Eine junge Frau mit nacktem Oberkörper, auf dem die Parole „Fuck Putin“ in großen Buchstaben zu lesen ist – radikaler kann ein Protest nicht sein. Genauso hatte die ukrainische Feministin Oksana (auch Oxana) Schatschko (1987-2018) gegen ein verhasstes Regime protestiert. In ihrem Biopic OXANA: MEIN LEBEN FÜR FREIHEIT setzt die französische Regisseurin Charlène Favier der mutigen Aktivistin und Mitgründerin der politischen Gruppe FEMEN ein filmisches Denkmal.
Der Film wird szenisch eingerahmt von nächtlichen Tänzen auf einem Kupala-Fest – der ukrainischen, mystisch geprägten Variante der Sommersonnenwende-Feier. Auf einer zweiten Zeitebene erleben wir den letzten Tag im Leben von Oxana (Albina Korzh), den 23. Juli 2018. Scheinbar ziellos streift die Exilantin durch Paris. Am Abend soll die Vernissage ihrer ersten Ausstellung stattfinden, wo sie ihre blasphemischen Ikonen präsentieren will.
Sie besucht ein Schwimmbad, hat spontanen Sex mit einem Fremden, ruft ihre Mutter an, redet mit einer Journalistin, kämpft bei der Behörde um ihren Flüchtlingsstatus und besucht ihren Freund, den sie wochenlang nicht gesehen hat. Da die einzelnen Stationen exakt mit Uhrzeit angeben sind, fühlt man sich als Cineast natürlich sofort an das Melodram „Das Irrlicht“ (1963) von Louis Malle erinnert: Damals wanderte ein Mann durch die Straßen von Paris und brachte sich am Ende des Tages um.
Wahrend dieses Streifzuges erinnert sich Oxana an ihr früheres Leben. Diese Rückblenden inszeniert die Regisseurin in chronologischer Reihenfolge quasi als dritte Zeitebene. Oxana wächst in der Ukraine unter ärmlichen Verhältnissen auf und wird mit Sondergenehmigung zur Ikonenmalerin ausgebildet – eigentlich ein reiner Männerberuf. Oxana ist am Boden zerstört, als ihr alkoholkranker Vater bei einem selbst verursachten Hausbrand all ihre bislang gemalten Ikonen vernichtet.
Aus religiösem Eifer wird politischer Protest. Oxana kann und will nicht akzeptieren, dass in den Medien immer wieder von Vergewaltigungen berichtet wird, bei denen die Männer straffrei davonkommen. Mit einigen Freundinnen gründet sie die Gruppe FEMEN, um sich auf ungewöhnliche Weise für mehr Frauenrechte einzusetzen. Bei Protestveranstaltungen entblößen sie ihre Brüste, um mehr Medienaufmerksamkeit zu erreichen.
Bei einer Aktion in Belarus werden Oxana und zwei Mitstreiterinnen vom KGB entführt, mit dem Tode bedroht, geschoren, mit Benzin übergossen und am Ende nackt im Wald ausgesetzt. Nach einer Anti-Putin-Demonstration („Fuck Putin“, siehe oben) wird Oxana verhaftet, und ihr werden beide Arme gebrochen. Mit viel Glück schafft sie die Flucht nach Paris. Doch dort ist sie bald isoliert, denn ihre einstige FEMEN-Mitstreiterin Inna (Maryna Koshkina) entpuppt sich hier als erbitterte Gegnerin.
Am Ende des langen Tages verlässt Oxana ihre eigene Vernissage durchs Fenster und betritt ihre Wohnung. Ein Schriftzug verrät uns: Die Künstlerin, Aktivistin und Geflüchtete hat sich in dieser Nacht das Leben genommen…
Nicht alles ist genau so passiert. Die Regisseurin Charlène Favier hat zugegeben, dass sie sich in ihrem Drehbuch, das sie gemeinsam mit Diane Brasseur und Antoine Lacomblez verfasst hatte, einige Freiheiten erlaubte. Auch hat sie leider nicht den Versuch unternommen, Oxanas Motive für den Suizid näher zu ergründen – da bleibt vieles bloß angedeutet. In der episodischen Struktur von OXANA: MEIN LEBEN FÜR FREIHEIT werden manche Themen nur angeritzt, hier fehlt die emotionale Tiefe – trotz der überragenden Leistung der ukrainischen Schauspielerin Albina Korzh in der Titelrolle.
Ich hätte mir in OXANA: MEIN LEBEN FÜR FREIHEIT mehr politische Brisanz gewünscht – gerade in diesen finsteren Zeiten!
Oxana (Frankreich 2024)
104 Minuten
Biographie / Drama
Charlène Favier
Diane Brasseur, Charlène Favier, Antoine Lacomblez
Eric Dumont
Albina Korzh, Maryna Koshkina, Lada Korovai, Oksana Zhdanova, Yoann Zimmer, Noée Abita
X Verleih AG