Warner Bros. nutzt pünktlich zum Kinostart des Horror-Musicals THE BRIDE! – ES LEBE DIE BRAUT geschickt das Momentum, dass die irische Schauspielerin und Sängerin Jessie Buckley („Hamnet“) gerade die Oscar-Kandidatin Nummer eins ist. Die zweite Regiearbeit der US-amerikanischen Schauspielerin Maggie Gyllenhaal ist ein feministisches Manifest! Mit Ausrufezeichen, um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen!
Maggie Gyllenhaal, die mit ihrem Regiedebüt „Frau im Dunkeln“ (2021), eine Romanverfilmung nach Elena Ferrante mit Olivia Colman in der Hauptrolle, überwiegend positive Kritiken bekam und in den Wettbewerb um den Goldenen Löwen der 78. Filmfestspiele von Venedig eingeladen wurde, kann nun aus dem Vollen schöpfen: Das Budget für THE BRIDE! – ES LEBE DIE BRAUT soll 80 Millionen Dollar betragen. Wow! Gyllenhaal, die 2002 noch in der Rolle als devote Sekretärin in Steven Shainbergs „Secretary“ überzeugte (ihre erste Golden-Globe-Nominierung), inszeniert hier nun Jessie Buckley als Kampf-Amazone.
„Everybody dance, everybody sing, everybody move!“ heißt es im Trailer zu THE BRIDE! – ES LEBE DIE BRAUT („Everybody Scream“ von Florence + the Machine läuft als Untermalung). Und Gyllenhaal hat ihre Hausaufgaben gemacht: Sie verwendet in diesem energetischen Spektakel Figuren aus Mary Shelleys Gothic-Klassiker „Frankenstein“ (die Braut hält immer wieder Zwiesprache mit der Autorin) beziehungsweise dessen Verfilmung „Frankensteins Braut“ (1935) von James Whale, ein absoluter Klassiker, der die Braut aber nicht gerade prominent in Szene gesetzt hatte (dort ist sie zwar ebenfalls die Titelfigur, hat aber keine zehn Minuten Leinwandzeit und spricht kaum ein Wort). Doch Gyllenhaal ist nun Fürsprecherin für die Belange der Frauen. Männer sind die wahren Monster!
Aber der Reihe nach: Im Chicago der 1930er Jahre sucht Frankensteins Monster Frank (Oscar-Gewinner Christian Bale) die geniale Wissenschaftlerin Dr. Euphronius (die fünffach Oscar-nominierte Annette Bening) auf, die ihm bei der Erschaffung einer Gefährtin helfen soll. Fast hundert Jahre weilt das Monster bereits auf der Erde, hat aber noch nie die Liebe erlebt und ist wirklich sehr einsam. Immer nur den Musical-Star Ronnie Reed (Maggie Gyllenhaals jüngster Bruder Jake in schwarzweißen Film-im-Film-Streifen) im Kino zu sehen, hilft da nur bedingt. Die Sehnsucht nach einer Braut kennt schier keine Grenzen mehr!
Also buddeln Frank und Dr. Euphronius die Leiche von Ira (Jessie Buckley) aus, die ermordet wurde, weil sie als Lebedame im Dienste der Polizei zu viel über die Mafia und andere männliche Zeitgenossen wusste – und auch ansonsten kein Blatt vor den Mund nahm. Nach der fancy Wiederbelebung flucht die Braut weiter, gerade so als würde sie unter dem Tourette-Syndrom leiden, einer neuropsychiatrischen Erkrankung, die durch unwillkürliche Bewegungen (Tics) und vokale Äußerungen gekennzeichnet ist. Verfickte Scheiße! Aber irgendwie poetischer.
Schwarze Tinte umrahmt zudem ihre Mundpartie (und wird später zum Erkennungszeichen einer ganzen Frauenbewegung). Die Braut ist fest entschlossen, ihre eigene Geschichte zu schreiben – und sie lässt sich definitiv nicht den Mund verbieten! Als geflügeltes Wort aus Herman Melvilles Erzählung „Bartleby der Schreiber“ droppt die Kodderschnauze lässig: „Ich würde vorziehen, das nicht zu tun“ (“I would prefer not to”). Zunächst kann sich die Braut zwar an nichts erinnern, aber Frank ist einfach nur hin und weg von ihr. Die Annäherung des Monster-Pärchens braucht indes erst einmal etwas Zeit.
Die Ästhetik von THE BRIDE! – ES LEBE DIE BRAUT kann vollends überzeugen und erinnert nicht von ungefähr an die „Joker“-Reihe von Todd Phillips, dessen zweiter Teil „Joker: Folie à Deux“ ja auch ein Musical war. Der US-amerikanische Kameramann Lawrence Sher, den eine langjährige Zusammenarbeit mit Phillips verbindet, liefert hier wie da atemberaubende Bildkompositionen. Das neue Monster-Traumpaar taucht in dieser Amour-fou tief in das Nachtleben Chicagos ein – und ist in ekstatischen Tanzsequenzen zu erleben, die kongenial die 1930er mit verquer-artifiziellem Synthpop der Jetztzeit verbinden: Fever Ray, das Projekt der schwedischen Sängerin, Komponistin und Musikproduzentin Karin Dreijer (ehemals ein Teil von The Knife), hat einen Cameo-Auftritt als Untergrund-Club-Performerin (und steuert zwei neue Songs zum Soundtrack bei). Die Filmmusik wurde von der isländischen Oscar-Preisträgerin Hildur Guðnadóttir komponiert.
Doch damit nicht genug: Fritz Langs Stummfilmklassiker „Metropolis“ (1927) diente als Inspiration für die visuelle Aufbereitung von THE BRIDE! – ES LEBE DIE BRAUT. Und die deutsche Hauptdarstellerin Brigitte Helm (eigentlich Brigitte Gisela Eva Schittenhelm) war wohl auch die Blaupause für den Look der Braut. James Whale wollte sie eigentlich in „Frankensteins Braut“ besetzen, doch Helm sagte ab. Marlene Dietrich darf natürlich in den kunstbeflissenen Gesprächen des Liebespaares auch nicht fehlen.
Im Club wird die Braut angegraben. Männer sind halt Schweine! Aber sie haben die Rechnung ohne Frank gemacht. Der wird seinem Ruf als Monster natürlich vollends gerecht – und zermantscht die widerlichen Vergewaltiger! Eine Geschichte mit Punk-Attitüde nimmt ihren Lauf, die auch vor Arthur Penns Gangster-Klassiker „Bonnie und Clyde“ nicht Halt macht. Oder sind die beiden doch eher „Sid und Nancy“? Das Monster-Paar reist den Vorstellungen der Filme von Ronnie Reed durch die gesamte USA nach. Detective Jake Wiles (Gyllenhaals Ehemann Peter Sarsgaard) und seine investigative Partnerin Myrna Mallow (Penélope Cruz) heften sich dicht an ihre Fersen.
Der Mafiosi, der Ira eigentlich schon hat töten lassen, sammelt abgeschnittene Zungen in Einmachgläsern. Er hetzt nun erneut seine Schergen der Untoten hinterher. Doch die hat nicht nur ein loses Mundwerk, sondern weiß auch, wie sie Schusswaffen zu ihrem Vorteil nutzt. Und Zungen, ach seht doch selbst. Die Schauermär THE BRIDE! – ES LEBE DIE BRAUT ist ein vor Kreativität berstendes Event-Movie zum Weltfrauentag am 8. März, das sogar in IMAX-Kinos gezeigt wird! Aber Form geht hier leider über Inhalt, der Erkenntnisgewinn hält sich also in Grenzen.
Und Maggie Gyllenhaal (als Schauspielerin: „The Dark Knight“, „Crazy Heart“) beschäftigt ihre halbe Familie bei der Produktion. Die AfD ist für so eine Vetternwirtschaft gerade im Bundestag arg in Misskredit geraten. Jessie Buckley, die übrigens bereits in Gyllenhaals Regiedebüt „Frau im Dunkeln“ eine Hauptrolle übernahm, ist in THE BRIDE! – ES LEBE DIE BRAUT Blickfang, Sprachrohr und Action-Ikone zugleich. Die früheren Peiniger der Braut haben wirklich überhaupt nichts mehr zu melden! Wir begleiten die Stil-Ikone bei ihrer Suche nach der eigenen Identität. Und Christian Bale („The Dark Knight“) liefert als Frankensteins Monster solide ab.
Guillermo del Toro hat 2025 mit „Frankenstein“ vorgelegt – und Gyllenhaal, die auch das Drehbuch schrieb, bringt nun in der wilden Romanze THE BRIDE! – ES LEBE DIE BRAUT eine feministische Perspektive in die Erzählung ein. Da ist sie eine Schwester im Geiste von Kristen Stewart, die diese Woche mit ihrem Langfilm-Regiedebüt „The Chronology Of Water“ in den deutschen Kinos reüssiert. Und die Doku „No Mercy“ von Isa Willinger liefert in dieser Startwoche gleich weitere Argumente für den Diskurs: Sie geht der These nach, dass Frauen die härteren Filme drehen (ein Ausspruch der ukrainischen Filmemacherin Kira Muratova) – und präsentiert den jungen Feministinnen genügend Stoff für die Watchlist.
The Bride! (USA 2026)
127 Minuten
Drama / Romanze / Science-Fiction
Maggie Gyllenhaal
Maggie Gyllenhaal
Lawrence Sher
Jessie Buckley, Christian Bale, Jake Gyllenhaal, Annette Bening, John Magaro, Penélope Cruz, Peter Sarsgaard, Julianne Hough, Jeannie Berlin, Louis Cancelmi, Matthew Maher
Warner Bros. Entertainment GmbH