Lässt sich eine rauschhafte Berliner Clubnacht in einem Kinofilm auditiv, visuell und körperlich erfahrbar machen? Kein leichtes Unterfangen, aber das junge Regie-Duo Nikias Chryssos und Viktor Jakovleski, selbst mit Techno-Hintergrund sozialisiert, offeriert in RAVE ON zumindest starke Ansätze!
Eine einzige Nacht in einem Berliner Techno-Club dient als Setting von RAVE ON: Wir begleiten den alt gewordenen Kosmo (Aaron Altaras), eine ehemalige Produzenten- und DJ-Hoffnung, hautnah durch alle Gänge, an den Tresen, auf die Tanzfläche, in die Toiletten bis in den Backstagebereich des Venues. Kosmo hat eine Mission: Der DJ-Legende Troy Porter (Jamal R. Moss aka Hieroglyphic Being) seine neueste Vinyl-Platte persönlich in die Hand zu drücken!
Das Problem ist nur: Nachdem er es endlich in den Club geschafft hat, bekommt Kosmo die Info, dass Troy noch gar nicht da ist – und sich sein Set weit nach hinten verschoben hat. Er muss also Zeit totschlagen: Beim Plausch am Tresen frotzelt er, dass die DJs heutzutage fast ausschließlich auf Social-Media-Kanälen unterwegs sind, fame dank TikTok-Hype sozusagen. Roxy (Lucia Lu), die Troy Porter mit ihrem Set unterstützt, ist genau so ein Exemplar. Aber die kann ihm vielleicht den Backstage-Zugang verschaffen. Und tatsächlich kennt sie Kosmo und seinen legendären Track „Firlefanz“, auch wenn sie den Titel nicht aussprechen kann.
Kosmo, der aktuell seine Zeit vor allem im Studio verbringt, hat keine guten Erinnerungen an genau diesen Techno-Club, wo er einst mit seinem DJ-Partner Klaus (Clemens Schick) als Support für Troy im Timetable stand. Er war Fanboy – und hat es mit Alkohol und anderen Drogen so dermaßen übertrieben, dass der Gig schließlich abgesagt wurde. Ausgerechnet Klaus, der nun Regale statt Tracks baut, läuft Kosmo gleich zu Beginn von RAVE ON in die Arme, dann noch weitere alte Freunde und Fans.
Kosmo wird mit seiner eigenen Vergangenheit in seinem ehemaligen Lieblingsclub konfrontiert – nimmt natürlich Drogen (Koks, Keta) und uns mit auf den Trip. Wir erleben das subjektiv aus seiner Perspektive, sind immer nah dran – und vom Zuschauen fast selber druff. Das schmuddelige Ambiente dieses Techno-Clubs ist nüchtern vermutlich auch gar nicht zu ertragen. Zumal hier auch noch Rudelbumsen angesagt ist (das hat der Autor dieser Zeilen in seiner heißen Rave-Phase so nicht erlebt oder wahrgenommen).
Der Bass hat Wucht, es ballert! RAVE ON kredenzt ein immersives Erlebnis, das alle Sinne bedient. Die meisten Szenen sind tatsächlich im regulären Clubbetrieb entstanden, die echten Raver waren sicher hier und da verwundert über die strangen Filmcharaktere. Während der Party verliert Kosmo zudem seine Platte bei dem Versuch, im Drogenrausch durch die Belüftungsschächte in den Backstage zu gelangen (die Szene könnte auch aus einem Horrorfilm stammen).
Im Separee trifft Kosmo auf die junge Alex (June Ellys Mach), die ihn auf die Tanzfläche entführen möchte. Aber er muss doch zunächst noch die Vinyl-Platte wiederfinden. Seine Challenge scheint aussichtslos, zumal er immer weiter im Drogensumpf versinkt. Wird er es trotzdem schaffen, dass sein Track in dieser Nacht noch auf dem DJ-Teller liegt und die Crowd ekstatisch tanzen lässt?
Das Regie- und Drehbuch-Duo Nikias Chryssos („Der Bunker“, „A Pure Place“) und Viktor Jakovleski (der in seinem Dokumentarfilm „Brimstone & Glory“ bereits ein Feuerwerksfestival suggestiv erlebbar machte) liefert mit RAVE ON einen absolut wilden Ritt durch eine exzessive Partynacht und erzählt nebenbei (zumindest rudimentär) die Geschichte der Technomusik. Ed Davenport hat (zusammen mit John Gürtler) viele Tracks eigens für den Film produziert – und sorgt damit für ein noch glaubwürdigeres Erlebnis. Die Kamera von Jonas Raphael Schneider schaut Kosmo quasi über die Schulter und lässt subjektiv ins Stroboskoplicht eintauchen, zeigt verschwitzte Gesichter und taumelt durch die Räume.
Aaron Altaras („Unorthodox“, „Die Zweiflers“) lässt sich als Kosmo auf seiner Rave-Odyssee durch die Nacht treiben, um einen Neuanfang zu finden. Katharsis ist hier das Stichwort. Altaras hat dabei selbst einen musikalischen Hintergrund, gemeinsam mit seinem Bruder betreibt er das DJ-Projekt „Alcatraz“. Authentischer geht es wohl kaum noch!
Das Schlusswort zu RAVE ON überlassen wir Viktor Jakovleski: „Das ist nicht einfach nur Musik zum Hören, sondern zum Fühlen. Wenn man sieht, wie sich die tanzenden Menschen auf die Frequenz der Musik einlassen, dann ist das etwas wirklich Starkes, und man bekommt als Mittanzender ein richtiges Gemeinschaftsgefühl.“
Rave On (Deutschland 2025)
85 Minuten
Drama
Nikias Chryssos, Viktor Jakovleski
Viktor Jakovleski, Nikias Chryssos
Jonas Raphael Schneider, Adriana Berroteran
Aaron Altaras, Clemens Schick, June Ellys Mach, Ruby Commey, Bineta Hansen, Hieroglyphic Being, Isaak Dentler, Lucia Lu
Weltkino Filmverleih GmbH