Wo in Paris die Sonne aufgeht

Mit WO IN PARIS DIE SONNE AUFGEHT legt der französische Regisseur Jacques Audiard wieder einmal ein kleines Meisterwerk vor – und damit den perfekten Abschlussfilm des Filmfests Hamburg. 

Émilie (Lucie Zhang) hat zwar ihr Elite-Studium erfolgreich beendet, schlägt sich jedoch mit billigen Gelegenheitsjobs durch, und hat immer wieder schnellen, bedeutungslosen Sex, obwohl sie eigentlich von einer Beziehung träumt. Camille (Makita Samba) hat als junger Lehrer noch Träume, jedoch nicht, wenn es um das Thema Liebe geht – da genügt ihm unkomplizierter Sex. Nora (Noémie Merlant) ist vom Land in die Stadt gezogen, um ihrer Vergangenheit zu entfliehen und mit Anfang 30 ihr Jurastudium wieder aufzunehmen. Und Louise (Jehnny Beth) bietet als „Amber Sweet“ im Internet erotische Dienste an. Drei Frauen und ein Mann, deren Wege sich im 13. Arrondissement von Paris treffen. Camille zieht bei Émilie als Mitbewohner ein, wird aber schnell zum Liebhaber und zieht umso schneller wieder aus. Liebe ist halt irgendwie nicht sein Stil – bis er die kühle Nora trifft. Deren Träume von einem Neustart haben sich aber bereits wieder zerschlagen, als Kommilitonen in ihr den Erotik-Star „Amber Sweet“ erkannt haben wollen. Getrieben durch das nun folgende Mobbing setzt sie alles daran, diesen ominösen Pornostar selbst kennenzulernen.

Es ist erstaunlich, wie treffsicher Audiard mit seinen inzwischen 69 Jahren die wesentlich jüngere Generation beschreibt. Gefangen in einer Welt, in der alles dank der sozialen Medien ganz nah scheint und doch so weit entfernt ist. Alle vier Protagonisten versuchen jeweils auf ihre ganz eigene Art und Weise ihren Platz im Leben zu finden. Doch das ist genau wegen der vielen Einflüsse ein schwieriges Unterfangen. 

WO IN PARIS DIE SONNE AUFGEHT spielt im 13. Arrondissement von Paris, genauer gesagt im Stadtteil „Les Olympiades“. Hier stehen keine alten, herrschaftlichen Häuser, wie wir sie ansonsten mit der französischen Hauptstadt in Verbindung bringen. Vielmehr wurde ein Großteil der Gebäude im Zuge der Stadterweiterung in den 1970er Jahren erbaut. Viele der Hochhäuser dort tragen die Namen von Städten, die bereits einmal die Olympischen Spiele ausgetragen haben. Heute lebt dort ein recht diverse Gesellschaft, überwiegend asiatischer Herkunft. Das erklärt gewissermaßen auch den diversen Cast, der aber niemals thematisiert wird, sondern einfach mitschwingt. Dadurch wirkt  der Film extrem authentisch. 

Jacques Audiard hat zudem überwiegen auf unbekannte Darsteller gesetzt. So ist es beispielsweise für Lucie Zhang die allererste Filmrolle, während Makita Samba zumindest schon ein paar Filme und Serien vorweisen kann. Noémie Merlant hingegen dürften wir alle noch aus „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ kennen. Alle Darsteller liefern hier ausnahmslos erstklassige Leistungen ab. Besonders von Lucie Zhang werden wir in Zukunft hoffentlich noch viel mehr hören und sehen. 

Gedreht hat Audiard seinen Film in verstörend schönem Schwarz-Weiß und reduziert so unsern Blick auf das Wesentliche – die zwischenmenschlichen Irrungen und Wendungen. Netter Nebeneffekt: die uniformen Hochhäuser wirken dadurch weitaus weniger hässlich. 

Für das Drehbuch hat sich Audiard dieses Mal weibliche Hilfe geholt. Neben Léa Mysius („Ava“) hat auch Céline Sciamma („Porträt einer jungen Frau in Flammen“) dazu beigetragen, dass die Geschichte ausgewogen aus der weiblichen Perspektive erzählt wird. 

Mit WO IN PARIS DIE SONNE AUFGEHT ist Jacques Audiard ein eindrucksvoller Film über sexuelle Freiheiten, Mobbing und Außenseitertum gelungen, der in seiner Gänze überzeugt und uns ein Paris zeigt, das endlich einmal von den Hochglanz-Postkarten-Motiven abweicht. Einen besseren Abschlussfilm hätte das Filmfest Hamburg sicher nicht finden können.

Interview

Im Rahmen des Filmfests Hamburg standen uns die Darsteller Lucie Zhang und Makita Samba Rede und Antwort. Das Interview erscheint an dieser Stellen kurz vor dem Kinostart, der aktuell auf den 3. Februar 2022 terminiert ist.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
FSK noch unbekannt

Originaltitel

Les Olympiades (Frankreich 2021)

Länge

105 Minuten

Genre

Drama

Regie

Jacques Audiard

Drehbuch

Jacques Audiard, Léa Mysius, Céline Sciamma

Darsteller

Lucie Zhang, Makita Samba, Noémie Merlant, Jehnny Beth, Camille Léon-Fucien, Océane Cairaty, Anaïde Rozam, Pol White, Geneviève Doang

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

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