Die US-Regisseurin Kelly Reichardt kennt sich aus in der Filmgeschichte. Doch in THE MASTERMIND hat sie es mit ihren Referenzen in meinen Augen etwas übertrieben. In dieser Rekonstruktion eines Gemälderaubs, der 1970 so oder ähnlich in Massachusetts passiert sein soll, fühlen wir uns an Filme von Jacques Tati, Michelangelo Antonioni und vor allem an Robert Bresson erinnert. Und ein bisschen Kelly Reichardt ist auch dabei.
Nur auf den ersten Blick ist THE MASTERMIND ein klassischer Heist-Film, also ein Film über einen Einbruch. Denn eigentlich ist diese Tragikomödie das Porträt eines Losers, einer verlorenen Seele. Und der Titel ist reiner Hohn: Die Hauptperson, der arbeitslose Tischler James Blaine „JB“ Mooney (Josh O’Connor), ist alles andere als ein Genie oder Drahtzieher eines perfekten Plans. Seien wir ehrlich: Mooney ist eine tranige Lusche, die völlig überfordert durchs Leben trottet und nichts auf die Reihe bekommt.
Mooney, der mit seiner Frau Terry (Alana Haim, leider nur mit einer winzigen Rolle beschenkt) und seinen zwei kleinen Söhnen zurückgezogen in der Kleinstadt Framingham lebt, hat einen genialen Plan: vier abstrakte Gemälde seines Lieblingsmalers Arthur Dove bei helllichtem Tag aus dem örtlichen Kunstmuseum zu klauen. Zwei Kumpel sollen ihm dabei helfen und den eigentlichen Raub begehen, er selbst will im Hintergrund bleiben.
Tagelang kommt Mooney mit seiner Familie ins Museum und sucht nach Schwachstellen. Es gibt keine Alarmanlage, und die beiden Wärter sind meistens beim Schlafen. Auf völlig absurde Weise gelingt der Überfall – doch dann beginnen die Probleme. Wie Money die vier in Kissenbezügen steckenden Bilder, für die er eigens eine Holzkiste gezimmert hatte, nach mehreren Versuchen auf den Heuboden eines Schweinestalls hievt und dann auch noch die Leiter umfällt, ist reinster Tati-Slapstick. Die komischste Szene des Filmjahres!
Frei nach Murphy’s Law geht jetzt alles schief: Mooney landet als gesuchter Verbrecher auf den Titelseiten, seine Frau verlässt ihn mit den Kindern, sein Vater, ein angesehener Richter, kann nichts für ihn tun, sein bester Freund (John Magaro) darf ihn nur einige Tage beherbergen – seine energische Frau (Gaby Hoffmann) will es so. Mooney taucht unter. Als er einen fremden Ausweis mit seinem eigenen Foto bestücken will, inszeniert Kelly Reichardt das mit einer 360°-Kamerabewegung und zitiert so die finale Szene aus „Beruf: Reporter“. Am Ende verschwindet Mooney in einer Vietnam-Demo – oder auch nicht…
Diesen Niedergang eines Antihelden – von Josh O’Connor kongenial gespielt – filmt die Regisseurin als tragische Passion mit fast mythologischer Intensität. In ihrer kompromisslosen Strenge ist diese Passion natürlich eine Verbeugung vor Bresson. „Pickpocket“ und „Das Geld“ lassen grüßen. Liebe Frau Reichardt: Diesmal sind es ein paar Vorbilder zu viel.
The Mastermind (USA 2025)
111 Minuten
Drama / Krimi
Kelly Reichardt
Kelly Reichardt
Christopher Blauvelt
Josh O'Connor, Sterling Thompson, Alana Haim, Jasper Thompson, Bill Camp, Hope Davis, Eli Gelb, Cole Doman, Carrie Lazar, Javion Allen, Reighan Bean, Katie Hubbard, Margot Anderson Song, Avery Deutsch
MUBI