Schachnovelle

Kinostart: 23.09.2021

ab12 OT: Schachnovelle (Deutschland 2020)
Länge: 116 Minuten
Genre: Drama
Regie: Philipp Stölzl
Drehbuch: Philipp Stölzl, Eldar Grigorian
Darsteller: Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr, Rolf Lassgård, Andreas Lust, Samuel Finzi, Lukas Miko, Joel Basmann, Johannes Zeiler, Maresi Riegner, Luisa-Céline Gaffron, Moritz von Treuenfels
Verleih: Studiocanal GmbH

Viele von uns kennen die Erzählung noch als Schullektüre: „Schachnovelle“ gilt als das beste Werk von Stefan Zweig, der sich kurz nach der Vollendung des Textes 1942 in Brasilien gemeinsam mit seiner zweiten Frau das Leben nahm. Maria Schrader hatte darüber mit „Nach der Morgenröte“ einen sehr bewegenden Film gedreht. Der Münchner Regisseur Philipp Stölzl, dessen Desaster mit „Ich war noch niemals in New York“ wir noch gut in Erinnerung haben, hat sich jetzt an das berühmte Buch herangetraut. Seine SCHACHNOVELLE ist eine erstaunlich gut gelungene Literaturverfilmung. Dieses Genre scheint zur Zeit in Deutschland einen regelrechten Boom zu erleben – siehe „Fabian“ und „Felix Krull“. 

Wien, 1938, kurz nach der Besetzung durch die Nazis. Bevor der Notar und Anwalt Dr. Josef Bartok (Oliver Masucci) mit seiner Frau Anna (Birgit Minichmayr) in die USA fliehen kann, wird er verhaftet und im Hotel „Metropol“, dem Gestapo-Hauptquartier, in Isolationshaft gesteckt. Der dortige Leiter Franz-Josef Böhm (Albrecht Schuch) will Bartok, seines Zeichens Vermögensverwalter des reichen österreichischen Adels, zwingen, ihm den Zugang zu den Konten von dessen Klienten zu ermöglichen. Monatelang bleibt Bartok trotz Folter und Isolation standhaft. Ablenkung findet er durch ein zufällig gefundenes Schachbuch mit einer Sammlung berühmter Partien. Er lernt alle Partien auswendig – eine unglaubliche Gedächtnisleistung. Dadurch gelingt es ihm, seinen Kopf frei zu halten und den permanenten Schmerz zu verdrängen. Dieses atemberaubende Psychoduell hat Stölzl mit zwei großartigen Schauspielern packend inszeniert.

Parallel dazu sehen wir Bartok auf einem Ozeandampfer auf dem Weg von New York nach Buenos Aires. Zu Beginn ist sogar seine Frau Anna dabei, die dann plötzlich verschwunden ist. Stefan Zweig, Philipp Stölzl und sein Drehbuchautor Eldar Grigorian lassen bis zum Schluss offen, welche Erzählebene real ist und welche nur in der Fantasie existiert. Auf dem Schiff lernt Bartok den ungarischen Schachweltmeister Mirko Czentovic (auch: Albrecht Schuch) kennen, einen eher unterbelichteten Bauernjungen, der aber brillant Schach spielt. Ein Passagier kann beide überreden, gegeneinander anzutreten. Ein Drama beginnt.

Stölzl versteht sein Handwerk. Dunkle Farben und Räume, die immer enger werden, geben dem Ganzen eine klaustrophobische Aura. Bezeichnenderweise endet der Film in einem Irrenhaus. Oliver Masucci ist in jeder Szene zu sehen – seine Leistung ist einfach grandios. Albrecht Schuch ist im Moment gefühlt in jedem deutschen Film zu sehen: Das ist sein Jahr. Und Birgit Minichmayr macht viel aus ihrer undankbar kleinen Rolle. Großes Schauspielerkino, mehr als solide inszeniert!

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Filmplakat

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