Siri Hustvedt – Dance Around the Self

02.04.2026

Sabine Lidl hat in ihrer dokumentarischen Arbeit bereits viele Persönlichkeiten (Nan Goldin, Emma Thompson, Doris Dörrie) porträtiert – und nun liefert sie nach „Paul Auster – Was wäre wenn“ mit SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF die Komplementärdoku über dessen Lebenspartnerin, die US-amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt, die auch als Wissenschaftlerin und Feministin zu den klügsten Köpfen der Welt zählt!

Vier Jahre lang durfte die deutsche Dokumentarfilmerin Sabine Lidl das Leben von Siri Hustvedt mit der Kamera begleiten. Das Vertrauen der Autorin hatte sie bereits gewonnen, als sie deren Ehemann, den vielfach preisgekrönten New Yorker Autoren Paul Auster (“Im Land der letzten Dinge” und die New-York-Trilogie, bestehend aus „Stadt aus Glas“, „Schlagschatten“ und „Hinter verschlossenen Türen“) für das Porträt „Paul Auster – Was wäre wenn“ im Jahre 2018 traf. SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF ist nun die erste abendfüllende Dokumentation der Regisseurin und Autorin aus Berlin, die auch eine Kinoauswertung hat.

Der Zeitpunkt des Starts von SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF in den deutschen Kinos könnte nicht besser gewählt sein, denn die Autorin hat gerade erst auf einer Lesereise hierzulande ihr aktuelles Werk „Ghost Stories: Ein Buch der Erinnerung“ erfolgreich vorgestellt, in dem es um die gemeinsame Liebes- und Lebensgemeinschaft des Autorenpaares Siri Hustvedt und Paul Auster geht. Als er im Sterben lag, sagte Auster seiner Frau, er wolle ein Geist werden. Und für Hustvedt ist dieser eine allzeit spürbare Präsenz geworden, schmerzlich und tröstlich zugleich. Sie trägt seine Jacke, sie meint seine Zigarillos im Haus zu riechen, sie liest seine Bücher von Neuem. Und zum ersten Mal seit langer Zeit liest sie ihre eigenen Liebesbriefe, vom Beginn einer gemeinsamen Geschichte, die 43 Jahre währen sollte. Mit ihrem beispiellosen Trauer-, Gedächtnis- und Liebesbuch nähert sie sich dem unmöglichen Wunsch, Paul zu neuem Leben zu erwecken. Und Paul selbst kommt zu Wort, mit Briefen, die er für den Monate vor seinem Tod geborenen Enkel Miles hinterlassen hat.

Es geht in SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF natürlich nicht nur um die Geschichte von Siri Hustvedt und Paul Auster, doch Hustvedt ist untrennbar mit ihrem „Lebensmenschen“ verbunden, auch wenn sie ihre ganz eigenen Erfolge errungen hat. Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, geboren. Sie studierte Literatur an der Columbia University und promovierte mit einer Arbeit über Charles Dickens. Bislang hat sie sieben Romane publiziert. Mit „Was ich liebte“ gelang ihr 2003 der internationale Durchbruch. Zuletzt erschienen „Die gleißende Welt“ und „Damals“. Zugleich ist sie eine profilierte Essayistin. Und eine Feministin, die dies auch kongenial in ihr Werk einfließen lässt. Es verwundert in diesem Zusammenhang schon, dass viele männliche Journalisten sie lange Zeit nur als Anhängsel von Paul Auster gesehen haben.

Das Leben und Schreiben des Autorenpaares ist natürlich eng miteinander verwoben. Und der Tod von Paul Auster während der Dreharbeiten zu SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF verleiht der Doku etwas erschreckend Echtes. Die Trauerfeier, auf der auch die gemeinsame Tochter Sophie Auster als Singer-Songwriterin einen emotionalen Auftritt hat, führt die Fäden am Ende zusammen. Und Siri Hustvedt liest bereits Passagen aus „Ghost Stories: Ein Buch der Erinnerung“ vor. Sabine Lidl nutzt dies als Stilmittel, das den ganzen Film durchzieht. „Die unsichtbare Frau“ (1993), „Die zitternde Frau“ (2010), „Die gleißende Welt“ (2014) und „Damals“ (2019) werden in Auszügen von Hustvedt vorgetragen.

Der Tod von Paul Auster war ein Schock während der Dreharbeiten, das Projekt hätte hier auch beendet sein können. Eine glückliche Fügung sorgte allerdings dafür, dass die Arbeit fortgesetzt werden konnte, denn es „stellte sich heraus, dass Wim Wenders für seinen Film über den Architekten Peter Zumthor, der die beiden Gebäude entworfen hat, am selben Motiv und ebenfalls mit Siri Hustvedt drehen wollte. Glücklicherweise konnten wir uns einigen, dass wir uns diesen Ort und Siri sozusagen teilen, und es war sicher gut, dass unsere erste Begegnung nach Pauls Tod nicht zuhause, sondern auf Reisen stattfand, an diesem verrückten Ort, der sich wie das Ende der Welt anfühlt und voller Magie ist.“, so Sabine Lidl.

Die Regisseurin Sabine Lidl kombiniert in SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF Szenen aus der Gegenwart mit nachgespielten Super-8-Szenen und Ausschnitten aus privaten Filmen, zusätzlich gibt es historische Aufnahmen von offiziellen Anlässen, etwa der Verleihung einer Ehrendoktorwürde in Spanien. 1978 kam Siri Hustvedt mit minimalem Gepäck aus ihrer Herkunftsprovinz Minnesota nach Manhattan, um einen Helden für ihren ersten Roman zu finden. Die Buchhandlungen versetzten sie in Euphorie, sie kaufte und las sehr viele aktuelle Bücher. Den Anfang der Arbeit an einem Roman beschreibt Hustvedt mit Jonglieren – sie werfe Bälle in die Luft und versuche, sie dort zu halten. Dabei verfasst sie ihre Texte in der Ich-Form – die dritte Person sei eine List, um Autorität und Objektivität vorzutäuschen, und das lehne sie ab.

Immer wieder werden in dem Dokumentarfilm Hustvedts frühe Zeichnungen gezeigt, vor allem „zarte, energiegeladene Frauenfiguren“. Sabine Lidl erweckt diese Zeichnungen in SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF zum Leben, indem sie diese animiert. Dies führt nicht nur wie ein roter Faden durch die eindrückliche Doku, sondern freut auch die Autorin:

Ich kann gar nicht genug betonen, wie glücklich mich das macht, schon, weil diese Zeichnungen, die in ‚Der Sommer ohne Männer‘ abgedruckt waren, von den Kritikern völlig ignoriert wurden. Für mich waren sie immer sehr wichtig, für die Struktur des Buches. Das sind nicht einfach nur Illustrationen, es ist eher eine Art emotionale Bewegung, und sie sind humorvoll. Auch die Zeichnungen in ‚Damals‘, insgesamt 12 Stück, wurden völlig ignoriert. Ich habe sie für die Bücher gezeichnet, ich betrachte sie als Teil des Textes. Doch niemand hat sie wahrgenommen, niemand ist auf sie eingegangen, obwohl auf dem Cover steht, dass sie von der Autorin sind. Es gibt viele Schriftsteller:innen, die zeichnen, das ist nicht ungewöhnlich und es geht mir gar nicht darum, mich als Künstlerin zu präsentieren, aber für mich war diese visuelle Information Teil des Textes, wurde als solcher aber nicht wahrgenommen.

Ausführlich beschäftigt sich SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF mit der Entstehung des Buches „Die unsichtbare Frau“ (1993). Dies stünde zum einen mit ihrer Beschäftigung mit Freuds Arbeit über das Unheimliche in Verbindung, zum anderen mit einem realen Vorfall, der sie sehr erschreckt habe: einer Vergewaltigung im Aufzug ihres Wohngebäudes. Kurz danach habe sie begonnen, nachts in Anzug und mit Hut durch die Stadt zu wandern. Zwar sei die Romanhandlung erfunden, die Orte aber seien real. Spätestens hier merken wir, dass Hustvedt eine extrem intelligente Autorin ist, eine messerscharfe Analystin. Und sie setzt sich auch immer wieder für Frauenrechte ein und gibt Künstlerinnen eine Stimme, die zu Lebzeiten nicht den Ruhm erfuhren, den sie eigentlich verdient hätten.

Im Roman „Damals“ (2019) beschäftigt sich die Autorin mit Dunja Barnes, Man Ray und Elsa von Freytag-Loringhoven. Hustvedt äußert im Film die Ansicht, Marcel Duchamp habe sich die Kunst von Frauen angeeignet, sie gleichsam aus der Geschichte „herausgeschrieben“. Das Buch „Die zitternde Frau“ (2010) habe, so Hustvedt, nicht nur mit ihrer eigenen Zitterattacke zu tun. Es habe auch einen Bezug zu ihrem 1922 geborenen Vater, der Flashbacks aus seiner Zeit im Zweiten Weltkrieg erleben musste; diese äußerten sich in Zittern. Filmemacherin Sabine Lidl zeigt uns zudem die zitternde Angela Merkel.

Sabine Lidl erforscht primär weibliche Themen in SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF anhand der Lebens- und Autorinnen-Geschichte von Hustvedt. Die französische Künstlerin Louise Bourgeois, die sich intensiv mit ihrer Rolle als Frau auseinandersetzte, inspirierte Hustvedt enorm. Elemente von Bourgeois flossen in die Protagonistin ihres Romans „Die gleißende Welt“ (2014) ein. Dieses Buch erzähle aus verschiedenen Perspektiven den Versuch der Künstlerin Harriet Burden, die männliche Dominanz in der Kunstwelt sichtbar zu machen: Burden beauftragt über einen Zeitraum von fünf Jahren drei Männer, ihr Werk als ihre eigenen Arbeiten auszugeben, um die Frauenfeindlichkeit der Szene zu entlarven.

Hustvedt spricht auch über ihren Mann Paul Auster, den sie 1981 kennenlernte und mit dem sie ein großes Bewusstsein für Sprache und Identität verbunden habe. Auster ist im Film immer wieder präsent und äußert sich u.a. über die Familie seiner Frau. So ist er der Meinung, die vier Schwestern würden sich so gut verstehen, weil es bei ihnen nie zu Rollenkonflikten gekommen sei: Siri sei die Frau, Liv der Mann, Asti die Tochter und Ingy der Sohn. Als Auster an Krebs erkrankte, machte das Ehepaar dies öffentlich, was eher ungewöhnlich ist. Neben Hustvedt und Auster lässt Lidl in den Interviews der Doku SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF auch ihre drei Schwestern, ihre Tochter Sophie Auster und deren Ehemann sowie Freundinnen und Freunde zu Wort kommen.

Sabine Lidl interessiert sich in ihrer komplexen Arbeit besonders für den Aspekt der körperlichen Symptome, über die Siri recherchiert und schreibt:

In diesem Wesen, das in einem ländlichen Umfeld aufwuchs, dass eher rau und hart ist, in dem die Kinder in der Schule wenig mit ihr anzufangen wussten, sah ich auch eine Spieglung zu meiner eigenen Geschichte. Das Anderssein, nicht reinpassen. Es berührte mich, wenn Siri im Film erzählt, dass sie als Kind häufig Kopfschmerzen hatte und dachte, das sei bei jedem so. Das ist etwas, was viele auf die eine oder andere Art kennen: Wir überspielen Dinge, die uns unangenehm scheinen, anstatt sie offen zu zeigen. Eine Scham über die eigene Schwäche. Siris Texte haben mir vermittelt, dass diese vermeintliche Schwäche auch etwas Gutes hat, dass man sie annehmen sollte.

Siri Hustvedt ist eine der wichtigsten Stimmen der amerikanischen Literatur – und sie ist eine starke Frau, eine Kämpferin und Überlebende. Sabine Lidl setzt der schönen, großen Frau mit SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF ein Denkmal. Vor allem Männer können hier etwas fürs Leben lernen. Das ist Feminismus, der begeistert. Eine Jahrhundert-Doku, die nur durch ganz viel Vertrauensvorschuss entstehen konnte. Der Film feierte im Februar 2026 auf der Berlinale seine Weltpremiere in der Sektion Panorama Dokumente.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

Siri Hustvedt – Dance Around the Self (Sabine Lidl)

Länge

115 Minuten

Genre

Dokumentation

Regie

Sabine Lidl

Drehbuch

Sabine Lidl

Kamera / Bildgestaltung

Filip Zumbrunn, Meret Madörin

Verleih

X Verleih AG

Filmwebsite

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