Die vielfach ausgezeichnete katalanische Filmemacherin Carla Simón (u.a. der Goldene Bär der Berlinale als Bester Film für „Alcarràs“) hat mit dem autobiografisch geprägten Familien- und Epochendrama ROMERÍA – DAS TAGEBUCH MEINER MUTTER ihren dritten Spielfilm realisiert. Die junge Hauptdarstellerin Llúcia Garcia, die auf der Straße entdeckt wurde, trägt die Geschichte, die sie in die totgeschwiegene Vergangenheit ihrer Eltern zurückversetzt, mühelos.
Die 18-jährige Marina (Llúcia Garcia) ist nach dem frühen Tod ihrer Eltern bei der Familie ihrer Mutter in Katalonien aufgewachsen. Nun benötigt sie aber Dokumente für einen Stipendienantrag von der Familie ihres Vaters, die sie bisher nicht wirklich kennengelernt hat. Also reist Marina im Sommer 2004 nach Vigo an die spanische Atlantikküste, bewaffnet mit einem Camcorder, der wackelig ihre persönliche Perspektive dokumentiert. Das sieht zwar nicht schön aus, dient aber der Authentizität und Selbstfindung. Marina begibt sich auf eine spirituelle Reise in die Vergangenheit, wobei auch das Tagebuch ihrer Mutter als Stütze dient. Ihre Eltern sind in den 1980er Jahren den Drogen verfallen, die Familie hat bis heute die genauen Umstände verschwiegen. Der Vater ist an Aids verstorben, gehörte aber einer freigeistigen Generation an, die viel bewegt hat.
Nach „Verano 1993 – Fridas Sommer“ (u.a. mit dem Debütpreis und dem „Grand Prix – Generation Kplus“ auf der Berlinale und drei Goyas ausgezeichnet) und „Alcarràs“ wollte die spanische Regisseurin Carla Simón „den ländlichen Raum verlassen und andere Räume erkunden, das Meer, eine städtischere und gesetztere Umgebung.“ Marina erkundet die Umgebung von Vigo, lernt aber auch unzählige neue Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen kennen – und setzt sich so ihr Bild der Vergangenheit zusammen. Romería ist dabei nicht nur als Wallfahrt zu einem Schrein zu verstehen, auch die zweite Bedeutung des Wortes – als Synonym für ein Volksfest – kommt in ROMERÍA – DAS TAGEBUCH MEINER MUTTER zum Tragen. Mit ihrem Onkel, der auch drogensüchtig ist, taucht Marina in die Welt der Festivitäten von Vigo ein.
Nichts ist mehr so, wie Marina zu wissen glaubte. Und Carla Simón beleuchtet in ROMERÍA – DAS TAGEBUCH MEINER MUTTER ein düsteres Kapitel der spanischen Geschichte. Sie sagt dazu:
Hier geht es um eine Generation, die in den letzten Jahren der Diktatur aufgewachsen ist und die nach Francos Tod mit allem Etablierten gebrochen hat: mit dem, was sie zu Hause, in der Schule, in der Kirche, in der Gesellschaft gelernt hatte. Das hatte einen sehr starken Einfluss auf unsere Generationen, die danach kamen. Der Freiheitsschub damals war enorm, er hatte sehr positive Folgen, aber einige bezahlten einen hohen Preis dafür. Mit der Freiheit nach der Diktatur kam eine Art Impuls, eine Notwendigkeit, alles auszuprobieren, zu experimentieren, um jeden Preis. Das wurde, zusammen mit dem fehlenden Wissen über bestimmte Drogen, schließlich zu einer Bombe. Für viele endete es schlecht. Die Geschichte von HIV ist in jedem Land sehr unterschiedlich, in den USA zum Beispiel war sie eng mit der homosexuellen Community und ihrer Stigmatisierung verbunden. In Spanien, wo auch viele Schwule daran gestorben sind, wird HIV aber vor allem mit der Heroinkrise in Verbindung gebracht. Immer noch gibt es Schuldgefühle, Tabus, und viele Familien waren nicht in der Lage oder wussten nicht, wie sie mit diesem Schmerz umgehen sollten. Deshalb gibt es so wenige Geschichten zu diesem Thema.
Das Familienoberhaupt will Marina das Geld zur Finanzierung ihres Studiums geben, damit die Vergangenheit ihres Vaters nicht zum Vorschein kommt. Der wurde damals nämlich bis zu seinem Tod von der Familie aus Scham weggeschlossen. Marina will das Geld aber nicht. Sie möchte weiterhin die Dokumente für ihren Stipendienantrag haben, damit die Wahrheit über ihren Vater ans Tageslicht befördert wird. Marina erlebt so in der aufwühlenden Reise von ROMERÍA – DAS TAGEBUCH MEINER MUTTER ihr Coming-of-Age auf die harte Tour, um ihr eigenes Leben gestalten zu können.
Carla Simón fühlt sich grundsätzlich dem Naturalismus in der formalen Gestaltung verpflichtet, doch im letzten Drittel bricht sie aus – und lässt Llúcia Garcia als Marinas Mutter in einer traumartigen Sequenz agieren:
Marina bekommt dadurch die Möglichkeit, ihre eigene Geschichte aus ihrer Imagination heraus zu gestalten. Das ist, glaube ich, eine sehr kraftvolle und gangbare Möglichkeit, um der Wahrheit dessen näher zu kommen, was man erlebt hat. Dabei haben mich Filme wie ‚Die Zeit mit Monika‘, die Wüstenszene in ‚Zabriskie Point‘ oder die Protagonisten von ‚More‘ inspiriert, junge Hippies, die auf Ibiza mit Drogen experimentieren; aber auch Gemälde der galicischen surrealistischen Malerin Maruja Mallo. Es ist eine traumartige Sequenz in Romería, aber kein wirklicher Traum, das wollte ich nicht.
ROMERÍA – DAS TAGEBUCH MEINER MUTTER „ist auch ein Film über das Befürfnis geworden, Filme zu machen, auch wenn das nicht die ursprüngliche Idee war. Dass die Hauptfigur eine Kamera dabei hat, war etwas, das beim Schreiben des Drehbuchs auftauchte. Mir wurde bewusst, dass sie dadurch eine viel aktivere Figur wurde. Für mich war das etwas ganz Natürliches, weil das alles aus einer sehr persönlichen Erfahrung heraus entstanden ist. Am Ende ist diese Kamera sehr wichtig geworden, und ich glaube, dass man den Film neben anderem auch als eine Geschichte darüber sehen kann, wie sich der Blick als Filmemacherin entwickelt.“, so Carla Simón.
Die katalanische Regisseurin und Drehbuchautorin Carla Simón liefert mit ROMERÍA – DAS TAGEBUCH MEINER MUTTER ein vielschichtiges Generationenporträt, das Abgründe beleuchtet, aber auch das Coming-of-Age einer jungen Frau zeigt, die ihren eigenen Weg gehen will. Vielstimmig wird nicht nur Spanisch gesprochen, sondern auch Galicisch, sowie Katalanisch, da es die Muttersprache der Protagonistin ist. Es geht der Filmemacherin also auch um Nuancen in der Erzählung. Das feinfühlige Drama lief 2025 im Wettbewerb von Cannes und wurde auch beim Filmfest Hamburg gezeigt,. Die junge Newcomerin Llúcia Garcia ist in der Doppelrolle als Mutter und Tochter eine absolute Offenbarung!
Romería (Deutschland / Spanien 2025)
112 Minuten
Drama
Carla Simón
Carla Simón
Hélène Louvart
Llúcia Garcia, Mitch, Tristán Ulloa, Alberto Garcia, Miryam Gallego, Janet Novás, José Ángel Egido, Marina Troncoso, Sara Casasnovas, Celine Tyll
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