zum Alter von zwei Jahren. Natürlich ist das Baby nicht die Hauptperson – doch jeder will sich um das mutterlose Kind kümmern. Und so sind die einzelnen Kapitel mit dem jeweiligen Alter von Lucille überschrieben.
Bei dem Bemühen um Elliott und Lucille stößt jeder der Erwachsenen an seine Grenzen. Alle sind total überfordert und hadern mit Gott und der Welt. Wie die Regisseurin das Gefühls- und Alltagschaos dieser bemitleidenswerten Personen inszeniert, macht den besonderen Reiz dieses zu Herzen gehenden Melodrams aus. Am Ende haben wir alle liebgewonnen. Ein wunderbarer Film voller Menschlichkeit!
P. S. Das Drehbuch von Carine Tardieu, Agnès Feuvre und Raphaële Moussafir basiert übrigens auf dem Roman „L‘Intimité“ von Alice Ferney.
L’Attachement (Frankreich 2024)
106 Minuten
Drama
Carine Tardieu
Raphaële Moussafir, Agnès Feuvre, Carine Tardieu, nach dem Roman "L’intimité" von Alice Ferney
Elin Kirschfink
Valeria Bruni Tedeschi, Pio Marmaï, Vimala Pons, Raphaël Quenard, Cesar Botti, Catherine Mouchet, Marie-Christine Barrault
Alamode Filmdistribution OHG