Reminiscence: Die Erinnerung stirbt nie

Kinostart: 26.08.2021

ab16 OT: Reminiscence (USA 2021)
Länge: 116 Minuten
Genre: Science-Fiction / Thriller
Regie: Lisa Joy
Drehbuch: Lisa Joy
Darsteller: Hugh Jackman, Rebecca Ferguson, Thandiwe Newton, Cliff Curtis, Marina de Tavira, Daniel Wu, Mojean Aria, Brett Cullen, Natalie Martinez, Angela Sarafyan, Nico Parker
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Spektakuläre Science-Fiction-Meisterwerke wie „Blade Runner“ von Ridley Scott und „Strange Days“ von Kathryn Bigelow mit den Klassikern des Film Noir aus den 1940er-Jahren zu verbinden – dazu gehört schon eine gehörige Portion Mut! Zwei Genres, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander gemeinsam haben, zu einem schlüssigen Ganzen zu verzahnen: das ist großes Kino! Die Drehbuchautorin Lisa Joy (verantwortlich für die TV-Serie „Westworld“) hatte für ihr Regiedebüt viel Zeit und viel Geld zur Verfügung, um mit REMINISCENCE: DIE ERINNERUNG STIRBT NIE einen außergewöhnlichen Endzeit-Film zu drehen, der die Geschichte der Cinematographie mit einbezieht. Das ist nicht jedermanns Sache – denn wer möchte schon zugeben, dass er oder sie keine oder wenig Ahnung vom Kino hat. Hier zeigt uns eine Frau auf, was am Filmwissen so toll ist: Es ist ein intellektuelles Spiel mit einem 125 Jahre alten Medium – und es macht irrsinnigen Spaß, dabei zu sein! REMINISCENCE: DIE ERINNERUNG STIRBT NIE ist ein atemberaubender Film voller Zitate und Anspielungen – doch wer darauf keinen Bock hat, geht ins Foyer und kauft sich eine neue Portion Popcorn.

Die Welt in naher Zukunft: Nach einem Krieg und einer Klimakatastrophe steht die Menschheit am Abgrund. Die Stadt Miami, in der der Film spielt, ist eine Metropole unter Wasser. Statt Taxis fahren Boote wie heute schon in Venedig durch die Straßen, und die U-Bahn kämpft sich durch die Fluten. Der abgehalfterte und desillusionierte Privatdetektiv Nick Bannister (Hugh Jackman) verdingt sich als Mann, der seinen Auftraggebern durch eine neuartige Technik die Erinnerung zurückholt. Die Kunden liegen in einer Wanne voll Wasser: auf dem Kopf ein elektronischer Kontakt, der die Verbindung zur Vergangenheit auch für uns Zuschauer fast körperlich spürbar macht. Plötzlich platzt eine geheimnisvolle Schöne namens Mae (Rebecca Ferguson) in sein Büro und verlangt eine Session. Nicks toughe Assistentin Emily „Watts“ Sanders (wieder mal eine grandiose Rolle für die großartige Schauspielerin Thandiwe Newton) ist zunächst dagegen, doch Nick setzt sich durch. Mae sucht offenbar nur ihre Wohnungsschlüssel, doch daraus entwickelt sich eine „amour fou“ ohne Zukunft. Dieser spektakuläre Auftritt erinnert natürlich an die erste Szene mit Mary Astor und Humphrey Bogart in „Der Malteser Falke“ von John Huston nach dem Roman von Dashiell Hammett.

Was folgt, entpuppt sich als ein Wechselbad der Gefühle. Nick ist hoffnungslos verliebt, „Watts“ versucht ihren Chef zu schonen, und Mae öffnet sich nicht. Auch nach der ersten Liebesnacht bleibt die Schöne undurchsichtig und lässt nicht einmal Nick an sich ran. Welchen Einfluss hat ihr Ex-Lover, der brutale Cyrus Boothe (Cliff Curtis)?

Wie im klassischen Film Noir legt Lisa Joy ständig falsche Fährten. Auch ein Ausflug ins ebenfalls sehr nasse New Orleans bringt keine Lösung – hier müssen wir an die Logik des Kriminalfilms glauben. Das Ende ist ernüchternd und zum Heulen schön!

REMINISCENCE: DIE ERINNERUNG STIRBT NIE verlangt unseren Kopf und unseren Intellekt. Sonst sind wir verloren und möglicherweise verstimmt. Und der Film ist ein Fest fürs Auge – eine visuelle Achterbahnfahrt! Hugh Jackman spielt wie so oft den in sich gekehrten Grübler, Rebecca Ferguson den Prototyp der „femme fatale“. Doch der eigentliche Star ist Thandiwe Newton, die (mit „neuem“, jetzt authentischen Vornamen) ihre Kollegen an die Wand spielt. Bravo!

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