Pilze können toxisch sein, Beziehungen auch. In der Tragikomödie WENN DER HERBST NAHT vom französischen Ausnahmeregisseur François Ozon („In ihrem Haus“, „Der andere Liebhaber“) gilt beides. Behutsam erzählt der Vielfilmer eine vergiftete Familiengeschichte, die sich schließlich zur kriminalistischen Charakterstudie entwickelt.
Michelle Giraud (Hélène Vincent), eine Rentnerin im Burgund, serviert ihrer Tochter Valérie Tessier (Ludivine Sagnier) versehentlich giftige Pilze, was diese als Mordabsicht wertet und jeglichen Kontakt zu Enkel Lucas (Garlan Erlos) untersagt. Doch die verstimmte Michelle erhält unerwartete Hilfe vom Sohn ihrer besten Freundin Marie-Claude Perrin (Josiane Balasko), der gerade erst aus dem Knast entlassen wurde. Vincent (Pierre Lottin) ist eigentlich ein guter Mensch, er hilft ihr bei der Gartenarbeit, kann seine Vergangenheit aber nicht verleugnen.
Die Ausgangslage von WENN DER HERBST NAHT beruht übrigens auf Kindheitserinnerungen von Autorenfilmer Ozon: Eine seiner Tanten hat eine Mahlzeit für die ganze Familie zubereitet, inklusive Pilzen, die sie selber im Wald gesammelt hat. Alle sind krank geworden in der folgenden Nacht, nur sie selber nicht. Sie hat die Pilze nicht gegessen! Ozon war fasziniert – und hat vermutet, dass seine Tante alle Familienmitglieder vergiften wollte.
Regisseur François Ozon („Mein fabelhaftes Verbrechen“, „Jung & schön“) hat mit Co-Autor Philippe Piazzo auch das Drehbuch zu WENN DER HERBST NAHT verfasst, für das die beiden beim San Sebastián International Film Festival den Preis für das „Beste Drehbuch“ einheimsen konnten. Sie arbeiteten bereits für Ozons Film „Frantz“ zusammen. Ozon, der sich nicht auf einzelne Genres festlegen lässt, liefert hier eine sorgfältig ausgearbeitete Charakterstudie, die sich behutsam entwickelt und auch etwas in die Irre führt.
Michelle und Marie-Claude sind langjährige Freundinnen, die ihren Ruhestand in einem beschaulichen Dorf im Burgund genießen. Bei ihren Spaziergängen im Wald sammeln sie Pilze, doch sie verbindet auch eine gemeinsame, eher unrühmliche Vergangenheit als Sexarbeiterinnen, die für Michelles Tochter Valérie früh ein Grund war, Abstand zu halten. Ihren Enkel Lucas hat Michelle daher viel zu selten zu Gesicht bekommen. Es trifft sie also hart, als die eigene Tochter ihr einen Mordversuch unterstellt und den Kontakt mit Lucas untersagt.
Die Polizei wird eingeschaltet, eine Kriminalgeschichte nimmt ihren Lauf. Und Vincent erledigt nicht nur die Gartenarbeit für Michelle. François Ozon arbeitet gerne mit dem gleichen Personal.
Hélène Vincent (Michelle Giraud) und Josiane Balasko (Marie-Claude Perrin) standen bereits für seinen Film „Gelobt sei Gott“ gemeinsam vor der Kamera. Und Ludivine Sagnier (als Michelles Tochter Valérie) durfte sich schon vor über 20 Jahren in „Swimming Pool“ verführerisch vor der Kamera räkeln. Insbesondere das Gesicht von Hélène Vincent erzählt eine eigene Geschichte. Ganz Stark! Und Pierre Lottin konnte bei der Premiere in San Sebastián als Marie-Claudes Sohn Vincent dermaßen überzeugen, dass man ihn als „Bester Nebendarsteller“ auszeichnete.
François Ozon liefert mit WENN DER HERBST NAHT einen vielschichtigen, eher intimen Film ab. Er zeigt exzellente Darstellerinnen im Herbst ihres Lebens, fängt die Natur im ländlichen Burgund in herbstlicher Pracht ein – und lässt den dezenten Soundtrack von Sacha und Evgueni Galperine (die bereits bei „Gelobt sei Gott“ Komplizen waren) subtil seine Wirkung entfalten. Bis zum metaphorisch gestalteten Finale rätseln die Zuschauenden mit in dieser von Schuld, der Suche nach Wahrheit und (Doppel-)Moral geprägten Geschichte, die wohl nicht von ungefähr an Werke von Claude Chabrol erinnert.
Quand vient l'automne (Frankreich 2024)
104 Minuten
Tragikomödie
François Ozon
François Ozon
Jérome Alméras
Hélène Vincent, Josiane Balasko, Ludivine Sagnier, Pierre Lottin, Garlan Erlos, Sophie Guillemin Malik Zidi, Paul Beaurepaire, Sidiki Bakaba, Pierre Le Coz, Michel Masiero, Vincent Colombe, Marie-Laurence Tartas
Weltkino Filmverleih GmbH