Der taiwanesische Autorenfilmer Edward Yang schuf im Jahre 2000 mit YI YI ein Meisterwerk des asiatischen Kinos. Die Story spannt über mehrere Generationen einer Familie den Bogen von der Geburt bis zum Tode. Yangs Blick auf die moderne Gesellschaft um die Jahrtausendwende ist dabei tiefschürfend und kunstvoll zugleich.
Auf der Hochzeit von A-Di (Hsi-Sheng Chen) lernen wir die Charaktere aus YI YI kennen: Der Bräutigam glaubt an Horoskope, die Trauung findet an einem Glückstag statt. Doch die Braut ist hochschwanger, auch ein Grund zum Heiraten. Der kleine Junge Yang-Yang (Jonathan Chang) lässt sich von den Mädchen ärgern. Überall fliegen herzförmige rosarote Luftballons herum, auch ansonsten dominiert die Farbe rot in den Räumlichkeiten des Luxushotels, wo die Feierlichkeiten stattfinden.
Yang führt uns elegant und präzise in die Geschichte ein, er begleitet in YI YI die taiwanesische Familie Jian aus Taipeh: Vater N.J. (Nianzhen Wu) ist Computeringenieur, sein Schwager A-Di hat ständig finanzielle Probleme, aber glaubt weiterhin an sein Glück. Mutter Min-Min (Elaine Jin) kümmert sich um Teenagertochter Ting-Ting (Kelly Lee) und den kleinen Sohn Yang-Yang. Doch sie scheint eine Gefangene ihres eigenen Lebens zu sein, in dem ihrer Meinung nach ein Tag dem anderen gleicht.
N.J. trifft in dem Hotel vor dem Fahrstuhl zufällig seine Jugendliebe Sherry (Su-Yun Ko) wieder, die er seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie lebt nun in Japan und ist mit ihrem Mann auf Geschäftsreise in Taiwan. Eigentlich will sie ihn zur Rede stellen, denn N.J. hat sie damals versetzt. Doch sein Arbeitskollege kommt dazwischen, und so bleibt es beim Austausch der Visitenkarte. Als ob das noch nicht schon genug ist, steckt auch noch die Firma von N.J. in Schwierigkeiten und seine Schwiegermutter (Ru-Yun Tang) erleidet einen Schlaganfall.
Wie in einer Mittelklassefamilie in Taiwan üblich, leben mehrere Generationen unter einem Dach. Die Großmutter liegt fortan im Koma zuhause, ihre Enkelkinder Yang-Yang und Ting-Ting sollen mit ihr sprechen, damit sie wieder zu sich kommt. Ting-Ting macht sich Sorgen, dass sie vergessen hat, den Müll runter zu bringen. Schließlich ist ihre Oma dort verunglückt. Und der kleine Yang-Yang weiß überhaupt nicht, was er erzählen soll. Die alte Dame weiß doch alles! Mutter Min-Min fühlt hingegen eine erdrückende innere Leere – und geht ins Kloster! Findet sie da Erleuchtung?
Vater N.J., der Teilhaber einer Computerhardware-Firma ist, hat noch ganz andere Sorgen: Eine Kooperation mit Ota (Issey Ogata), einem innovativen Entwickler von Spielesoftware aus Japan, soll seine Firma vor der Pleite retten. Er fliegt also nach Tokio, wo er während der Geschäftsreise auch Sherry wieder trifft. Ota ist ein Mann der weisen Worte: „Warum haben wir Angst vor dem ersten Mal? Jeder Tag im Leben ist ein erstes Mal. Jeder Morgen ist neu. Wir erleben nie den selben Tag zweimal. Wir haben nie Angst, jeden Morgen aufzustehen. Warum?“ Das überträgt Ota auf die Geschäftswelt, in der Neues gewagt werden muss.
N.J. streift mit seiner Jugendliebe durch Tokyo und arbeitet vergangene Zeiten auf, Tochter Ting-Ting erlebt währenddessen ihre erste Liebe in Taipeh. Yang schafft in dieser Sequenz magische Momente, in dem er immer wieder zwischen dem jungen und dem alten Liebespaar hin- und herspringt. Händchenhaltend gleichen sie sich fast. Ting-Ting sitzt nach dem Kinobesuch mit ihrem Freund in einer Bar. Da erzählt er folgendes: “Mein Onkel sagt, wir leben dreimal länger seit das Kino erfunden wurde.“ Sie fragt nach: „Wie kann das sein?“. Darauf der Junge: „Es meint, dass wir im Film mehr erleben als uns das Leben geben kann.“
Das junge Paar hat einen dramatischen Film gesehen. Daher diskutieren die beiden über Mord (der später in YI YI noch an Bedeutung gewinnt). Yang schafft es so, das Medium Film zu reflektieren und wahre Worte über das Leben einfach auf den Punkt zu bringen. Wir begleiten auch immer wieder Yang-Yang in der Schule. Vater N.J. hat auf der Hochzeit in seinem Sohn die Leidenschaft zur Fotografie geweckt. Er fängt an, Dinge zu fotografieren, die die meisten Menschen übersehen. In der Schule wird er vom Lehrer und den Mitschüler:innen gehänselt, als die seine Werke sehen.
Yang-Yang schärft aber den Fokus und fotografiert nun nur noch Menschen von hinten. Das ist natürlich auch eine Herangehensweise von Edward Yang ans Filmemachen. Er zeigt die Realität vermeintlich einfach, doch er nutzt Spiegel und Fensterfronten, in denen Dinge zu sehen sind, die sonst verborgen blieben. In YI YI ist so bei jedem Schauen stets was Neues zu sehen.
Ebenso fantasievoll wie Yang-Yang nutzt der Regisseur und Drehbuchautor Edward Yang simple Einfälle, um kongenial ein Panorama des ganzen (realen) Lebens anhand einer einzigen Familie in nur 173 Minuten zu erzählen. Auch ganz ohne aufdringliche Filmmusik. Musik kommt vor, Beethoven und Bach sind natürlich gesetzt. Tochter Ting-Ting darf auch einen Jazz-Standard am Klavier zum Besten geben. Die Nachbarstochter spielt Cello. Für Vater N.J. spielt Musik ebenso eine ganz wichtige Rolle. Aber die Musik läuft fast nebensächlich, sie ist Teil der Geschichte.
Am Ende steht Yang-Yang am Sarg seiner Großmutter und liest aus seinen Notizen: „Weißt du was ich machen will, wenn ich erwachsen bin? Ich will den Leuten Dinge erzählen, die sie nicht wissen. Ihnen Dinge zeigen, die sie noch nie gesehen haben.“ Das trägt wohl autobiografische Züge, Edward Yang, einer der Vorreiter der New-Wave-Kinowelle seines Landes, hat mit YI YI eben diese Worte in die Tat umgesetzt. Leider war dies sein letzter Film, er starb 2007.
Edward Yang („Mahjong / Couples“, „Taipei Story“, „Ein Sommer zum Verlieben“) hatte eine subtile Herangehensweise an das Filmemachen, er arbeitete mit festen Kameraeinstellungen und lieferte akribische Bildkompositionen zum darin Schwelgen. „Ich möchte meine Sichtweise niemandem aufzwingen. Ich möchte die Dinge so natürlich und neutral wie möglich darstellen und es den Zuschauern überlassen, sich ihre eigene Meinung zu bilden“, erklärt Yang, warum er den Blick aus der Distanz liebt: um die Stille oder unangenehmen Momente, die sich im Inneren abspielen, besser darstellen zu können.
YI YI wurde von der New York Times in die Liste der 100 besten Filme des 21. Jahrhunderts aufgenommen und nahm bei einer 2010 gestarteten Umfrage von FilmComment zu den wichtigsten Filmen der Dekade Platz 3 ein. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes gewann Yang 2000 den Regiepreis. Die restaurierte Fassung in 4K feierte 2025 ebendort als Eröffnungsfilm der „Cannes Classics“ seine Premiere. Und nun gibt es auch eine deutsche Synchronfassung.
Yi Yi (Taiwan / Japan 2000)
173 Minuten
Drama
Edward Yang
Edward Yang
Yang Weihan, Li Longyu
Kelly Lee, Jonathan Chang, Nianzhen Wu, Elaine Jin, Issey Ogata, Hsi-Sheng Chen, Su-Yun Ko, Ru-Yun Tang
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