In ihrem phantastischen Film WILLKOMMEN UM ZU BLEIBEN führt uns die norwegische Regisseurin Tallulah H. Schwab in die kafkaeske Welt eines äußerst merkwürdigen Hotels, aus dem es offenbar kein Entkommen gibt…
Gerade noch ist der Magier Mr. K (Crispin Glover, „Zurück in die Zukunft“) vor einem recht undankbaren Publikum aufgetreten, jetzt sucht er eine Bleibe für die Nacht. Dazu hat er sich ein altes Hotel ausgesucht, das die besten Jahre vermutlich bereits hinter sich hat. Doch die mürrische Rezeptionistin ist da nur das kleinste Problem. Unter seinem Bett liegt ein merkwürdiger alter Mann, und aus dem Schrank kommt ein Zimmermädchen, das ohne Worte aus dem Raum rennt. Als Mr. K am nächsten Morgen auschecken will, entpuppt sich das Gebäude jedoch als Labyrinth, aus dem es offenbar keinen Ausgang gibt. Je mehr er sich gegen die Logik des Ortes wehrt, desto tiefer wird er in die bizarre Welt des Hotels gezogen. In der Hotelküche trifft er auf den Küchenhelfer Anton (Jan Gunnar Røise), der schon eine gefühlte Ewigkeit auf die Beförderung zum Eierquirler wartet. Genau wie er scheinen sich alle Bewohner des Hotels irgendwie mit ihrer Situation abgefunden zu haben. Doch dann beginnen die Menschen, Mr. K als ihren Befreier zu sehen, im gleichen Moment sabotieren sie aber auch seine Fluchtversuche. Als die Räume zudem auch noch immer kleiner werden, ist Mr. K. klar, dass er diesem Albtraum irgendwie entkommen muss…
WILLKOMMEN UM ZU BLEIBEN ist ein äußerst skurriler Film, der sich jeglicher Erklärung versperrt. Die norwegische Regisseurin Tallulah H. Schwab interessiert sich überhaupt nicht dafür, uns Zuschauer in irgendeiner Form an die Hand zu nehmen, nein, wir bleiben genauso im Ungewissen wie der Held des Films. Das ist sicherlich nicht Jedermanns Sache, im Gegenzug finde ich einen solchen Mut aber auch bemerkenswert.
Vermutlich muss man die Erklärung aber auch nicht im Film, sondern bei der Regisseurin suchen. In einem Statement erzählt sie, dass die Welt für sie als Kind immer ein magischer Ort gewesen ist, in dem alles möglich schien. Als junge Heranwachsende fand sie sich dann in einem Labyrinth voller faszinierender Fremder wieder, die nach sozialen Regeln lebten, die sie nicht verstand, aber interessant fand. Als Erwachsene hatte sie oftmals das Gefühl, endlich eine Antwort auf die Frage gefunden zu haben, wer sie ist. Doch immer wieder passierte etwas Unerwartetes, das ihr Leben auf den Kopf stellte.
Diese Momente des drastischen Wandels waren für sie beängstigend, schließlich wurde sie in ihrer Gewissheit und Sicherheit herausfordert. Doch gerade in solchen Momenten sah sie die Welt am Klarsten: Es gibt noch viel mehr als diese bequeme Blase, die sie sich erschaffen hatte. Genauso ergeht es den Menschen im Hotel: Sie haben sich mit ihrer Situation abgefunden und versuchen die Veränderungen so lange wie möglich zu ignorieren. Selbst deutliche Zeichen wie das Verengen der Räume werden geflissentlich ignoriert. Wie heißt es doch so schön: „Never change a running system“.
Zum Glück hat WILLKOMMEN UM ZU BLEIBEN etliche andere Schauwerte. Das Produktionsdesign von Maarten Piersma und Manolito Glas ist mehr als eindrucksvoll, denn es gelingt ihnen, dem Hotel ein Eigenleben zu verschaffen. Skurrile Elemente wie eine immer wieder durch die Gänge ziehende Blaskapelle tragen unweigerlich zum Charme des Films bei. Gleichermaßen faszinierend ist die Kamera von Frank Griebe, die sich eindrucksvoll durch die Gemäuer bewegt, als wäre sie ein Teil davon.
Dass Tallulah H. Schwab den in Prag geborenen Autor Franz Kafka verehrt, wird nicht nur durch den Originaltitel MR. K deutlich. Auch Kafkas Geschichten folgen meist keiner klassischen Struktur, und seine Figuren finden sich oft in einer unverständlichen, verwirrenden und absurden Welt wieder, in der sie ihren eigenen Weg finden müssen.
WILLKOMMEN UM ZU BLEIBEN weckt beim Zuschauer aber auch unweigerlich Erinnerungen an andere Klassiker der Filmgeschichte: Ob Stanley Kubricks „The Shining“, Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ oder „Barton Fink“ von den Coen-Brüdern – Schwab hat sich mächtig bei ihren Vorbildern bedient. Dass ihr Film trotzdem nie dieselbe Größe erreicht, sei ihr verziehen. Immerhin strahlt WILLKOMMEN UM ZU BLEIBEN einen Sog aus, dem man sich nur schwer entziehen kann – und das ist doch schon mal ein Anfang.
Mr. K (Niederlande / Norwegen / Belgien 2025)
96 Minuten
Drama / Fantasy
Tallulah H. Schwab
Tallulah H. Schwab
Frank Griebe
Crispin Glover, Sunnyi Melles, Bjørn Sundquist, Fionnula Flanagan, Dearbhla Molloy, Jan Gunnar Røise, Barbara Sarafian, Esmée van Kampen, Sam Louwyck, Fabian Jansen
Neue Visionen Filmverleih GmbH