Nürnberg

07.05.2026

Über die Nürnberger Prozesse 1945 hat es bereits viele Verfilmungen gegeben, aber keiner davon war so unterhaltsam und geschichtsvermittelnd zugleich wie NÜRNBERG von James Vanderbilt.

1945 liegt die Stadt Nürnberg in Trümmern. Doch der Krieg ist vorbei, und die Alliierten wollen die überlebenden Mitglieder des Nazi-Regimes vor Gericht stellen. Im Zuge der Vorbereitungen des Mammutprozesses erhält der amerikanische Militärpsychiater Dr. Douglas M. Kelley (Ramy Malek) einen recht ungewöhnlichen Auftrag: Er soll die inhaftierten Hauptverantwortlichen auf ihre Prozessfähigkeit untersuchen. Unter ihnen ist auch der ehemalige Reichsmarschall Hermann Göring (Russell Crowe), der für seine Intelligenz, sein Charisma und seine manipulative Stärke bekannt ist. Trotz anfänglicher Machtspiele gelingt es dem Arzt jedoch, Görings Vertrauen zu gewinnen und einen Einblick in seine Persönlichkeit zu erhalten. Doch Kelley fällt es immer schwerer, die notwendige Distanz zu wahren, während im Gerichtssaal langsam die Verhandlungen beginnen…

Autor und Regisseur James Vanderbilt beschäftigt sich in seiner zweiten Regiearbeit nach „Der Moment der Wahrheit“ (2014) mit den Nürnberg-Prozessen, die erstmals in der Geschichte führende Vertreter eines Staates vor einem internationalen Gericht für beispiellose NS-Verbrechen zur Rechenschaft zogen, statt Rache zu üben. Doch Vanderbilt interessiert sich nicht für die Prozesse an sich – dazu gab es bereits genügend Verfilmungen –, sondern konzentriert sich auf die Begegnungen zwischen Hermann Göring, der rechten Hand Hitlers, und dem Psychologen Dr. Douglas M. Kelley. Dieser ist fasziniert von Göring, der charmant und freundlich daher kommt. Wie kann ein solcher Mensch diese Gräueltaten begangen haben…

Russell Crowe in der Rolle von Hermann Göring zu besetzen, ist ein durchaus gelungener Coup des Films. Crowe besitzt die Statur von Göring, und auch wenn er im Gesicht seiner Figur nicht wirklich ähnelt, gelingt es ihm, die perfide Maskierung darzustellen, mit der Göring das Volk immer wieder getäuscht hat. Für die Rolle lernte Crowe sogar ein paar Sätze Deutsch, was zur Überraschung aller erstaunlich gut klingt.

Ramy Malek zeigt in seiner Darstellung des Psychiaters deutlich, wie er anfangs dem Charisma Görings verfällt und sich sogar dazu hinleiten lässt, Briefe an dessen Ehefrau aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Erst während der eigentlichen Gerichtsverhandlung, als im Saal die Aufnahmen aus den Konzentrationslagern gezeigt werden – die Vanderbilt auch in NÜRNBERG einbaut –, wird ihm klar, welchem Irrtum er aufgelaufen ist. Am Ende kommt Kelley zu dem Schluss, dass die Angeklagten keine psychisch gestörten Monster, sondern „gewöhnliche Männer“ waren, bei denen sich das Böse unter bestimmten Bedingungen manifestierte.

Kelley verarbeitete seine Erlebnisse in dem Buch „22 Cells in Nuremberg“ (deutscher Titel: „22 Zellen in Nürnberg: Im Kopf der Nazis“). Seine Fehleinschätzung Görings machte Kelley sein Leben lang zu schaffen. Am Neujahrstag 1958 beging er im Beisein seiner Familie Selbstmord, indem er eine Zyankali-Kapsel schluckte – exakt dieselbe Methode, mit der sich Göring 1946 der Hinrichtung entzogen hatte.

Ich möchte mir an dieser Stelle keine Bewertung anmaßen, wie historisch korrekt NÜRNBERG ist, das überlasse ich gerne den Geschichtsexperten. Wenn es aber um das Verständnis geht, warum die Nazis seinerzeit so viele Menschen in ihren Bann gezogen haben, dann ist dieser Film ein wirklich beeindruckendes und vor allem sehenswertes Werk. Besonders im Zuge der wieder aufkeimenden Begeisterung für Nazi-Parolen sollte NÜRNBERG zum Pflichtfilm für alle Schulklassen werden.

Trailer

ab12

Originaltitel

Nuremberg (USA 2025)

Länge

149 Minuten

Genre

Drama / Historie

Regie

James Vanderbilt

Drehbuch

James Vanderbilt, basierend auf dem Buch „Der Nazi und der Psychiater“ von Jack El-Hai

Kamera / Bildgestaltung

Dariusz Wolski

Darsteller

Russell Crowe, Rami Malek, Michael Shannon, Leo Woodall, John Slattery, Richard E. Grant, Mark O’Brien, Colin Hanks, Wrenn Schmidt, Lydia Peckham, Andreas Pietschmann, Peter Jordan, Tom Keune, Dieter Riesle

Verleih

Weltkino Filmverleih GmbH

Filmwebsite

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