Horror-Koryphäe Mike Flanagan hat es schon wieder getan! Nach „Das Spiel“ (2017) und „Doctor Sleeps Erwachen“ (2019) verfilmte er diesmal die Kurzgeschichte „Chucks Leben“ von Stephen King episodenhaft als THE LIFE OF CHUCK in drei Kapiteln von hinten nach vorne. Die Welt geht in diesem Mystery-Drama unter, aber Flanagan feiert das Leben!
„Who the Fuck is Chuck?“ fragt sich nicht nur der Lehrer Marty Anderson (Chiwetel Ejiofor) im dritten Kapitel (das wir zuerst sehen). Auf Plakaten, in Neon-Reklamen, in Radio und TV ist eines omnipräsent: „39 GREAT YEARS! Thanks Chuck!“. Irgendwie mysteriös, überall in der amerikanischen Kleinstadt erscheint dieser Charles Krantz – ein Typ, der aussieht wie ein gewöhnlicher Buchhalter. Ansonsten herrscht Untergangsstimmung (das Internet ist down, und Kalifornien versinkt im Meer).
Marty versucht in THE LIFE OF CHUCK gerade, seinen Schülern das Gedicht „Gesang von mir selbst“ von Walt Whitman näher zu bringen, doch die Polizeisirenen heulen, und ein weiteres Erdbeben wütet. Die zentrale, philosophische Aussage „Ich bin groß, ich enthalte Vielheiten“ findet also wenig Gehör. Krankenschwester Felicia Gordon (Karen Gillan) geht währenddessen im City General an ihre Grenzen, sie und ihre Kolleg:innen bezeichnen sich als „Suizidkommando“: Die Menschen bringen sich lieber um, als sehenden Auges den Weltuntergang zu erleben.
Um mit der Situation klarzukommen, telefoniert Felicia mit Ex-Mann Marty, der ihr das Konzept des kosmischen Kalenders nahebringt (das der amerikanische Astronom Carl Sagan einführte). Marty macht sich auf den Weg zu ihr. Autos verschwinden in Kratern, der Strom fällt aus, und überall ist dieser Chuck zu sehen, den scheinbar keiner kennt. Das Ex-Paar setzt sich im Garten in Sessel – und schaut in den Nachthimmel: Erst erlischt der Nordstern. Dann der Mars. Mit einem Donnergrollen.
Im zweiten Kapitel von THE LIFE OF CHUCK hat Tom Hiddleston als Charles Krantz seinen großen Auftritt: Er ist geschäftlich in der Stadt – und nutzt eine Pause, um alleine in der Einkaufspassage zu spazieren. Taylor Franck (Taylor Gordon aka The Pocket Queen) hat gerade ihr Schlagzeug auf der Straße aufgebaut. Als sie den Buchhalter-Typ mit der Hornbrille auf sich zukommen sieht, fängt sie an, nur für ihn zu spielen. Der stellt seine Aktentasche ab – und fängt an zu tanzen!
Janice Halliday (Annalise Basso), die in einer Buchhandlung um die Ecke arbeitet, wurde gerade von ihrem Typen am Telefon abserviert. Sie verlässt den Laden und steuert auf Chuck zu, der ihre Hand greift – und sie liefern einen Paartanz ab, der immer mehr Menschen anzieht, die applaudieren. Da macht das Zuschauen Spaß! Und als großer Fan von Stephen King weiß Flanagan auch, dass dieser nicht nur der „Meister des Horrors“ ist, sondern immer auch humanistische Ansätze hat. THE LIFE OF CHUCK ist dabei eher eine Verfilmung in der Tradition von „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ und „The Green Mile“.
Nachdem wir bereits einiges zum Krankheitsbild von Chuck erfahren haben und in der heißen Tanzszene den Groove spüren durften (Hiddleston erlernte für den Film in einem sechswöchigen Crashkurs Tänze wie Jazz, Swing, Polka, Samba, Cha-Cha-Cha, Quickstepp und den Moonwalk), werden wir im ersten Kapitel von THE LIFE OF CHUCK Zeuge seiner Kindheit in einem vermeintlichen Spukhaus (auch in diesem Sub-Genre gilt Flanegan als Koryphäe).
Chuck (in jung: Cody Flanagan, Benjamin Pajak und Jacob Tremblay) hat seine Eltern bei einem Autounfall verloren und wächst bei seinen Großeltern auf. Von Großmutter Sarah Krantz (Mia Sara) hat er das Taktgefühl: In der Küche läuft der 80er-Jahre-Klassiker „Dance Hall Days“ von Wang Chang im Radio – und dient als Initialzündung für Chucks Tanzleidenschaft. Großvater Albie Krantz (Star Wars-Ikone Mark Hamill) ist eher gut mit Zahlen – und will einen Buchhalter aus Chuck machen. Er frönt alkoholischen Genüssen und hält sich mit Lebensweisheiten nicht zurück: „Der Nachthimmel kann dir Sachen über deine Zukunft erzählen“. Einen Raum im Haus der Großeltern darf Chuck nicht betreten: Die Dachkammer. Es kommt natürlich anders – und hier beginnt das mysteriöse Grauen.
Der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Mike Flanagan übernimmt den episodenhaften Aufbau von Stephen Kings Kurzgeschichte „Chucks Leben“ (aus der Novellensammlung „Blutige Nachrichten“) und experimentiert geschickt mit Bildformaten und Farbpaletten. THE LIFE OF CHUCK ist dabei liebenswert, berührend und unheimlich. In jeder Sekunde ist zu spüren, dass Flanagan (der auch für den Schnitt verantwortlich zeichnet) sein Herz und seine Seele in diesen Film gesteckt hat.
Weltuntergangsdrama, Tanzperformance und Coming-of-Age-Geschichte, all das ist THE LIFE OF CHUCK – und feiert dabei das Leben wie einst „Ist das Leben nicht schön?“ (1946) von Frank Capra. Das Darstellerensemble ist dabei großartig. Einzig der Erzähler aus dem Off (im Original ironischerweise: Nick Offerman) trübt das Vergnügen etwas. Der Clou übrigens: Die Handlungsstränge hängen zusammen – und alle Protagonisten sind tatsächlich Chuck in ihrem Leben begegnet (auch wenn sie sich nicht daran erinnern).
Das Filmplakat fasst THE LIFE OF CHUCK ganz gut zusammen: „Jedes Leben ist ein ganzes Universum“. Auf dem Toronto International Film Festival (TIFF) gab es eine Auszeichnung mit dem Publikums-Preis, auch auf dem Filmfest München lief das lebensbejahende Mystery-Drama. Und Flanagan werkelt derweil an der Serien-Umsetzung von „Der dunkle Turm“ (natürlich basierend auf Stephen Kings Roman-Reihe).
The Life of Chuck (USA 2024)
111 Minuten
Drama
Mike Flanagan
Mike Flanagan, nach der Kurzgeschichte von Stephen King
Eben Bolter
Nick Offerman (Erzähler), Tom Hiddleston, Jacob Tremblay, Benjamin Pajak, Cody Flanagan, Chiwetel Ejiofor, Karen Gillan, David Dastmalchian, Matthew Lillard, Carl Lumbly, Taylor Gordon, Annalise Basso, Mia Sara, Mark Hamill, Kate Siegel, Samantha Sloyan, Trinity Jo-Li Bliss, Rahul Kohli, Carl Sagan, Heather Langenkamp
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