Auf den ersten Blick wirkt VIRGINIA WOOLF’S NIGHT & DAY von Tina Gharavi wie eine klassische, etwas altbackene Literaturverfilmung. Doch die in Teheran geborene und inzwischen in Newcastle lebende Regisseurin wählte einen ähnlichen Ansatz wie ihre Landsfrau Marjane Satrapi, die in ihre Filme immer wieder anachronistische und absurde Elemente einstreute und damit ihre Zuschauer zuweilen irritierte. Satrapi ist vor wenigen Wochen 56-jährig in Paris gestorben.
Die Engländerin Virginia Woolf (1882-1941) gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr zweiter Roman „Night and Day (1919; dt. „Nacht und Tag“) ist ihr umfangreichster und gilt als ihr humorvollster und zugänglichster Roman. Erst in ihren späteren Werken wurde sie zur „schwierigen“ Autorin und dabei oft mit ihrem Zeitgenossen James Joyce verglichen. (Wie der Zufall es wollte, hatten beide dasselbe Geburts- und Sterbejahr.)
„Nacht und Tag“ erzählt die Emanzipationsversuche einer Amateurastronomin im konservativen London zu Anfang des 20. Jahrhunderts. 1910: Katharine Hilbery (Haley Bennett), Enkelin eines angesehenen Dichters, verachtet Lyrik, schwärmt für Mathematik und Astronomie und tut alles, um der Liebe aus dem Weg zu gehen – insbesondere einer Ehe mit dem von ihren Eltern „auserwählten“ Bewerber, einem engen Freund der Familie, William Rodney (Jack Whitehall). Als ihr erzkonservativer Vater (Timothy Spall) sie bei einer Veranstaltung der Astronomischen Gesellschaft, die nur Männern vorbehalten ist, erwischt – in Begleitung ihres Cousins Cyril (Misia Butler), dem schwarzen Schaf der Familie –, verlangt er, dass sie ihre wissenschaftlichen Ambitionen aufgibt und Williams Antrag annimmt.
Bei dieser, an sich historisch getreu inszenierten Szene spüren wir zum ersten Mal, mit welchen Irritationen Tina Gharavi arbeitet. Bei der wilden Verfolgung mit Auto und Straßenbahn durch das hektische London erklingt plötzlich Elektronik-Pop. Nanu! Was hat diese Musik hier zu suchen? Schon fangen wir an, im Kinosessel zu grübeln.
Katharine lernt Mary Datchet (Lily Allen) kennen, eine temperamentvolle Frauenrechtlerin, die sie dazu ermutigt, sich in Cambridge zu bewerben. Und sie trifft auf Ralph Denham (Elyas M’Barek), einen charmanten Mann aus der Arbeiterklasse, der als Lektor ihrer Mutter (Jennifer Saunders) dabei helfen soll, eine seit zwei Jahrzehnten immer weiter ausufernde Biografie über ihren Großvater, den berühmten Dichter, zu kürzen.
Natürlich ist der Film extrem dialoglastig und bisweilen etwas dröge inszeniert. Doch immer wieder überrascht uns die Regisseurin mit fast schon surrealistischen Einschüben, die das Gesagte raffiniert hinterfragen. Deutschlands Superstar Elyas M’Barek spielt hier wohltuend zurückhaltend und überzeugt mit seinem Englisch auch in der Originalfassung. Haley Bennett kennen wir eher aus Musikfilmen („Mitten ins Herz“, „Cyrano“) – hier zeigt sie ihr beachtliches schauspielerisches Talent. Und Timothy Spall glänzt in seiner Rolle als verknöcherter, unbelehrbarer Patriarch.
Diese Emanzipation einer mutigen Frau ist einen Blick wert. Und wir freuen uns alle, dass der Weg in Cambridge endet. Solide!
Virginia Woolf's Night & Days (Großbritannien / Deutschland 2025)
95 Minuten
Historie / Komödie / Romanze
Tina Gharavi
Justine Waddell, basierend auf dem Roman von Virgina Woolf
Sebastian Edschmid
Haley Bennett, Elyas M’Barek, Lily Allen, Jack Whitehall, Jennifer Saunders, Timothy Spall, Sally Phillips, Misia Butler
Wild Bunch Germany GmbH