Sounds of Paris

11.06.2026

Der französische Filmemacher Laurent Slama liefert mit SOUNDS OF PARIS seinen Beitrag zu den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris, nachdem erst kürzlich „Ein Sommer in Paris“ in den deutschen Kinos startete. In diesem poetisch-rasanten Stadtporträt hetzt die hörgeschädigte Elisabeth (Agathe Rousselle aus „Titane“) durch die überfüllte europäische Metropole – sie arbeitet für einen Concierge-Service und kämpft um ihr inneres Gleichgewicht.

Der Einstieg ist heftig: „Wie begeht man Selbstmord mit Arzneimitteln?“ gibt Elisabeth in die Suchmaske auf ihrem Computer ein. Eigentlich ist sie eine hochqualifizierte IT-Überfliegerin, die sich aber wohl mental übernommen hat und deren Leben nun ins Stolpern geraten ist. Deshalb jobbt sie bei einer Appartementvermittlung. Auch ein fordernder Job, weil ja gerade die Olympiade in Paris ansteht. Die Gäste sind gestresst, und ihr Arbeitgeber hat hohe Ansprüche. Außerdem hat sie ihr Gehör durch die Überforderung bei ihrem IT-Job fast gänzlich verloren. Sie trägt ein Hörgerät, das sie beim Trubel in der Stadt aber auch schon einmal ausschaltet, vor allem wenn sie die Gemälde von Monet in der Kunstgalerie genießen möchte.

Wie begehrt Elisabeth als IT-Kraft ist, erfahren wir in SOUNDS OF PARIS bei einem Treffen mit einem Headhunter, der von ihrem Umgang mit Datasätzen begeistert ist – und sie für ein hochspezialisiertes KI-Training abwerben möchte. Doch die junge Frau will Gutes tun, am liebsten für eine NGO arbeiten. Das angebotene Geld kann sie nicht überzeugen. Kurz zuvor hat sie den schrägen Amerikaner Elijah (Alex Lawther) getroffen, der als Mentalcoach für die Athleten arbeitet. Behauptet er zumindest. Da es bei seiner Unterkunft eine Doppelbelegung gab, muss Elisabeth ihm nun eine andere Wohnung organisieren. Elijah ist fortan ständig in ihrem Schlepptau.

Der Amerikaner wirkt eher unbeschwert und ist restlos begeistert von Paris. Elisabeth befindet sich dagegen im Dauerstress, denn die Geräuschkulisse der pulsierenden Metropole überfordert sie. Wir nehmen in SOUNDS OF PARIS immer wieder ihre Perspektive ein, was Autorenfilmer Laurent Slama sehr gut einfängt. Als der quirlige Elijah auch noch Freunde (Suzy Bemba, Jonas Bachan) trifft, ist das für die junge Frau erst einmal zu viel. Doch sie lernt auch eine andere Art zu leben kennen. Gemeinsam driftet die Truppe durch Paris, die Geschlechterrollen werden dabei vermischt, ddas verleiht dem Film eine queere Offenheit. Währenddessen fällt es Elisabeth aber immer schwerer, ihre Arbeit aufrechtzuhalten.

Elijah versucht es bei der in sich gekehrten Frau mit Hypnose, aber der scheinbar entspannte Amerikaner, der ziemlich flippig wirkt, hat auch sein Päckchen zu tragen: In der Pariser Metro bekommt er eine Panikattacke. Nun ist Elisabeth für ihn da. SOUNDS OF PARIS erinnert natürlich an die modernen Paris-Klassiker „Midnight in Paris“ von Woody Allen und „Before Sunset“ von Richard Linklater. Doch „A Second Life“ (so der Originaltitel) erreicht nicht ganz deren Qualität, auch wenn Agathe Rousselle mit ihrer Performance in den Bann zieht und das Großstadtporträt einen entscheidenden Vorzug hat: Knappe 80 Minuten Spielzeit sind wirklich mal wohltuend! Bekommen Elisabeth und Elijah ein zweites Leben geschenkt? Verdient hätten sie es jedenfalls.

SOUNDS OF PARIS ist übrigens nicht das Regiedebüt des Filmemachers Laurent Slama, denn der Franzose arbeitete bisher unter dem Pseudonym „Elisabeth Vogler“ (abgeleitet von der Filmfigur aus Ingmar Bergmans „Persona“) und veröffentlichte bereits die Spielfilme „Unser Paris“ (2019) und „Années 20“ (2021). Die von Agathe Rousselle verkörperte Hauptfigur in seinem neuesten Werk heißt nun genauso. Das moderne Großstadtmärchen, das übrigens tatsächlich mit einer minimalen Crew während des Trubels der Olympischen Spiele in der Stadt gedreht wurde, ist genau beobachtet und sehr poetisch. Eine Zufallsbekanntschaft verheißt hier einen Neuanfang. „…nur tote Dinge wachsen aus Bedauern.“ wird dort zitiert. Ein schöneres Plädoyer fürs Weiterleben kann man sich kaum wünschen. Und lasst euch von der Magie dieses Großstadtporträts gefangen nehmen.

Der „Seerosenteich“ des französischen impressionistischen Malers Claude Monet aus dem Jahr 1919 (aus dessen etwa 250 Werke umfassender Serie „Les Nymphéas“) zieht sich wie ein roter Faden durch SOUNDS OF PARIS – in Form des Gemäldes, aber auch als Schauplatz. Es entstand in Giverny zur Zeit von Monets schon fast vollständiger Erblindung, großformatig in Öl auf Leinwand. Am Ende des urbanen Films sitzt Elisabeth in der Kunstgalerie und es ist folgender O-Ton zu hören: „Er malte die Farben aus seiner Erinnerung. Das Verrückte daran ist, wie strahlend sie sind.“ Elisabeth hat ihr Gehör fast verloren, durchaus ist das eine Parallele.

Trailer

ab12

Originaltitel

A Second Life (Frankreich 2025)

Länge

78 Minuten

Genre

Drama

Regie

Laurent Slama

Drehbuch

Thomas Keumurian, Laurent Slama

Kamera / Bildgestaltung

Laurent Slama

Darsteller

Agathe Rousselle, Alex Lawther, Suzy Bemba

Verleih

Port au Prince Pictures GmbH

Filmwebsite

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