Auch in einem medizinischen Betrieb ist niemand frei von Fehlern. In ihrem beeindruckenden Regiedebüt NACHBEBEN zeigt Zinnini Elkinkton, wie medizinisches Personal in solchen Fällen zu einem zweitem Opfer werden können…
Die erfahrene Neurologin Alexandra (Özlem Saglanmak) arbeitet auf der chronisch überlasteten Schlaganfallstation eines Kopenhagener Krankenhauses. Zu wenig Personal, zu viele Entscheidungen und ein ständiger Kampf gegen die Uhr macht dem medizinischen Personal zu schaffen. Obwohl Alexandra präzise, routiniert und schnell arbeitet, ist auch sie nicht unfehlbar.
Als der 18-jährige Oliver (Jacob Spang Olsen) mit seiner Mutter Camilla (Trine Dyrholm) die Station betritt, wird er von Alexandra untersucht, die seine Symptome jedoch als harmlos einstuft und ihn wieder nach Hause schickt, obwohl eine Kollegin leise Zweifel äußert. Doch in einer derartigen Hektik kann so etwas auch mal untergehen. Kurze Zeit später bricht Oliver jedoch plötzlich zusammen…
Was folgt sind typísche und zutiefst menschlich Verhaltensmuster: Eltern verlangen Antworten, Kolleg:innen äußern Zweifel und Hierarchien geraten ins Wanken. Und zwischen all dem steht Alexandra, konfrontiert mit der Möglichkeit eines folgenschweren Irrtums und den emotionalen Nachwirkungen eines Moments, der ihr Selbstverständnis erschüttert…
Zu behaupten, dass Filme über überlastetes medizinisches Personal derzeit im Trend liegen, würde dem wirklichen Problem nicht gerecht werden. Vielmehr sieht es so aus, dass diese Art Filme leider absolut notwendig sind und es im Prinzip gar nicht genug davon geben kann. Genau das waren auch die Beweggründe für die in Kopenhagen ansässige Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Zinnini Elkington für ihr Langfilm-Debüt NACHBEBEN.
Wir haben es versäumt, der gegenseitigen Fürsorge und der Empathie den gebührenden Stellenwert einzuräumen. Wir sind so reich in Europa, aber das Einzige, was wir mit einem Wert belegen, sind Dinge, die wir kaufen oder verkaufen können.
Zinnini Elkington über den Grund, genau diesen Film zu drehen
Elkington selbst kommt aus einer medizinischen Familie. Ihre Mutter arbeitet als Biochemikerin in einem Krankenhaus, und wenn sie als Kind ihr Lunchpaket vergaß, aß sie oft in der Cafeteria des Krankenhauses. Ihre Großmutter war als Arztsekretärin tätig, und 2020 hat ihre Schwester ihr Medizinstudium abgeschlossen. Durch deren Erzählungen kam Elkington dann auf die Idee für ihre Geschichte über die Opfer in der zweiten Reihe.
Die Dreharbeiten zu NACHBEBEN fanden im Herlev Hospital statt, in einem großen Krankenhaus in der Nähe von Kopenhagen, in dem Elkington einst auch ihr eigenes Kind zur Welt gebracht hat. Zufälligerweise ergab sich kurzfristig die Gelegenheit, dass ein paar Etagen für ein halbes Jahr bis zur Renovierung leer standen, nachdem einige Abteilungen innerhalb des Hause verlegt wurden. Da sich das Filmteam den Bau eines eigenen Sets nicht leisten konnte, nutzte man die Gelegenheit, zudem man dadurch Elkingtons Traum näher kam, einen 360-Grad-Drehort zu haben.
Um die Hektik in einem Krankenhaus authentisch darzustellen, ließ Elkington ihrer Kamerafrau Mia Mai Dengsø Graabæk freien Lauf. Sie konnte selbst entscheiden, in welche Richtung sie sich mit ihrer Kamera drehte und so auf alles, was am Set geschah reagieren konnte. Für Elkington sollten die Bilder in NACHBEBEN wie eine Praktikantin wirken, die dem Team auf Schritt und Tritt folgt. Zeitweise warf die Regisseurin der Kamerafrau sogar Dinge zwischen die Beine, um sie zusätzlich zu verwirren und eine Reaktion zu erzwingen. Herausgekommen ist dabei ein hektisches Durcheinander, welches den Zustand auf einer Krankenhausstation eindrucksvoll beschreibt und sich perfekt auf den Zuschauer überträgt.
Dass Elkington zudem mit einer Schauspiel-Ikone wie Trine Dyrholm zusammenarbeiten konnte, war natürlich ein Glücksgriff. Wie Dyrholm in NACHBEBEN die außer sich geratende Mutter des Jungen spielt, ist absolute Weltklasse, Aber auch Özlem Saglanmak in der Rolle der betroffenen Ärztin liefert eine mehr als beeindruckende Leistung ab.
Mit NACHBEBEN ist Zinnini Elkington ein meisterlicher Film gelungen, der nach dem Verlassen des Kinosaals noch lange nachhallt und zu Diskussionen anregt. Bei der Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg berichtete Zinnini Elkington im Interview mit nochnfilm.de, dass die Zuschauer beim anschließenden Q&A keine Fragen zum Film stellten, sondern ihre eigenen Geschichten erzählt haben, was Elkington zutiefst berührt hat.
Nach Petra Volpes „Heldin“ oder Frelle Petersens „Home Sweet Home“ fügt sich der Film nahtlos in diejenigen Werke ein, die mehr Wertschätzung und Empathie im medizinischen und pflegerischen Bereich fordern. Und so lange sich in dieser Hinsicht nichts ändert, bleiben diese Filme wichtig. Extrem wichtig.
Beim Filmfest Hamburg stellte die Autorin und Regisseurin Zinnini Elkington ihr Regie-Debüt NACHBEBEN (im Original: SECOND VICTIMS) vor. Ich hatte dort die große Freude mit ihr in aller Ausführlichkeit über den Film zu sprechen, u.a. über die Dreharbeiten, ihre spezielle Form der Improvisation, sowie ihre Beweggründe, genau dieses Thema für ihr Erstlingswerk zu wählen.
Det Andet Offer / Second Victims (Dänemark 2025)
92 Minuten
Drama
Zinnini Elkington
Zinnini Elkington
Mia Mai Dengsø Graabæk
Trine Dyrholm, Özlem Saglanmak, Mathilde Arcel, Olaf Johannessen, Anders Matthesen
Lighthouse Home Entertainment Vertriebs GmbH & Co. KG