Mit Liebe und Chansons

27.11.2025

Die Tragikomödie MIT LIEBE UND CHANSONS des Frankokanadiers Ken Scott geht raus an alle Männer, die ihrer Mutter viel zu verdanken haben. Aber auch an alle, bei denen die Mutterliebe dann doch etwas zu weit geht. Die wahre Geschichte von Roland Perez, die auf seinem Roman „Ma mère, Dieu et Sylvie Vartan“ beruht, geht zu Herzen und verweist auf die heilende Wirkung, die von der Musik ausgehen kann.

In wunderschönen, farbenfrohen Bildern lernen wir die jüdische Großfamilie Perez im Paris der 1960er Jahre kennen. Mutter Esther (Leïla Bekhti) bringt gerade ihr sechstes Kind zur Welt, den kleinen Roland. Eine Fehlbildung am Fuß lässt die Ärzte schlussfolgern, dass Roland niemals richtig laufen wird. Aber Esther will sich damit nicht abfinden und verspricht Roland, dass er an seinem ersten Schultag wie alle anderen Kinder auf eigenen Beinen in die Schule gehen wird. Sie betet, aber lässt auch ansonsten nichts unversucht, um ihrem Sohn ein normales Leben zu ermöglichen.

Nachdem die Orthopäden nur Hilfsapparate zur Fortbewegung anbieten können, scheint die Heilerin Madame Vergepoche (Anne Le Ny, die gerade in „How To Make a Killing“ und „15 Liebesbeweise“ bei uns im Kino zu sehen ist) mit den ungewöhnlichen Methoden ihres verstorbenen Mannes die letzte Hoffnung zu sein. Leider taucht die Dame von der Schulbehörde immer wieder bei Familie Perez auf. Roland kann nicht Lesen und Schreiben – und müsste eigentlich eingeschult werden. Doch Mutter Esther hat ja etwas versprochen und wimmelt Madame Fleury (Jeanne Balibar) immer wieder ab.

Roland ist fortan zu Hause ans Bett gefesselt, da an seinem Fuß Streckapparaturen befestigt sind. Das Fernsehprogramm hat er bald satt, findet aber Gefallen an den Chansons von Sylvie Vartan, deren Platten seine Schwestern gerne hören. Mutter Esther sieht schnell den heilenden Effekt und besorgt schier alles von der Sängerin, was sie finden kann. Mit Unterstützung seiner Geschwister lernt Roland durch die Chansons sogar Lesen und Schreiben.

Die algerisch-stämmige Leïla Bekhti („Ein Becken voller Männer“, „Ein Prophet“) ist mittlerweile ein Star des französischen Kinos und die perfekte Besetzung für die Mutter, die mit unerschütterlichem Optimismus für ihren Sohn kämpft. Bekhti betritt in MIT LIEBE UND CHANSONS nur einen Raum und das verändert sofort die Situation. Solch eine Aura muss die echte Esther Perez auch gehabt haben. Und als Roland erwachsen ist (und normal laufen kann), kennt ihre Mutterliebe keine Grenzen, sie klammert sich an ihren Sohn, da verkehren sich die Verhältnisse. All das spielt Bekhti kongenial über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten.

Der Clou von MIT LIEBE UND CHANSONS ist aber, dass Sylvie Vartan tatsächlich nicht nur mit ihrem Gesang überzeugt, sondern auch schauspielerisch in Erscheinung tritt. Roland darf sie während seines Studiums für ein Magazin zum Interview treffen, schließlich ist er Experte. Später wird er sogar der Anwalt von Sylvie Vartan. Eine fast unglaubliche, aber wahre Geschichte. Ein Plädoyer für die Hingabe und Kraft, sich dem Schicksal gemeinsam zu stellen. Naïm Naji und Milo Machado-Graner als 5- bzw. 12-jähriger Roland sind einfach nur süß – und Jonathan Cohen („Mein Leben mit Amanda“) verkörpert diesen als Erwachsener glaubhaft.

Regisseur und Drehbuchautor Ken Scott hatte seinen großen Durchbruch 2011 mit der Komödie „Starbuck“ über einen anonymen Samenspender, der sich nach einer Sammelklage mit Dutzenden seiner mittlerweile erwachsenen Sprösslinge auseinandersetzen muss und dabei späte Vatergefühle entwickelt. Es gab in zahlreichen Ländern Neuverfilmungen, das US-Remake „Der Lieferheld – Unverhofft kommt oft“ setzte er 2013 selber um. Auch bei MIT LIEBE UND CHANSONS beweist Scott ein gutes Gespür. Die Geschichte wird zwar recht konventionell erzählt, aber die Balance zwischen Tragik und Komik ist stimmig. Und neben tollen Leistungen der Darsteller:innen überzeugt der farbenfrohe, hochwertige Look (Kamera: Guillaume Schiffman).

MIT LIEBE UND CHANSONS erzählt humorvoll und mit viel Herz von der bedingungslosen Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Der Autor dieser Zeilen hat anlässlich der Aufführung beim Filmfest Emden-Norderney seine Mutter ins Kino eingeladen. Macht das doch einfach auch, da verstärkt der Film nochmal seine Wirkung (und einen halben Bonus-Stern gibt’s dafür obendrauf).

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
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Originaltitel

Ma mère, Dieu, et Sylvie Vartan / Once upon my mother (Frankreich 2025)

Länge

104 Minuten

Genre

Drama / Tragikomödie

Regie

Ken Scott

Drehbuch

Ken Scott, basierend auf dem Roman von Roland Perez

Kamera / Bildgestaltung

Guillaume Schiffman

Darsteller

Leïla Bekhti, Jonathan Cohen, Joséphine Japy, Sylvie Vartan, Jeanne Balibar, Lionel Dray, Naïm Naji, Milo Machado-Graner, Anne Le Ny, David Ayala

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

Filmwebsite

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