Drei Jahre hatte sie mit den Protagonisten von THE NEW WEST zusammengelebt, bevor Autorin und Regisseurin Kate Beecroft ihre beeindruckende Geschichte niedergeschrieben und verfilmt hat…
In den Badlands von South Dakota lebt die junge, rebellische Rancherin Tabatha (Tabatha Zimiga) mit ihrer Tochter Porshia (Porshia Zamiga) davon, Pferde zu retten, sie auszubilden und weiterzuverkaufen. Kein einfaches Leben, denn gerade erst ist ihr Mann verstorben, der nicht nur den ganzen Betrieb aufrechterhalten hat, sondern auch etlichen Jugendlichen aus zerrütteten Familien aus der Gegend ein Zuhause gegeben hat. Jetzt muss sie Entscheidungen fällen, denn die finanzielle Unsicherheit könnte sie letztendlich die Ranch kosten. Doch wer soll sich dann um die Jugendlichen kümmern?
Filme, die nicht nur eine wahre Geschichte erzählen, sondern die der Geschichte zugrunde liegenden Figuren in die entsprechenden Rollen schlüpfen lassen, wohnt immer ein gewisser Zauber inne – man denke nur an Chloé Zhaos „The Rider“, auch wenn die Regisseurin die Realität mythologisch erhöht hat. Zugleich ist das immer im doppelten Sinne ein großes Risiko: Zum einen muss sichergestellt werden, dass die Laiendarsteller gewisse schauspielerische Grundlagen mitbringen, zum anderen möchten Filmstudios und Verleiher gerne mindestens einen bekannten Schauspieler besetzt sehen, der dem Film später Sichtbarkeit verleiht. Zumindest Letzterem konnte die Autorin und Regisseurin Kate Beecroft mit Jennifer Ehle und Scoot McNairy nachkommen.
Interessant ist aber, wie Beecroft überhaupt auf die Geschichte aufmerksam wurde. Zwar hatte sie sich bereits als Schauspielerin einen Namen gemacht, allerdings liebt sie das Geschichtenerzählen viel mehr als die Schauspielerei. Und da niemand auf sie warten würde, entschloss sie sich, sich zusammen mit ihrem Kameramann Austin Shelton auf die Suche nach Geschichten zu machen. Durch einen falschen Abzweig trafen sie zufällig auf eine Frau, die ihnen riet, für eine gute Story östlich der kleinen Stadt Wall nach Tabatha Zamiga zu suchen. Das taten sie und trafen auf diese beeindruckende Frau, ihre Tochter und all die anderen Teenager. Zwischen Kate und Tabatha entwickelte sich eine Freundschaft, die dazu führte, dass Beecroft für drei Jahre auf der Ranch lebte und so zu einem Teil der Familie wurde. Kein Wunder, dass sich der Film so unfassbar geerdet anfühlt.
Tabatha Zamiga selbst konnte nie wirklich verstehen, warum sich jemand für ihre Geschichte interessieren würde. Aus genau diesem Grund zeigte Beecroft ihr den Film nicht vorab, sondern ließ sie bei der Premiere beim renommierten Sundance Film Festival in Utah am eigenen Leib erfahren, wie viele Menschen zu ihrer Geschichte eine Verbindung aufbauen konnten.
Der Titel „The New West“ kommt natürlich nicht von ungefähr, denn während der klassische Western den Aufbruch und den Traum von Freiheit thematisiert, sieht es im „neuen Westen“ anders aus: Visuell definiert er sich durch Dreck, Rost, heruntergekommene Trailer und die nicht von der Hand zu weisende, sichtbare Armut. Daneben unterlässt es Beecroft, diese zusätzlich zu dramatisieren, sondern stellt sie als unumstößliche Realität dar.
Aber auch mit ihrer Figurenzeichnung bricht Beecroft mit der gängigen Vorstellung von Frauen auf dem Land. Stattdessen setzte sie auf die ehrliche, wenn auch raue Vertrautheit zwischen Tabatha, ihrer Tochter Porshia und der Großmutter Tracey. Und die Pferde sind hier nicht bloßes Kapital, das optimiert und wieder veräußert wird, sondern dienen als emotionaler Anker für die Teenager aus schwierigen Verhältnissen, die hier eine neue Chance erhalten. Gerade diese Erdung macht THE NEW WEST zu einem ganz besonderen Film.
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nicht nur viel mehr solcher Filme brauchen, sondern vor allem mehr Menschen wie Tabatha, die solch wunderbare Dinge bewirken. Und natürlich mehr Filmemacher, die diese Geschichten in unsere Welt transportieren.
Im Oktober 2025 feierte der Film EAST OF WALL – THE NEW WEST beim Filmfest Hamburg seine Deutschlandpremiere, nachdem er bereits in Sundance mit dem Publikumspreis ausgezeichnet worden war. Mit der Autorin und Regisseurin Kate Beecroft habe ich darüber sprechen können, warum sie den Film mit Laiendarstellern inszeniert hat, anstatt eine klassische Doku zu drehen. Außerdem sprachen wir, welch immensen Aufwand sie betrieben hat, um diesen wunderbaren Film zu erschaffen.
East of Wall (USA 2025)
97 Minuten
Drama
Kate Beecroft
Kate Beecroft
Austin Shelton
Tabatha Zimiga, Porshia Zimiga, Scoot McNairy, Jennifer Ehle
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