Mit einem irrsinnig guten Blick für das Zwischenmenschliche erzählt Alissa Jung in ihrem Langfilm-Regie-Debüt PATERNAL LEAVE – DREI TAGE MEER von einer Annäherung zwischen einer Tochter und ihrem Vater.
Was genau zwischen der 15-jährigen Leo (Juli Grabenhenrich) und ihrer Mutter passiert ist, lässt sich nur erahnen. Nur eines ist sicher: Gerade erst hat Leo erfahren, wer ihr Vater ist, und schon setzt sie sich in den Zug nach Italien, um ihn kennenzulernen. Angekommen im kleinen Ort Marina Romea an der Adriaküste macht sie ihren Vater Paolo (Luca Marinelli) schnell ausfindig, und der scheint weniger überrascht zu sein, als Leo vermutet hatte.
Paolo schlägt sich dort in Strandnähe als Surflehrer und Strandbar-Betreiber durch. Ein freies Leben, möchte man meinen, doch irgendwie auch eine Art Gefängnis für den Mittdreißiger. Im Sommer ist hier alles voller Touristen, doch jetzt, im kargen Winter, läuft alles auf Sparflamme, und der raue, kalte Wind gibt den Ton an. Rau ist aber auch das Verhältnis zwischen Vater und Tochter. Leo hat eine lange Liste an Fragen mitgebracht, die sie Stück für Stück abarbeiten möchte. „So lernst du aber einen Menschen nicht kennen“, erwidert Paolo störrisch und gibt ihr zu verstehen, dass er sie am liebsten sofort wieder in den Zug zurück nach Deutschland setzen würde. Den Grund dafür lernt Leo kurz danach kennen: Paolo hat noch ein Kind, die kleine Emilia, die just am Abend von Leos Ankunft bei ihm übernachtet – nach vielen Jahren, wie Paolo zugibt. Wie Paolo sie mit seiner Gitarre in den Schlaf singt, versetzt Leo einen weiteren Stich ins Herz. Und so umkreisen sich die beiden verlorenen Seelen immer mehr, nur um sich dann wieder voneinander zu entfernen. Wird es ihnen gelingen, eine gemeinsame Basis zu finden?
Coming-of-Age ist eines meiner liebsten Filmgenres, denn in der Zeit des Erwachsenwerdens werden so viele Weichen fürs Leben gestellt, dass selbst kleinste Dinge bestimmen können, zu welcher Art von Mensch wir heranwachsen. Die Schauspielerin Alissa Jung (bekannt aus diversen TV-Produktionen) zeigt in ihrem Langfilm-Regie-Debüt PATERNAL LEAVE – DREI TAGE MEER, dass sie ein unfassbar gutes Händchen für eine zutiefst menschliche Erzählweise hat. Ihr Film verzichtet bewusst auf einen großen Clash, auf den die Handlung wie in vielen anderen Vertretern des Genres zuläuft und konzentriert sich in erster Linie auf das Zwischenmenschliche. Ihre Hauptfiguren umkreisen sich zärtlich im kalten Winterwind, nur um immer wieder auf Hindernisse zu stoßen, durch die sie sich wieder voneinander entfernen. Und wenn sie es beide vielleicht selbst gar nicht wissen – aufgeben möchte tatsächlich keiner von beiden.
Die Bildsprache, die Jung für ihre Geschichte gewählt hat, unterstreicht die Geschichte perfekt. Die Autorin und Regisseurin arbeitet viel mit Spiegelungen, setzt diese aber nur dezent und keinesfalls aufdringlich ein. Das raue Klima, das die Beziehung der beiden aufgreift, der Jugendliche Edoardo (Arturo Gabbriellini), den Leo am Stand kennenlernt und der seinen ganz eigenen Probleme mit seinem Vater hat, oder die zweite Tochter, deren Verbindung zu Paolo auf den ersten Blick so anders ist als Leos Bild von ihrem Vater. All das formt Alissa Jung in PATERNAL LEAVE – DREI TAGE MEER zu einem stimmigen und glaubwürdigem Gesamtbild.
Das Wichtigste an PATERNAL LEAVE – DREI TAGE MEER aber ist das Vertrauen, das Alissa Jung ihrem Publikum entgegen bringt. Andere Filme hätten die Vorgeschichte gezeigt oder zumindest erzählt. Hier erfahren wir nur durch kurze Telefonate oder Kurznachrichten, dass das Verhältnis zwischen Leo und ihrer Mutter vermutlich nicht das beste ist. Allein die Tatsache, dass es drei Tage lang nicht auffällt, das Leo nicht zu Hause ist, sagt viel über die Mutter-Kind-Beziehung aus. Es reicht aber, um Leos Beweggründe für die spontane Italien-Reise zu verstehen.
Luca Marinelli, 2019 für seine Darstellung in „Martin Eden“ als bester Hauptdarsteller bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet, spielt den Vater mit genau der richtigen Mischung aus Trotz und Überforderung, während Juli Grabenhenrich in ihrer ersten Rolle eine Natürlichkeit an den Tag legt, die man nur selten sieht. Kaum auszudenken, welche Leistungen sie mit ein wenig Schauspielunterricht noch hervorbringen könnte. Aber gerade dieses Unwissende, vielleicht auch in manchen Szenen Überfordernde passt so wunderbar zur Figur der Leo und unterstreicht ihre Hilflosigkeit in der Situation perfekt.
PATERNAL LEAVE – DREI TAGE MEER ist ein zärtlicher, fast schon poetischer kleiner Film über eine zaghafte Annäherung, der von der Kombination zweier beeindruckender Schauspieler*innen und der rauen, ehrlichen Bildsprache lebt.
Paternal Leave (Deutschland / Italien 2025)
113 Minuten
Drama
Alissa Jung
Alissa Jung
Carolina Steinbrecher
Juli Grabenhenrich, Luca Marinelli, Arturo Gabbriellini, Joy Falletti Cardillo, Gaia Rinaldi
eksystent Filmverleih Kijas