Zwei unterschiedliche Menschen, die sich gegenseitig neue Perspektiven aufzeigen – dieses Thema ist fast so alt wie das Kino selbst. Aber selten fühlte es sich so organisch an wie in WIE DAS LEBEN MANCHMAL SPIELT.
Das Leben meint es nicht gerade gut mit Marie-Line (Louane Emera, „Verstehen Sie die Béliers?“). ihr Job als Kellnerin hält sie gerade mal so über Wasser, ihr depressiver Vater weigert sich, die Wohnung zu verlassen, und ihr Wagen wird die nächste TÜV-Prüfung vermutlich nicht überstehen. Nach einem körperlichen Streit mit ihrem Freund verliert sie nicht nur ihre Anstellung, sondern wird auch noch zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Der zuständige Richter Gilles (Michel Blanc) erkennt in Marie-Line aber mehr als nur eine Angeklagte und macht ihr ein Angebot: Einen Monat lang soll sie für ihn als Fahrerin arbeiten, da er für diesen Zeitraum seinen Führerschein abgeben musste. Ohne eine Wahl zu haben, stimmt Marie-Line dem zu. Zwischen der impulsiven und lebensfrohen Marie-Line und dem in sich gekehrten, desillusionierten Richter entwickelt sich sogar eine zarte Freundschaft, und so zeigen sich beide gegenseitig einen Ausweg aus ihren persönlichen Krisen…
Als Kinogänger sollte man sich vom deutschen Titel WIE DAS LEBEN MANCHMAL SPIELT keinesfalls verwirren lassen. Auch wenn dieser arg generisch klingt – der Film ist es zum Glück nicht. Viele ähnlich gelagerte Vertreter kommen mit einer arg konstruierten Handlung daher, doch hier fühlt sich das alles sehr organisch an. Der Regisseur Jean-Pierre Améris, der zusammen mit Marion Michau auch das Drehbuch geschrieben hat (basierend auf dem Roman „Changer le sens des riviéres“ von Murielle Magellan), schafft es, dass die Begegnungen, Irrungen und Wendungen nachvollziehbar sind. Ich muss zugeben, dass sich die Beweggründe des Richters anfangs etwas seltsam anfühlten, am Ende aber alles einen schlüssigen Sinn ergab.
Louane Emera, die uns vor zehn Jahren mit „Verstehen Sie die Béliers?“ als hörende Tochter einer tauben Familie überrascht hat und in diesem Jahr Frankreich beim Eurovision Song Contest mit einem soliden siebten Platz vertraten hat, liefert auch hier eine eindrucksvolle Leistung ab. Zusammen mit dem überraschend vor einem Jahr verstorbenen Michel Blanc bildet sie ein perfektes Team voller Gegensätzlichkeiten. Ein wenig erinnert mich WIE DAS LEBEN MANCHMAL SPIELT an einen meiner Lieblingsfilme: Auch in „Edie“ (2017) gab es zwei unterschiedliche Figuren, die am Ende des Films ohne einander nicht an derselben Stelle des Lebens stehen würden.
„Marie-Line et son juge“ (Marie-Line und ihr Richter), wie der Film im Original heißt, überzeugt aber auch noch auf anderen Ebenen. Wie der Film zu Beginn zwischen zwei Zeitebenen springt, ist kongenial. Mal ist es nur ein Schuh, der die beiden Ebenen verbindet – immer eingefangen von der eindrucksvollen Kamera von Virginie Saint-Martin. Auch das Produktionsdesign von Sébastien Gondek und die Kostüme von Anne Schotte tragen wesentlich dazu bei, diesen Film zu erden.
Ich habe keinerlei Ahnung, warum der 2023 gedrehte Film erst jetzt in die deutschen Kinos kommt, an der Qualität liegt es definitiv nicht. WIE DAS LEBEN MANCHMAL SPIELT ist schönstes französisches Kino mit dem Herz am rechten Fleck. Und der beste Beweis, dass man mit bekannten Konstanten durchaus ein neues Kinoerlebnis zaubern kann.
Marie-Line et son juge (Frankreich 2023)
104 Minuten
Tragikomödie
Jean-Pierre Améris
Marion Michau, Jean-Pierre Améris, nach dem Roman „Changer le sens des rivières“ von Murielle Magellan
Virginie Saint-Martin, SBC
Louane Emera, Michel Blanc, Victor Belmondo, Philippe Rebbot
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