Das vielschichtige Familiendrama SENTIMENTAL VALUE des norwegischen Filmemachers Joachim Trier erzählt kongenial auf mehreren Zeitebenen von zwei Schwestern, die nach dem Tod ihrer Mutter gezwungen sind, sich mit ihrem entfremdeten Vater auseinanderzusetzen, einem ehemals erfolgreichen Filmregisseur.
In Cannes wurde im Mai diesen Jahres der „Joachim Trier Summer“ von Darstellerin Elle Fanning deklariert (beim Photo Call trug sie ein weißes T-Shirt mit dieser Aufschrift in Schwarz), in Anlehnung natürlich an den grellgrünen vorigen „Brat Summer“ von Charli XCX, der in einer einzigartigen und extrem treffsicheren Kampagne auf ihr Album „brat“ aufmerksam machte. Das war auch nach Erscheinen künstlerisch eine Offenbarung, die sog. Hyperpop zur Formvollendung brachte. Die Aktion von Fanning war natürlich nicht so ausgeklügelt, aber SENTIMENTAL VALUE sahnte immerhin den Großen Preis der Jury des Filmfestivals von Cannes ab, der zweitwichtigste Preis des Festivals an der Côte d’Azur.
Nora (Renate Reinsve) ist eine großartige Schauspielerin, leidet aber unter einer extremen Form von Lampenfieber, was uns tragikomisch mit dem Theaterstück „Die Möwe“ (nach Tschechow) in die Geschichte von SENTIMENTAL VALUE einführt. Ihre Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) hat zwar als Kind in einem Film ihres Vaters Gustav (Stellan Skarsgård) mitgespielt, führt aber nun ein pragmatisches Leben mit Mann und Kind. Außerdem hat sie sich aufopferungsvoll um die gerade verstorbene Mutter Sissel gekümmert. Die Geschwister verbindet eine komplexe Beziehung zu ihrem Vater, dem seine Arbeit stets wichtiger als die Familie war. Und plötzlich steht Gustav wieder vor der Tür, charmant grinsend und mit dem emotionalen Gepäck seines Lebens beladen. Alte Familiendynamiken kommen also wieder in Schwung.
Nach und nach wird deutlich, dass sich Vater und Töchter ähnlicher sind, als sie glaubten. Ist ein Neuanfang doch noch möglich? Gustav bietet Nora die Hauptrolle in seinem Comeback-Film an, er hat das autobiografische Drehbuch scheinbar nur für sie geschrieben. Doch Nora lehnt dankend ab. Das Haus, in dem die Filmgeschichte angesiedelt ist, spielt eine weitere Hauptrolle (und ist auch die einzige zeitüberdauernde Konstante). Gustav hat dort eine dunkle Vergangenheit mit seiner Mutter, die er in seinem Skript verarbeitet hat. Diese hatte sich hier aufgrund des Traumas der Folter durch die Nazis während des Krieges das Leben genommen. Und die Schwestern wuchsen dort auf. Es hat sich also einiges von sentimentalem Wert angestaut, was sich auch zeigt, als die Schwestern das Haus ausräumen.
Gustav wurde währenddessen auf das Filmfestival von Deauville eingeladen, wo eine Retrospektive seiner frühen Werke gezeigt wird. Die junge Hollywood-Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) sitzt im Publikum und ist begeistert. Nach einer rauschenden Partynacht am Strand bietet Gustav ihr die Hauptrolle in seinem neuen Film an. Rachel ist von der Traumfabrik desillusioniert und sagt sofort zu. Auf einmal steht also eine Star-Schauspielerin im Elternhaus von Nora und Agnes, denn Gustav will dort seinen Film inszenieren. Als die Dreharbeiten in dem alten Holzhaus am Rande von Oslo beginnen, ergreift Gustav die Chance, seine Beziehung zu Nora und ihrer Schwester zu kitten.
Gustav befindet sich nicht nur im Herbst seines Lebens, sondern auch am Ende seiner Karriere. Er muss also extrem kämpfen, um die Finanzierung seines Projektes auf die Beine zu stellen. Netflix steigt zwar ein, aber ob der Film dann überhaupt im Kino gezeigt wird, ist noch fraglich. Und wird sein ehemaliger Star-Kameramann für ihn aus dem verdienten Ruhestand zurückkehren? Das ist alles nicht so einfach. Zudem beginnt Rachel Kemp an ihrer Schauspielkunst zu zweifeln. So ist SENTIMENTAL VALUE auch ein Blick auf das Filmbusiness dieser Tage und Elle Fanning (2025 bereits in „Like A Complete Unknown“ und „Predator: Badlands“ zu sehen) gibt erstaunlich gut die überforderte Darstellerin. Wir wissen ja, dass sie es eigentlich besser kann.
Nach dem allerorts gefeierten „Der schlimmste Mensch der Welt“ (die norwegische Hauptdarstellerin Renate Reinsve bekam in Cannes 2021 den Preis als Beste Darstellerin) gelingt Joachim Trier nun mit SENTIMENTAL VALUE ein vielschichtiger Nachfolger über Beziehungen und Gefühle, die nur schwer in Worte gefasst werden können. Schauspielerisch ist das absolute Weltklasse: Renate Reinsve („Armand“) hat‘s einfach drauf, aber vor allem Inga Ibsdotter Lilleaas ist in der Rolle der jüngeren Schwester Agnes ein wahrer Glücksgriff. Und auch Stellan Skarsgård darf nochmal sein ganzes Können zeigen.
Der norwegische Filmregisseur und Drehbuchautor Joachim Trier kehrt nach seiner Oslo-Trilogie „Auf Anfang“ (2006), „Oslo, 31. August“ (2011) und „Der schlimmste Mensch der Welt“ (2021) in die Stadt zurück, in der er aufgewachsen ist (geboren wurde er aber in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen und ist tatsächlich mit Lars von Trier verwandt). Trier hat sich erneut mit seinem Co-Autor Eskil Vogt zusammengetan, herausgekommen ist ihre bisher tiefgründigste und komplexeste Geschichte. In Zusammenarbeit mit Kameramann Kasper Tuxen hebt Trier erneut das unverwechselbare Erscheinungsbild der Stadt Oslo und ihr ganz besonderes Licht hervor. „Unser Hauptdrehort, das Haus, ist ein wunderschöner Ort, der viele Möglichkeiten bietet, aber auch einige Herausforderungen mit sich bringt.“
„Diese Geschichte vermittelt ein Gefühl von vererbter Trauer, und wir haben das Haus als Rahmen genutzt, um Zeit, Vergebung und emotionale Vererbung zu untersuchen“, sagt Trier, der in dritter Generation als Filmemacher tätig ist. „Ich interessiere mich für Emotionen und Erfahrungen, die in einer Familie weitergegeben werden, und dafür, wie wir uns oft fragen, warum wir einem Elternteil so ähnlich sind und dem anderen nicht.“
Die Musik bleibt ein wesentliches Element in Triers Filmen. Für den Soundtrack zu SENTIMENTAL VALUE konzentrierte er sich darauf, die Zärtlichkeit familiärer Bindungen zu unterstreichen. „Der Film beginnt mit Terry Calliers ‚Dancing Girl‘, einem Mix aus Folk und Soul, den ich emotional inspirierend für diesen Film finde, und endet mit Labi Siffres ‚Cannock Chase‘, das mich irgendwie an denselben Musikstil erinnert. Ich bin stolz auf den Soundtrack zu diesem Film und allen Künstlern, die dazu beigetragen haben, zutiefst dankbar.“
SENTIMENTAL VALUE überzeugt trotz aller sentimentalen Schwere auch mit großer Leichtigkeit und viel Humor. Dieses Familiendrama, das geschickt mehrere Zeitebenen verbindet, spukt noch lange im Kopf herum und wurde von Norwegen als Beitrag für die Oscarverleihung 2026 als bester Internationaler Film eingereicht und ist zudem fünfmal für den Europäischen Filmpreis nominiert. Einer der Filme des Jahres!
Kollege Jan-Barra Hentschel bezeichnet SENTIMENTAL VALUE übrigens als „Persona“, Teil 2. Fans des in Schwarzweiß gedrehten schwedischen Psychodramas von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1966 dürfen das gerne genauso sehen. In „Persona“ verbindet sich die Erzählweise des Spielfilms mit Elementen des Experimentalfilms, Trier hat aber definitiv seine eigenen Ausdrucksmittel. Vielleicht bringt Thomas Schultze mit seinen Worten Licht ins Dunkel: „Sie machten es mit den Mitteln des zärtlichsten Bergman-Films, den Bergman nie gemacht habe, und ließen die Figuren mit ihren Handlungen und Blicken sagen, wozu sie verbal niemals fähig wären.“
Affeksjonsverdi (Deutschland / Dänemaerk / Norwegen 2025)
133 Minuten
Drama
Joachim Trier
Eskil Vogt
Kasper Tuxen
Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Elle Fanning, Inga Ibsdotter Lilleaas, Anders Danielsen Lie, Jesper Christensen, Lena Endre, Cory Michael Smith, Catherine Cohen, Andreas Stoltenberg Granerud, Øyvind Hesjedal Loven, Lars Väringer
Plaion Pictures GmbH