Vortex

Das Enfant terrible des französischen Kinos, Gaspar Noé, ist erwachsen geworden. Nach seinen Skandalfilmen „Irreversible“ (2002) und „Love“ (2015) hat er mit VORTEX jetzt eine Art Alterswerk vorgelegt. Ähnlich wie Michael Haneke in „Amour“ schaut er einem alten Ehepaar beim Sterben zu. Der Clou: Die Hauptrollen besetzte er mit zwei Ikonen des europäischen Kinos.  Der 81-jährige Filmjournalist wird von Dario Argento gespielt, dem wohl berühmtesten Giallo-Regisseur Italiens. Die 77-jährige ehemalige Psychotherapeutin, die an Demenz erkrankt ist, verkörpert Françoise Lebrun. In ihrem langen cineastischen Leben hat sie nur zwei Hauptrollen gespielt: jetzt diese und 1973 im Alter von 29 Jahren in einem der bedeutendsten Filme der Kinogeschichte – die Rolle der Veronique in Jean Eustaches Meisterwerk „La maman et la putain“ (Die Mama und die Hure), ein dreieinhalbstündiger Abgesang auf die Nouvelle Vague in Schwarzweiß.

Er und sie leben in einer kleinen Pariser Wohnung, mit Büchern und Filmplakaten derart vollgestopft, dass es kaum noch ein Durchkommen gibt. Er schreibt an einem Essay über die Verbindung von Film und Traum – kein Wunder, dass überall Bücher über Luis Bunuel herumliegen. Sie findet sich wegen ihrer fortschreitenden Krankheit kaum noch im Alltag zurecht. Oft weiß sie nach dem Einkaufen nicht einmal mehr, wo sie wohnt. Ihr gemeinsamer Sohn (Alex Lutz) will sie ins Pflegeheim verfrachten, doch beide wollen in der Wohnung bleiben und dort auch zur Not sterben.

Was diesen Film so außergewöhnlich macht: Gleich nach dem gemeinsamen Aufwachen im Ehebett trennen sich ihre Wege – Badezimmer, Küche, Wohnzimmer. Und die Kamera bleibt jeweils an einer der beiden Personen hängen. Schon nach wenigen Minuten muss sich der Zuschauer entscheiden, wohin er schauen will. Ab diesem Zeitpunkt hat Gaspar Noé – bis auf wenigen Ausnahmen – VORTEX (auf deutsch: Wirbel, Sog) im Split-Screen-Verfahren gedreht: er links, sie rechts, oder umgekehrt. Das mag verstörend klingen, aber man gewöhnt sich ziemlich schnell an diese ungewöhnliche Sehweise.

Noé, oft als Zyniker verschrien, hat noch nie einen so menschlichen, zu Herzen gehenden Film gedreht. Wir leiden mit den alten Ehepaar, den Alltag trotz aller Widrigkeiten zu meistern. Wir verzweifeln, als sie die Notizen ihres Mannes zu seinem neuen Buch zerreißt und in der Toilette entsorgt. „Ich wollte nur aufräumen“, ist einer der wenigen Sätze, die sie im Laufe des Films sagt.

Noés Stilprinzip sagt viel über das Zusammenleben aus: gemeinsam leben oder getrennt in einer Wohnung leben. Am Ende stirbt er an einem Herzinfarkt, und sie dreht den Gashahn auf. Bei ihrer Trauerfeier erklingt zu Bildern aus ihrem Leben die Musik aus Jean-Luc Godards Klassiker „Le mepris“ (Die Verachtung). In diesem Film spricht der mitspielende Fritz Lang den denkwürdigen Satz: „Der Tod ist keine Lösung.“ Wie wahr!

Für diesen innovativen Geniestreich vergab die siebenköpfige Hamburger Jury den „Preis der Filmkritik“ an VORTEX. Glückwunsch!

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
FSK noch unbekannt

Originaltitel

Vortex (Frankreich 2021)

Länge

142 Minuten

Genre

Drama

Regie

Gaspar Noé

Drehbuch

Gaspar Noé

Darsteller

Françoise Lebrun, Dario Argento, Alex Lutz

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