No Mercy

05.03.2026

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“, schrieb bereits Simone de Beauvoir. Wie also reflektieren Regisseurinnen in ihren Filmen die gesellschaftlich geformte Erfahrung, als Frau durchs Leben zu gehen? Die süddeutsche Filmemacherin Isa Willinger beleuchtet in ihrer Doku NO MERCY die revolutionäre Arbeitsweise von Filmemacherinnen aus der Historie bis heute.

Die preisgekrönte Regisseurin Isa Willinger („Hi AI – Liebesgeschichten aus der Zukunft“ wurde für den Deutschen Filmpreis als bester Dokumentarfilm nominiert und gewann zudem den Max-Ophüls-Preis) veröffentlichte 2013 die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der ukrainischen Regisseurin Kira Muratova in dem Buch „Kira Muratova – Kino und Subversion“. Und ebendiese ist der Dreh- und Angelpunkt in NO MERCY. Sie gehörte zu den bekanntesten, aber auch umstrittensten Filmschaffenden des sowjetisch-russischen Films.

Mit der Perestroika kam die Wende für Muratova. Ihre Filme durften endlich öffentlich gezeigt werden und erhielten sofort internationale Aufmerksamkeit. So zeichnet „Das asthenische Syndrom“ ein Bild der Zersetzung und Gewalt in der späten Sowjetgesellschaft. Der Film wurde aufgrund einer Szene, in der eine fein gekleidete Frau langanhaltend Flüche ausstößt, zum letzten verbotenen Film der Sowjetunion und durfte erst mit monatelanger Verzögerung öffentlich gezeigt werden.

Bei den 40. Internationalen Filmfestspielen Berlin gewann „Das asthenische Syndrom“ 1990 den großen Preis der Jury. 1994 erhielt Muratova auf dem Filmfestival Locarno den Ehren-Leoparden für ihr Lebenswerk. Bereits 1988 wurde eine erste Retrospektive von Muratovas bis zu dem Zeitpunkt sieben Filmen auf dem Internationalen Frauenfilmfestival Créteil gezeigt. Die Wichtigkeit dieses 1979 gegründeten Festivals beleuchtet Willinger auch in NO MERCY. Das Festival ist ein Treffpunkt für Regisseurinnen und Filmemacherinnen, die sich für den Kampf gegen Diskriminierung und die Förderung des Feminismus engagieren.

Außerdem traf Willinger weibliche Fimschaffende aus fast allen Teilen der Welt zu intensiven Gesprächen über den sog. „female gaze“. Die französischen Skandalfilmerinnen und -autorinnen Catherine Breillat („Romance“) und Virginie Despentes („Baise-moi – Fick mich!“), die Pornographie und Gewalt in den feministischen Film gebracht haben, kommen genauso zu Wort wie ihre Landsfrauen Céline Sciamma (“Porträt einer jungen Frau in Flammen“) und Alice Diop („Saint Omer“) oder die US-amerikanische Filmregisseurin, Schauspielerin und Drehbuchautorin Ana Lily Amirpour („A Girl Walks Home Alone at Night“), die iranische Wurzeln hat. Sex und Gewalt, Demütigung und Rache, aber auch Trauma und Lust, Zärtlichkeit und Poetik sind Themengebiete in einem gemeinsamen, intimen Dialog.

Die deutsche Regisseurin, Filmeditorin, Kamerafrau und Installationskünstlerin Margit Czenki, deren Film „Komplizinnen“ 1987 für Aufregung gesorgt hat, war selber wegen Bankraubs im Knast – und hat das filmisch verarbeitet. Auch „Verführung: Die grausame Frau“ von Monika Treut und Elfi Mikesch war 1985 gewagt – und bot eine Reise in das sexuelle Begehren jenseits der Norm: sadomasochistische Rituale wurden hier thematisiert, mit der Hauptfigur Wanda als Herrscherin. Frauen inszenieren also anders und wagen oftmals auch mehr als Männer. Inspiriert ist NO MERCY von der Beobachtung der ukrainischen Regisseurin Kira Muratova, dass Frauen in Wahrheit die härteren Filme machen.

Und die vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilmerin Willinger („Plastic Fantastic“) äußert sich passend zum Weltfrauentag wie folgt: „Filme zu machen, heißt auch das Schweigen zu brechen. Während ich an NO MERCY gearbeitet habe, habe ich verstanden: All das, worauf die #MeToo-Bewegung in den vergangenen Jahren aufmerksam gemacht hat, greifen Regisseurinnen seit jeher in ihren Werken auf. In NO MERCY erleben wir Filmemacherinnen*, die kraftvoll ihre Stimme erheben und in ihren Werken zurückschlagen. Die Arbeit an NO MERCY war für mich eine Art zweite Filmhochschule.“

Der feministische Nachwuchs bekommt also auf jeden Fall eine Menge Anregungen für die Watchlist. Und Willinger zeigt viele Filmausschnitte. Die Regisseurinnen erzählen schonungslos ehrlich von ihrer Arbeit. Frauen werden gemeinhin eher mit Melodramen oder Romantik statt mit harten Themen assoziiert. NO MERCY räumt mit diesem Vorurteil ein- für allemal auf! Das Thema ist zwar wirklich spannend, aber die Inszenierung von Willinger leider etwas konventionell geraten.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
FSK noch unbekannt

Originaltitel

No Mercy (Deutschland 2025)

Länge

104 Minuten

Genre

Dokumentation

Regie

Isa Willinger

Drehbuch

Isa Willinger

Kamera / Bildgestaltung

Bernadette Paaßen, Siri Klug, Doro Götz

Darsteller

Ana Lily Amirpour, Catherine Breillat, Jackie Buft, Margit Czenki, Virginie Despentes, Alice Diop, Valie Export, Nina Menkes, Marzieh, Meshkini, Mouly Sorya, Céline Sciamma, Joey Soloway, Monika Treut, Apoline Traoré

Verleih

Real Fiction Filmverleih e.K.

Filmwebsite

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