Soll man Gnade haben mit dem Film eines zweitklassigen Regisseurs, der lediglich mit „Wächter der Nacht“ einen Glückstreffer gelandet hat? Zumal MERCY auch noch lange auf Halde lag und bis kurz vor Kinostart unter Verschluss gehalten wurde? Der russische Regisseur Timur Bekmambetow ist zumindest kein Garant für erstklassige Filmstoffe. Dieser KI-Thriller macht da leider keine Ausnahme!
In nicht allzuferner Zukunft steht LAPD-Detective Chris Raven (Chris Pratt) wegen Mordes an seiner Frau Nicole (Annabelle Wallis) vor Gericht. Er hat genau 90 Minuten Zeit, um seine Unschuld gegenüber der fortschrittlichen KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson) zu beweisen, für deren Entwicklung er sich einst eingesetzt hat, bevor diese über sein Schicksal entscheidet. Das ist eigentlich schon alles, was zur Ausgangssituation von MERCY an die Öffentlichkeit gelangen sollte.
Könnte spannend werden, oder? Wir sagen mal so: Lieber eine per Zufallsprinzip ausgewählte Folge der Kult-Echtzeitserie „24 – Twenty Four“ mit Kiefer Sutherland anschauen! Denn: Nur weil ein 90 Minuten-Countdown runterzählt, ist es noch lange nicht spannend. Der Cop ist natürlich kein Saubermann, sondern war harter Alkoholiker und hat Frau und Tochter nur vorgespielt, dass er jetzt seit einem Jahr trocken ist.
Nun soll Raven entlastende Beweise liefern, die ihn vor der Hinrichtung retten. Er kann über die KI auf Videoaufnahmen von Überwachungskameras, Dash-Cams und Body-Cams sowie auf Smartphones und Social-Media-Profile zugreifen! Nichts neues, oder? Seine Kollegin, die toughe Jacqueline “JAQ” Diallo (Kali Reis), darf Live-On-Cam ermitteln. Seine tote Frau und seine Tochter Britt (Kylie Rogers) haben natürlich auch (wie viele andere) Geheimnisse!
Der Science-Fiction-Thriller MERCY ist leider wirklich in jeglicher Hinsicht maximal mittelmäßig. Die Story klingt ziemlich abgeschmackt! Schon bevor es Künstliche Intelligenz gab, konnten Beweisstücke verschwinden, die dann die Ermittlungen in die falsche Richtung geführt haben. Gangster und Psychopathen sind nicht dumm, zumindest nicht so dumm wie das Drehbuch von Marco van Belle. Wer bitte? Ein irischer Regisseur und Drehbuchautor, der mit seinem Langfilmdebüt „Arthur und Merlin“ (2015) einen Achtungserfolg feierte (oder auch nicht). Ein britischer Fantasyfilm mit historischen Einflüssen der Artussage. Auf Rotten Tomatoes bekam der Film lediglich eine Bewertung von 21 %.
Kameramann Khalid Mohtaseb arbeitete zuletzt für Filme wie „The Pope‘s Exorcist“ (2023) von Julius Avery mit dem unsympathischen Australier Russell Crowe als katholischer Priester und Exorzist Gabriele Amorth in der Hauptrolle. Nicht gerade eine Visitenkarte für die erste Hollywood-Liga. Die Filmmusik stammt vom deutsch-iranischen Komponisten Ramin Djawadi, der immerhin durch seine Musik für die US-Fernsehserie „Game of Thrones“ bekannt wurde. Darauf lässt sich aufbauen!
Rebecca Ferguson („Greatest Showman“, „A House of Dynamite“) spielt eine fortschrittliche KI-Richterin. Oder wurde sie nur digitalisiert? Die Frage ist zumindest spannender als MERCY an sich. Soll an dieser Stelle aber auch nicht beantwortet werden. Die britisch-schwedische Schauspielerin ist natürlich spätestens seit ihren Auftritten in der „Mission: Impossible“-Reihe von Relevanz und zumindest respektabel in ihrer Schauspielkunst. Hier jetzt also als Computergesicht, das vom Stromnetz abhängig ist (was natürlich auch von Relevanz ist, zumindest für diese Geschichte).
Und Chris Pratt („Passengers“, „Guardians of the Galaxy“-Reihe)? Der US-amerikanische Schauspieler ist als LAPD-Detective über weite Strecken von MERCY schon mal an den elektrischen Stuhl gefesselt, auf dem er direkt hingerichtet wird, wenn er seine Unschuld nicht beweisen kann! Pratt verdiente seine Sporen als Komiker mit dem Persiflieren von Jim Carrey. Und seit 2017 hat der Schwiegersohn von Arnold Schwarzenegger auch einen Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“ in Los Angeles. Immerhin! In dieser modernen Ermittlergeschichte spielt Pratt solide. Er war übrigens bereits in Bekmambetows Hollywood-Regiedebüt, dem Actionfilm „Wanted“, in einer Nebenrolle zu sehen.
Timur Bekmambetow (“Abraham Lincoln Vampirjäger“) ist als Filmemacher sicherlich zumindest ein okayer Handwerker. MERCY sieht allerdings durch und durch nach einer Produktion für Streamer Amazon Prime Video aus und hat selten Kinoformat. „Die Zukunft der Justiz ist Künstliche Intelligenz“ prangt als Schlagzeile oben auf dem Filmplakat. Hoffen wir, dass der digitale Humanismus da dann nicht ganz auf der Strecke bleibt! Der Russe Bekmambetow liefert nach hinten raus zumindest zünftige Action, eingefangen mit sämtlicher Überwachungstechnik, die gerade verfügbar war.
All in all: Der Nahe-Zukunft-Thriller MERCY ist nicht so schlecht, wie es hier jetzt klingt. Ein durch und durch okayer Film, der aber auch wirklich überhaupt keinen Erkenntnisgewinn liefert. Die Debatte über Künstliche Intelligenz sollte besser an anderer Stelle fortgeführt werden! Der Mensch ist fehlbar, die Maschine auch? Zumindest ist ohne Strom nichts los im KI-Wunderland.
Mercy (USA 2025)
101 Minuten
Action / Drama / Science-Fiction
Timur Bekmambetov
Marco van Belle
Khalid Mohtaseb
Chris Pratt, Rebecca Ferguson, Annabelle Wallis, Kylie Rogers, Kali Reis, Chris Sullivan, Jeff Pierre, Kenneth Choi, Rafi Gavron
Sony Pictures Releasing GmbH