Sirât

14.08.2025

Ein Film wie eine Naturgewalt: SIRÂT wartet mit Jump-Scares auf, die schockierender sind als in den meisten Horrorfilmen! Nur: Das Grauen ist hier real. Im Krisengebiet mitten in der Wüste Marokkos sucht ein Familienvater zusammen mit seinem minderjährigen Sohn auf einem Rave nicht nur nach sich selbst, sondern auch nach seiner erwachsenen Tochter.

Es türmen sich Lautsprecherboxen auf, die Wüste lebt. Zwischen den
hedonistischen Party-People, die die Wucht der elektronischen Musik genießen, taucht ein Duo auf, das wie ein Fremdkörper wirkt: Der verzweifelte Familienvater Luis (Sergi López) sucht zusammen mit seinem 12-jährigen Sohn Esteban (Bruno Núñez) seine erwachsene Tochter Mar, die er bereits seit fünf Monaten nicht mehr gesehen hat. Ähnlich wie beim Burning Man (ein legendäres Musikfestival in der Black Rock Desert im US-Bundesstaat Nevada) feiern die Raver ausgelassen inmitten der Berge Marokkos. Der Unterschied: Viele sind nicht unversehrt, ihnen fehlt eine Hand oder ein Bein. Sie tanzen in einem Krisengebiet!

Eines ist jetzt schon klar: Der vielfach ausgezeichnete, aber bei uns noch unbekannte Regisseur Óliver Laxe („Mimosas“, „Fire Will Come“) liefert mit SIRÂT einen ziemlich radikalen Film, der es nicht wie aktuell „Rave On“ dabei belässt, eine Nacht in einem Technoclub authentisch erfahrbar zu machen (auch die Herkunft und die Wirkung dieser Musik), sondern er nimmt seine Figuren mit auf eine erschütternde Reise zwischen Leben und Tod. Es geht wieder mal um Resilienz und somit Krisenbewältigung. Wenn der Rausch der Musik (und der anderen Drogen) nachlässt, dann kickt die Realität umso härter rein!

SIRÂT ist ein intensiver Trip, der Schmerzen bereitet – und für Luis auch eine spirituelle Reise zu sich selbst. Laxe, ein französischer Filmemacher spanischer Herkunft, erzählt in Metaebenen, verlangt dem Publikum Transferleistungen ab. Er spiegelt das Leben mit all seinen Krisen und Problemen, die uns täglich in den Nachrichten nahegebracht werden. Dass er dies nicht auserzählt, sondern eher unterschwellig News im Autoradio einfügt, liefert Raum für Gespräche nach dem Film. Selbst die politische Situation in Marokko bleibt unklar: Das Militär bricht den Rave ab. Ein Krieg ist ausgebrochen, Ausländer sollen das Land sofort verlassen.

Mit seiner vierten Regiearbeit SIRÂT liefert Laxe auch ein Roadmovie ab, das mit Mad-Max-Referenzen aufwartet (eine Bedeutung des Filmtitels ist „Pfad“ oder „Weg“). Zusammen mit seinem Sohn schließt sich Luis einer disparaten Reisegruppe an, die sich auf den Weg zu einem weiteren, finalen Rave an der Grenze zu Mauretanien macht. Die Fahrzeuge gleichen Panzern (oder Amphibienfahrzeugen), nur Luis fährt eine Familienkutsche – und hat zusehends Probleme, im unwegsamen Gelände des Atlasgebirges den Anschluss nicht zu verpassen. Außerdem fehlen Ressourcen wie Sprit und Nahrung, was das Zusammenleben der bunt zusammen gewürfelten Truppe nicht vereinfacht.

Das Drehbuch schrieb Laxe gemeinsam mit seinem langjährigen Wegbegleiter Santiago Fillol. Der Titel kommt übrigens aus dem Arabischen und bedeutet so viel wie „Brücke, dünn wie ein Haar und scharf wie ein Messer“. Auch der Übergang zwischen Hölle und Paradies wird SIRÂT genannt. In der Hauptrolle überzeugt Sergi López („Harry meint es gut mit dir“, „Die Affäre“) als Familienvater, der eine Wandlung durchmacht. Auch Bruno Núñez, der den Sohn spielt, hat Schauspielerfahrung. Doch der Rest der Zweckgemeinschaft setzt sich aus internationalen Laiendarstellern zusammen, vor allem aus dem französisch- und spanischsprachigen Raum. Die begeistern als Typen und sprechen jeweils ihre Landessprache, teilweise auch englisch. Raves sind internationale Events, das passt also!

Gedreht wurde SIRÂT in Teruel, Saragossa sowie Marokko. Kameramann Mauro Herce, auch ein langjähriger Komplize von Laxe (für seine Arbeit an „Fire Will Come“ gewann er 2019 einen Goya) drehte diesmal analog auf 16-mm-Film, um einen „latenten und imaginären“ Look zu kreieren. Der Film wurde zudem fast vollständig im Freien bei senkrecht stehender Sonne gedreht. Das sieht nicht nur atemberaubend-hypnotisch aus, sondern entfaltet zusammen mit dem treibenden Soundtrack von Kangding Ray (eine Klangreise von rohem Techno bis hin zu transzendalen Ambientklängen, die eigens für den Film produziert wurde) eine Sogwirkung, die sich zur Grenzerfahrung steigert.

In Óliver Laxes zutiefst humanistischen Film liegen Ekstase und Ernüchterung oftmals nahe beieinander, genau wie bei einem realen Rave. Wüstenstürme ziehen auf und eine Reise ins Herz der Finsternis nimmt ihren Lauf. Die vielschichtige, spanisch-französische Koproduktion SIRÂT wurde im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Das dystopische Werk spaltete dort die internationale Filmkritik.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab16

Originaltitel

Sirât (Spanien / Frankreich 2025)

Länge

115 Minuten

Genre

Drama

Regie

Oliver Laxe

Drehbuch

Santiago Fillol, Oliver Laxe

Kamera / Bildgestaltung

Mauro Herce

Darsteller

Sergi López, Brúno Núñez, Stefania Gadda, Joshua Liam Henderson, Tonin Janvier, Jade Oukid, Richard Bellamy

Verleih

Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG

Filmwebsite

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