The Middle Man (NFL 2021)

FSK noch unbekannt OT: The Middle Man (Norwegen / Kanada / Deutschland / Dänemark / Schweden 2021)
Länge: 95 Minuten
Genre: Drama
Regie: Bent Hamer
Drehbuch: Bent Hamer
Darsteller: Pål Sverre Valheim Hagen, Nicolas Bro, Trond Fausa Aurvåg, Paul Gross, Don McKellar, Tuva Novotny, Jim Stark, Nina Andresen Borud, Rossif Sutherland, Aksel Hennie
Verleih: Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG

Der norwegische Regisseur Bent Hamer ist bekannt für seinen ganz besonderen Humor und die Absurdität seiner Geschichten. Acht Jahre nach seinem letzten Film macht er mit THE MIDDLE MAN genau damit weiter und so muss man diesen Mann für seinen eigenartigen Stil einfach lieben. 

In der fiktiven Stadt Karmack im sogenannten „Rust Belt“ der USA häufen sich tödliche Unfälle in einem solchen Maß, dass die „Kommission“, bestehend aus Sheriff (Paul Gross), Arzt (Don McKellar) und Pastor (Nicolas Bro), beschließt, einen Mittelsmann einzustellen. Dessen einzige Aufgabe ist durchaus überschaubar: Er soll den Angehörigen die traurige Nachricht überbringen, wenn sich wieder mal ein unglücklicher Vorfall ereignet hat. Den Job bekommt letztendlich der etwas nachdenkliche und noch bei seiner Mutter (Nina Andresen Borud) wohnende Frank Farrelli (Pål Sverre Hagen), der in seiner neuen Rolle vollends aufgeht. Doch irgendwann überwältigen der Druck des Jobs und eine aufkeimende Liebe zu seiner Kollegin Brenda (Tuva Novotny) den sonst so besonnenen Frank. Als er von einem Freund einen Gefallen einfordert, nimmt das Schicksal seinen Lauf…

Bereits mit seinen bisherigen Filmen „1001 Gramm„, „O’Horten“, „Factotum“ oder „Kitchen Stories“ hat Bent Hamer gezeigt, dass er seinen ganz eigenen Stil hat. Langsame, fast elegische Erzählungen, in denen oftmals gar nicht viel passiert, die aber wegen ihrer bizarren Elemente den Zuschauer zu einem Dauergrinsen verführen, sind sein Markenzeichen. THE MIDDLE MAN hat er nun nach „Factotum“ erstmals wieder an der US-kanadischen Grenze gedreht. In Sault St. Marie hat er den perfekten Ort für seine Geschichte gefunden. Die Stadt an den Stromschnellen des St. Marys Rivers ist seit dem Britisch-Amerikanischen Krieges zweigeteilt. Im US-Bundesstaat Michigan liegt der amerikanische Teil, und auf der anderen Flussseite befindet sich der gleichnamige kanadische Teil. Die Region liegt im sogenannten „Rust Belt“, einer der ältesten und größten Industrieregionen der USA. Mit dem Niedergang der Stahlindustrie in den 1970-er Jahren nahm die wirtschaftliche Bedeutung der Region rapide ab, was sich in einer hohen Arbeitslosigkeit widerspiegelt. Der perfekte Ort, um als Kulisse für die fiktive Stadt Karmack zu dienen.

In Karmack ist das Leben alles andere als einfach. Jobs gibt es kaum, und die meisten Menschen leben antriebslos vor sich hin. „Es ist nicht einfach, in Karmack zu leben, aber es ist noch schwieriger, den Ort zu verlassen“, heißt es im Film. Aus genau dieser Antriebslosigkeit zieht Bent Hamer seinen Humor und trifft damit genau ins Schwarze. 

Als Vorlage diente Hamer der Roman „Sluk“ von Lars Saabye Christensen. Das Buch ist in drei Kapitel aufgeteilt, von denen Hamer eines auswählte und für seinen Film umschrieb. Gedreht wurde bereits 2018, und der Kinostart war ursprünglich für 2019/2020 geplant. Wir alle wissen jedoch, was dann geschah. Und so konnte der Film erst 2021 seine Premiere beim Toronto International Film Festival (TIFF) feiern, allerdings ohne Anwesenheit des Regisseurs. Wie frustrierend das für einen Filmemacher sein muss, kann sich sicher jeder vorstellen. 

Im November 2021 stellte Hamer seinen Film schließlich auf gleich zwei Festivals in Deutschland vor. Zum einen beim Cologne Film Festival, wo er mit dem Prädikat „Made in NRW“ ausgezeichnet wurde – schließlich wurden auch hier Teile des Films gedreht. Zum anderen bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck, wo ich das Glück hatte, Bent Hamer zum Interview zu treffen. Dort verriet er mir auch, dass sich seine Trauer über die Start-Verschiebung in Grenzen hielt, da er sich bewusst war, dass er mit dem Problem nicht alleine war. 

THE MIDDLE MAN wartet außerdem mit einem eindrucksvollen Cast auf, der zur Hälfte aus kanadischen und zur anderen Hälfte aus skandinavischen Darstellern besteht. Für den kanadischen Teil verließ sich Hamer voll und ganz auf seine dortigen Co-Producer, in Norwegen läuft das Ganze jedoch weniger über Castings ab. Dort ruft man einfach seinen Wunsch-Schauspieler oder seine Wunsch-Schauspielerin an und fragt direkt nach, ob er oder sie dabei sein möchte, so Hamer im Interview. In diesem Fall lag aber ein wesentliches Kriterium in der englischen Sprache, was die Auswahl ein wenig einschränkte. Hamer wollte in seinem Film nämlich keinerlei Akzente hören, weder kanadisch, noch norwegisch. Mit Pål Sverre Hagen und Tuva Novotny hat er dabei seine perfekte Besetzung gefunden. Beide harmonieren perfekt als knisterndes Liebespaar. Nina Andresen Borud, die Franks Mutter spielt, stammt sogar aus Bent Hamers Heimatort, und seitdem er sie in „Home for Christmas“ besetzt hatte, wollte er ihr unbedingt eine weitere Chance geben. „Ich weiß schließlich, wie toll sie ist“, so Hamer. Er sollte Recht behalten. 

Wie eigentlich in allen seinen Filmen lässt Hamer das Ende offen. Ob es sich in den letzten Szenen um eine Traumsequenz handelt oder ob das Gesehene tatsächlich stattfindet, bleibt unklar. Hamer selbst hat zwar eine Meinung dazu, hält sie aber nicht zwingend für die Richtige, wie er mir im Interview verraten hat. Ein kleiner Hinweis könnte aber der Song sein, der im Hintergrund läuft. Es handelt sich dabei um „How to Disappear Completely“ der norwegischen Singer/Songwriterin Ane Brun, deren Textzeilen ich aber an dieser Stelle nicht verraten möchte.

Mit THE MIDDLE MAN ist Bent Hamer ein kleines, äußerst feines Meisterwerk gelungen, das unfassbar viel Kraft aus der Mittelmäßigkeit seiner Figuren schöpft. Bleibt zu hoffen, dass wir auf seinen nächsten Film nicht wieder acht Jahre warten müssen. 

THE MIDDLE MAN kommt im Frühjahr 2022 in die deutschen Kinos.

Interview

Im Rahmen der Nordischen Filmtage 2021 in Lübeck habe ich Bent Hamer zum Interview getroffen und mit ihm über seinen Film, die Auswahl der Darsteller und die Schwierigkeiten auf dem Weg zum fertigen Film gesprochen. Das Interview erscheint an dieser Stelle zum deutschen Kinostart im Frühjahr 2022.

Trailer

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