Die US-amerikanische Autorin Freida McFadden veröffentlichte 2022 mit „Wenn sie wüsste“ einen der meistdiskutierten Titel auf BookTok, der sich als Weltbestseller auch millionenfach verkaufte. Und nun steht endlich der sexuell aufgeladene Psychothriller THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE auch in den deutschen Kinos in den Startlöchern. Can we believe the hype?
Die 27-jährige Millie Calloway (Sydney Sweeney) hat auf dem Anwesen der Familie Winchester auf Long Island ein Vorstellungsgespräch. Die Hausherrin Nina (Amanda Seyfried) erklärt der jungen Frau die Aufgaben und zeigt ihr das von ihrem Göttergatten Andrew (Brandon Sklenar) höchstselbst gestaltete mondäne Haus, das im Kinderzimmer von Tochter Cecelia (Indiana Elle) nochmal in Miniatur-Form als Puppenhaus steht. Kurz darauf erfahren wir, dass Millie nicht ganz ehrlich war: Sie ist gerade frisch aus dem Knast entlassen und übernachtet in ihrer schrottreifen Karre.
Wir kennen solche Geschichten aus dem Kino der 1990er-Jahre, der Hochzeit der sog. Erotik-Thriller. THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE fängt harmlos an wie damals „Die Hand an der Wiege“ (1992) von Curtis Hanson. 2025 gab es einen müden Abklatsch derselben Geschichte. Die 1990er trenden also immer noch, nur eben zeitgemäßer umgesetzt, was dann leider selten positive Bewertungen nach sich zieht, vor allem bei den älteren Generationen. Damals sorgte Sharon Stone in Filmen wie „Basic Instinct“ (1992) noch für handfeste Skandale, heutzutage haben wir mit Sydney Sweeney zumindest eine junge Hollywood-Dame, die sich nicht scheut, zumindest die voluminösen Brüste in eigentlich jedem ihrer Filme selbstbestimmt zu zeigen. Soviel sei verraten: Auch hier zieht sie blank!
„Nichts ist so wie es scheint“ lautete 1998 nicht nur der Untertitel des eindringlichen Hacker-Thrillers „23“ von Hans-Christian Schmid, sondern war damals auch als geflügeltes Wort im Fachjargon omnipräsent. Thriller mit doppeltem Boden hatten Konjunktur. Und THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE ist ein Wiedergänger dieser Zeit. Millie bekommt tatsächlich den Job im Hause der wohlhabenden Winchesters und kann sofort anfangen. Das Haus, das zuvor picobello in Schuss war, hinterlässt nun aber eher einen verwüsteten Eindruck. Noch bevor Millie ihr Quartier auf dem Dachboden beziehen kann, muss sie erst mal eine Grundreinigung vornehmen. Also Staubwedel in die Hand und Kopfhörer auf!
Andrew, der seine Firma vom Vater geerbt hat, ist der reinste Strahlemann – durchtrainiert, charmant und verständnisvoll! Als Haushälterin Millie und der Hausherr eines nachts nicht schlafen können, sitzen sie eng nebeneinander auf dem Sofa in seiner „Männerhöhle“ und schauen die US-Spielshow „Family Feud“. Die Situation eskaliert das erste Mal, als Nina die beiden dabei „erwischt“. Nina hat Millie insgeheim verraten, dass sie schwanger ist. Sind das einfach nur Stimmungsschwankungen oder steckt da mehr dahinter? Der Gärtner Enzo (Michele Morrone) ist zudem eher der mysteriöse Typ. Und Tochter Cecelia ist ein verwöhntes Balg.
Millie braucht den Job dringend, Unterkunft und Verpflegung sind schließlich inbegriffen. Und sie muss sich ja an die Bewährungsauflagen halten. Den Schlüssel für ihr kleines Dachbodenreich bekommt sie allerdings erst auf Nachfrage und die Treppe dorthin ist extrem steil. Im kleinen Kühlschrank dort oben stehen genau drei kleine Flaschen Mineralwasser (die im Laufe der Geschichte noch an Bedeutung gewinnen werden) und das kleine Giebelfenster lässt sich nicht öffnen. Regisseur Paul Feig („Brautalarm“, „Nur ein kleiner Gefallen“) versucht also in THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE eine dichte Atmosphäre aufzubauen und unerwartete Wendungen geschickt einzuleiten. So ganz gelingt das leider nicht!
Als dann auch noch Ninas Schwiegermutter (Elizabeth Perkins) das wertvolle Porzellan-Geschirr in die Obhut von Millie gibt, kommt eine zusätzliche Komponente dazu: Das Privileg. Das schöne Lächeln und die strahlenden Zähne von Andrew sind ein Privileg. Haare sind auch ein Privileg. Nina, die aus einfachen Verhältnissen kommt, muss die Ansätze nachfärben, sonst gibt es Stress! Es kommt, wie es kommen muss: Die Haushälterin und der Hausherr kommen sich doch näher. Nina dreht daraufhin komplett durch und macht Millie absurde Unterstellungen. Abgründe kommen zum Vorschein: Nina war bereits mehrere Monate in der Psychiatrie. Das Tratschen ihrer reichen Freundinnen macht die Sache auch nicht besser. Etwas Klassenkampf wird also auch geboten. Letztendlich aber ziemlich zahnlos!
Eines erfahren wir im Übrigen nie so ganz, nämlich warum „Barry Lyndon“ von Stanley Kubrick ein verkanntes Meisterwerk ist? Das behauptet zumindest Andrew – und wir sehen am Ende auch Passagen aus dem Film. THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE ist hingegen zeitgemäßes, an die Sehgewohnheiten der jungen Zuschauer von heute angepasstes Kino. Man bekommt im Prinzip auch die komplette Geschichte mit, wenn man nebenbei mit dem Smartphone andere Sachen erledigt. Die Schauspielleistungen und Dialoge haben Soap-Opera-Niveau, auch die Inszenierung bedient nur Oberflächenreize und vermittelt keine wirkliche Tiefe. Aber irgendwie ist es in der Summe dann so schlecht, dass es schon wieder Spaß macht. Ein echtes guilty pleasure eben!
In den USA kam THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE bereits am 19. Dezember 2025 in die Kinos. Und war über die Feiertage ein großer Hit, ging vor allem auf TikTok viral. Der deutsche Verleih möchte das Momentum wohl ausnutzen, denn der Kinostart wurde hier um eine Woche vorgezogen. Sydney Sweeney („Wo die Lüge hinfällt“, „Immaculate“, „Euphoria“) sorgte übrigens 2025 auch mit Werbung für die Marke American Eagle für Schlagzeilen: „Sydney Sweeney has great jeans“ hieß der Claim, der sich schnell missverstehen lässt („genes“). Die Schauspielerin, Produzentin und Markenbotschafterin, die bereits als „Marilyn Monroe unserer Zeit“ (Rolling Stone) bezeichnet wurde, hat sich gerade auch erst für das „W“-Magazine hüllenlos im alten Hollywood-Stil ablichten lassen.
Das Drehbuch von Rebecca Sonnenshine erreicht nie die Klasse der Romanvorlage. THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE ist mit 132 Minuten arg lang, viele Szenen werden völlig unnötig ins Endlose gezogen. Die Twists sind zwar gut, aber so richtig überraschend halt auch nicht. Subtil geht anders! Sydney Sweeney und Amanda Seyfried („Mamma Mia!“, „Lovelace“, „Jennifer‘s Body“) werden wohl kaum Preise für ihre teils hysterischen schauspielerischen Leistungen gewinnen (doch halt: die „Goldene Himbeere“ in der Kategorie „Schlechteste Schauspielerin“ ist in Reichweite). Und Paul Feig ist ein mittelmäßiger Filmemacher, hier inszeniert er ganz okay. Die Spannung hält sich in Grenzen! Auch die Filmmusik von Theodore Shapiro und die verwendeten Popsongs sind allenfalls gefällig.
Aber: Die Fortsetzung „The Housemaid – Sie kann dich hören“ kommt natürlich! Lionsgate adaptiert auch Band zwei von Freida McFaddens Bestseller-Trilogie. Millie hat ein neues Leben begonnen und versucht, ihre düstere Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Um ihr Studium zu finanzieren, nimmt sie einen Job als Haushaltshilfe bei einem wohlhabenden Paar in Manhattan an. Ihr Arbeitgeber Douglas Garrick wirkt freundlich und großzügig – aber warum darf sie dessen Frau Wendy nie sehen, und wieso hört sie immer wieder leises Schluchzen aus dem verbotenen Zimmer? Den Job als Hausmädchen mit Zusatzqualifikation mal perspektivisch als Geschäftsmodell gedacht! Warum nicht? Am Ende von THE HOUSEMAID – WENN SIE WÜSSTE bekommen wir schon mal einen Vorgeschmack.
The Housemaid (USA 2025)
133 Minuten
Thriller
Paul Feig
Rebecca Sonnenshine, basierend auf den Figuren von Freida McFadden
John Schwartzman
Sydney Sweeney, Amanda Seyfried, Brandon Sklenar, Michele Morrone, Elizabeth Perkins, Indiana Elle, Amanda Joy Erickson, Megan Ferguson, Ellen Tamaki
Leonine Distribution GmbH