Wie aufregend kann es sein, im abgelegenen Bergdorf VERMIGLIO kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges den einfachen Menschen beim Tagesgeschäft zu folgen, die eng verbunden sind mit der sie umgebenden Natur? Filmemacherin Maura Delpero schaut da zumindest ganz genau, fast dokumentarisch hin – und konnte dafür gleich sieben David di Donatello (der wichtigste italienische Filmpreis) einheimsen.
In VERMIGLIO lebt die kinderreiche Familie des Lehrers Cesare (Tommaso Ragno) in sehr einfachen, armen Verhältnissen, aber im Einklang mit der schönen, urtümlichen Umgebung der Ostalpen. Die drei Schwestern Lucia (18 Jahre), Ada (16 Jahre) und Flavia (13 Jahre) teilen sich das Bett und vertrauen sich ihre geheimen Wünsche und Sorgen an.
Im Winter 1944, Ende des Zweiten Weltkriegs kommt ein sizilianischer Deserteur namens Pietro (Giuseppe De Domenico) nach VERMIGLIO – und wird vom Lehrer in einem Heuschober versteckt. Lucia (Martina Scrinzi) verliebt sich in den schweigsamen Pietro, wird von ihm schwanger und möchte ihn heiraten. Pietro willigt ein, hält um ihre Hand an, und die Hochzeit findet statt.
Die italienische Regisseurin und Drehbuchautorin Maura Delpero („Maternal“) hat für ihren zweiten Spielfilm ein ziemlich persönliches Thema ausgewählt: VERMIGLIO ist von ihrer eigenen Familiengeschichte inspiriert und greift Geschehnisse aus dem Leben ihres Vaters auf, der in Südtirol lebte. Ihr Großvater war, wie der Vater im Film, der Dorflehrer. „Als mein Vater im Jahr 2019 starb, kam in mir die Erinnerung an Geschehnisse auf, von denen ich aus Erzählungen wusste“, so Delpero.
VERMIGLIO hat einen ganz besonderen Look, den Delpero im kongenialen Zusammenspiel mit ihrem Kameramann Michail Kritschman (Europäischer Filmpreis für „Loveless“) entwickelt hat. Die Bilder sind weder in Schwarzweiss gehalten, noch wirklich farbenfroh. Ein entsättigter, fast monochromer Stil wurde konzipiert, der die Menschen beinahe in jeder Szene gemeinsam mit der atemberaubenden Natur zeigt, die ihr Leben prägt. Auch zeigen sie das Bergdorf im Trentino im Wandel der Jahreszeiten, was in die handlungsarme Geschichte zumindest etwas Abwechslung bringt.
Wir sehen die Menschen im alltäglichen Leben: beim Kühe melken, die Frauen beim Waschen an der Wasserstelle oder beim gemeinsamen Essen mit der gesamten Familie an einem großen Tisch. Delpero hat dabei einen dokumentarischen Blick, verweilt lange auf den Gesichtern (die wirklich etwas zu erzählen haben). Sie arbeitet genauso mit Laien wie mit arrivierten Darstellern des italienischen Kinos. Tommaso Ragno („Glücklich wie Lazzaro“), der den Lehrer und Vater der drei Mädchen spielt, ist fast schon als Star zu bezeichnen. Er kommt aus der Großstadt und musste sich erst in das Landleben hineinversetzen. Dagegen kommt Martina Scrinzi (die älteste Tochter Lucia) vom Land, hat dafür aber recht wenig Schauspielerfahrung.
Die ungewöhnliche Zeit am Ende des Zweiten Weltkrieges wird authentisch eingefangen. Die meisten Männer sind im Krieg, nur der Lehrer, die Geistlichen und die Jungs sind im Dorf geblieben. Es sind also viel mehr Frauen vor Ort, die sich trotzdem mit dem Patriarchat auseinandersetzen müssen. Auch der Lehrer versucht, seine Position auszunutzen. Er gibt den Kindern in seiner Klasse den Berufsweg vor, die Mädchen kommen da meist nicht so gut weg. Andererseits ist er künstlerisch interessiert und hört Platten auf seinem Grammophon, die er für viel Geld gekauft hat (was der Familie dann zum Überleben fehlt).
Die drei Schwestern haben in VERMIGLIO ein besonderes Verhältnis. Nachdem Lucia heiratet, sind noch die zwei jüngsten gemeinsam im Bett. Eine geißelt sich, ist extrem kirchlich geprägt (wie die meisten Bewohner des Ortes). Das mündet schon mal im Verzehren von Hühnerkot. Die Töchter werden vom Vater härter rangenommen als Bruder Dino, was natürlich auch das Leben an diesem Ort in dieser dunklen Zeit widerspiegelt. Der Krieg endet – und es bricht ein neues Zeitalter an. Tradition und Moderne treffen aufeinander.
Die Familie drängt Pietro, nach Sizilien zu fahren, um seiner Mutter mitzuteilen, dass er gesund überlebt hat. Pietro verspricht der schwangeren Lucia, so bald wie möglich zurückzukehren. Doch sie müssen aus der Zeitung erfahren, dass Pietro schon mit einer Sizilianerin verheiratet war und diese ihn erschossen habe, um ihre Ehre wiederherzustellen. Die völlig verstörte Lucia verfällt in einen Zustand der Verzweiflung und tiefer Teilnahmslosigkeit, bringt aber das Kind von Pietro gesund zur Welt.
Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Etwas Geduld ist schon vonnöten, um dem ereignisarmen Verlauf der Geschichte zu folgen. Die Bilder sind großartig, der unsentimentale Einblick in das Dorfleben dieser Zeit ist einzigartig. Das Zusammenspiel von Laien und Schauspielstars funktioniert nahezu perfekt. Völlig zurecht wurde VERMIGLIO von Italien als Beitrag für die Oscarverleihung 2025 als bester Internationaler Film eingereicht. Italienische Großmeister wie Ermanno Olmi wären sicherlich stolz auf das Schaffen ihrer Landsfrau.
Vermiglio (Frankreich / Belgien / Italien 2025)
119 Minuten
Drama
Maura Delpero
Maura Delpero
Mikhail Krichman
Tommaso Ragno, Giuseppe De Domenico, Roberta Rovelli, Martina Scrinzi, Orietta Notari, Carlotta Gamba, Santiago Fondevila Sancet, Rachele Potrich, Anna Thaler, Patrick Gardner, Enrico Panizza, Luis Thaler, Simone Bendetti, Sara Serraiocco
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