Silent Friend

15.01.2026

Drei Geschichten, die sich über mehr als 100 Jahre erstrecken und mitten drin ein Gingko-Baum – all das verbindet Ildikó Enyedi in SILENT FRIEND zu einem traumhaft schönen Suche nach Verbundenheit…

2020 beginnt ein Neuro-Wissenschaftler aus Hongkong (Tony Leung Chiu-Wai) eine Gastprofessur in der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg. Kurz nach seiner Ankunft bricht die Corona-Pandemie aus, und er befindet sich plötzlich allein mit dem Hausmeister (Sylvester Groth) auf dem weiten Gelände. Da er seiner Forschung der Gehirnaktivitäten von Säuglingen nicht mehr nachgehen kann, fällt ihm der riesige Gingko-Baum im Garten der Universität auf. Nachdem er online einen Vortrag der WIssenschaftlerin Alice Sauvage (Léa Seydoux) entdeckt, die die Kommunikation von Planzen erforscht, beginnt er, den Gingko-Baum zu studieren.

1908 wird die junge Grete (Luna Wedler) als erste Studentin an der Universität von Marburg angenommen. Mit ihrer Leidenschaft für die Fotografie entdeckt sie durch ihr Objektiv die verborgenen Muster des Universums.

1972 erklärt sich der Student Hannes (Enzo Brumm) dazu bereit, auf die Planze seiner Mitstudentin Gundula (Marlene Burow) aufzupassen, während diese zu einer Expedition aufbricht. Was anfangs nach ein wenig Blumengießen aussieht, entwickelt sich zu einer sinnesstiftenden Erfahrung.

Klingt komisch? Ist es aber nicht. SILENT FRIEND ist keinesfalls der Film, der uns auf esoterischen Ebenen erklären will, dass Pflanzen ein Bewusstsein haben. Vielmehr verbindet die Autorin und Regisseurin Ildikó Enyedi das Thema der Erforschung der Planzenkommunikation, um uns etwas gänzlich anderes zu erzählen: Die Suche des Menschen nach Verbundenheit.

Enyedi verbindet die drei Episoden durch den mächtigen Gingko-Baum, der im Garten der Universität von Marburg steht. Während sich im Lehrbetrieb jede Menge verändert hat, steht der mächtige Baum immer noch am selben Ort. Wenn er doch bloß erzählen könnte, was um ihn herum in den Jahrzehnten und Jahrhunderten geschehen ist. Die einzelnen Episoden versieht Enyedi mit einem eigenen Stil. Luna Wedlers Episode ist in bestechendem Schwar-Weiß gedreht, Enzo Brumms Geschichte in warmen, 16mm-körnigen Farben, während die in der Jetztzeit spielende Story in einem klarem digitalen Bild zu sehen ist.

Das Besondere an SILENT FRIEND ist, dass der Film nicht versucht, uns Antworten zu geben. Vielmehr zeigt er auf, dass es im Leben vielleicht Dinge geben könnte, die uns (noch) nicht bewusst sind. Damit ist nicht zwingend die Frage gemeint, ob Pflanzen wirklich miteinander kommunizieren, sondern ob es vielleicht unsichtbare Kräfte in den Beziehungen zwischen Menschen gibt.

Als naturwissenschaftlich geprägter Mensch ist mir alles was ins Esoterische abdriftet, per se suspekt. Daher hatte ich vorab durchaus Zweifel, ob SILENT FRIEND etwas für mich ist. Letztendlich hat mich der Film aber durch seine ruhige Erzählweise total fasziniert. Natürlich muss man sich auf knapp zweieinhalb Stunden einlassen, in der sich die Handlung nur langsam bewegt, aber Enyedi gelingt es, das Interesse des Zuschauers immer wieder aufs Neue zu füttern – und sei es nur durch wunderschöne Naturaufnahmen. Überhaupt steht die Natur beinahe zu jeder Zeit im Mittelpunkt der eindrucksvollen Kamera von Gergely Pálos. Alles Pflanzliche steht immer wieder glasklar im Fokus, während die Menschen sich leicht verschwommen im Vorder- oder Hintergrund bewegen.

Man könnte jetzt in aller Ausführlichkeit all das analysieren, was Ildikó Enyedi mit ihren Bildern aussagen möchte, aber manchmal genügt es auch einfach, sich treiben zu lassen. So ist es mir zumindest ergangen, während die 147 Minuten wie im Fluge vergingen…

Trailer

ab6

Originaltitel

Silent Friend (Ungarn / Frankreich / Deutschland 2025)

Länge

147 Minuten

Genre

Drama

Regie

Ildikó Enyedi

Drehbuch

Ildikó Enyedi

Kamera / Bildgestaltung

Gergely Pálos, HCA

Darsteller

Tony Leung Chiu-Wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Johannes Hegemann, Rainer Bock, Léa Seydoux

Verleih

Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG

Filmwebsite

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