Der „deutsche“ Verleihtitel THE NEGOTIATOR (dt.: der Vermittler oder Unterhändler) verlangt nach einer Erklärung. Im Original heißt der Thriller des britischen Regisseurs schlicht „Relay“ (dt.: Weiterleitung). Warum in aller Welt wählte man für die heimische Vermarktung ausgerechnet einen „englischen“ Begriff, der an den Kinokassen zudem extrem schwierig auszusprechen ist? Außerdem gab es bereits 1998 den Action-Thriller „The Negotiator“ mit Samuel L. Jackson. Bei uns lief der Film unter dem Titel „Verhandlungssache“. Was soll das Verwirrspiel?
Immerhin: THE NEGOTIATOR ist ein unglaublich spannendes, unterkühltes und sehr aktuelles Drama mit einem unübersehbaren Hitchcock-Touch – eingebettet irgendwo zwischen Industriespionage und Whistleblower-Paranoia. Der in sich ruhende und schweigsame Ash (Riz Ahmed) arbeitet in New York als sogenannter „Fixer“: Er ist darauf spezialisiert, lukrative Abfindungen zwischen korrupten Unternehmen und Whistleblowern zu vermitteln. Denn nicht jeder Geheimnisträger traut sich wie einst Edward Snowden an die Öffentlichkeit und will stattdessen nur überleben.
Gerade hatte Ash einen Deal erfolgreich abgeschlossen. Ein verängstigter Mann mit Sprachfehler (Matthew Maher) und ein millionenschwerer Konzernboss (Victor Garber) hatten sich – von Ash heimlich beobachtet – in einem Restaurant getroffen, Geld und Dokumente ausgetauscht und den Deal mit einem gemeinsamen Selfie bestätigt. Beide Seiten wissen, dass ein letztes Exemplar irgendwo sicher verwahrt ist – für den Verängstigten eine unverzichtbare Lebensversicherung.
Tage später erhält Ash eine Nachricht von Sarah (Lily James), Wissenschaftlerin in einem großen Biotech-Unternehmen. Sie hatte bei der Entwicklung einer insektenresistenten Weizensorte schädliche Nebenwirkungen festgestellt, die der Konzern vertuschen will. Sarah fürchtet jetzt wegen ihres Wissens um ihr Leben und sucht Hilfe.
Ash kommuniziert auf ungewöhnliche Art mit seinen Kunden – völlig anonym und komplett nonverbal. Dafür nutzt er den sogenannten „Tri-State“-Relay-Dienst, mit dem auch Taubstumme mit der Umwelt in Kontakt treten können. Mit einem speziellen Tastatur-Gerät übermittelt er seine Sätze an eine Telefonzentrale, wo diese seinen Kunden von einer Telefonistin vorgelesen werden. So ist eine Rückverfolgung nicht möglich – und Ash bleibt der geheimnisvolle Fremde, der unerkannt durch New Yorks Straßen schleicht. Als einsamer Wolf! Nur seine AA-Gruppe kennt ihn ein bisschen näher.
Sarah akzeptiert die komplizierten und umständlichen Regeln ihres Vermittlers. Doch dann entdeckt die junge Frau zu ihrem Erschrecken, dass sie beobachtet und verfolgt wird. Der Konzern hat ihr eine dubiose Truppe von finsteren Gestalten (mit dabei: Sam Worthington und Willa Fitzgerald) auf den Hals gehetzt. Was folgt ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel. Mitten drin in dieser Schnitzeljagd ist Ash, der alle Fäden in der Hand hält. Doch dann entdeckt er Gefühle für Sarah. Und er macht Fehler…
Regisseur David Mackenzie hat den wohl raffiniertesten und coolsten Thriller des Jahres gedreht. Mit einem fast dokumentarischen Ansatz zeigt er das seltsame Leben eines Außenseitern. Mit stoischer Ruhe spielt Riz Ahmed diesen Verlorenen, der langsam den Boden unter den Füßen zu verlieren droht. Und wie kann er der schönen Frau ihre Angstzustände nehmen? Diese schwierige Rolle spielt Lily James, eine der Starschauspielerinnen des britischen Kinos, atemberaubend einfühlsam.
Eines weiß ich jetzt schon: Diesen Film will jeder zweimal sehen! Warum wohl?
Relay (US 2025)
113 Minuten
Thriller
David Mackenzie
Justin Piasecki
Seamus McGarvey
Riz Ahmed, Lily James, Sam Worthington, Willa Fitzgerald, Jared Abrahamson, Victor Garber, Matthew Maher, Pun Bandhu, Eisa Davis, Seth Barrish, Jamil Haque
Leonine Distribution GmbH