Lurker

18.12.2025

In seinem Regiedebüt LURKER widmet sich der Australier Alex Russell eindringlich zeitgemäßen Themen. Ein aufstrebender Pop-Star lädt einen Szeneladen-Verkäufer ein, Teil seiner Entourage zu werden. Daraus entwickelt sich ein psychologisches Drama, das sich um Obsession und Zugehörigkeit dreht.

Matthew (Théodore Pellerin) kommt aus prekären Verhältnissen und wohnt bei seiner Großmutter. Er verkauft in einem kleinen Laden in Los Angeles Klamotten. Dort lernt er den britischen Popmusiker Oliver (Archie Madekwe) kennen, der neue Outfits sucht. Die beiden unterhalten sich – und sind vor allem musikalisch auf einer Wellenlänge. Im Laden läuft der 1983er-Klassiker „My Love Song for You“ von Nile Rodgers. Die beiden fachsimpeln und der angehende Popstar setzt Matthew bei seinem Konzert auf die Gästeliste.

Matthew ist aufgeregt, schließlich darf er bei dem Gig auch Backstage, kann also hinter die Kulissen des Popbetriebs blicken. Die Entourage von Oliver verarscht ihn zwar erstmal ganz gehörig, doch Managerin Shai (Havana Rose Liu) kümmert sich um ihn und händigt ihm einen Triple-A-Pass aus, der Matthew im Venue überall Zutritt verschafft. Der Auftritt von Oliver packt ihn sichtlich! Der charismatische Künstler lädt Matthew in seine Villa in den Hollywood Hills ein. Er soll seinen Camcorder mitbringen, um bei einer Dokumentation über sich selbst zu helfen.

Bei den gemeinsamen Videodrehs kommen sich Oliver und Matthew näher, fast wie echte Freunde. Die Bilder sind zwar extrem verwackelt, wirkliches Geschick hat Matthew also nicht im Umgang mit der Kamera. Doch Authentizität ist trumpf – und dank der hochgeladenen Videos explodiert Matthews Instagram-Account, plötzlich ist auch er berühmt. Dann taucht aber sein Arbeitskollege Jamie (Sunny Suljic) in der Villa auf – und macht sich durch seinen selbst designten Pullover beliebt. Jamie verspricht allen ebensolche Unikate. Matthew ist allerdings nicht erfreut, dass sich jemand anderes in den inneren Kreis des Popstars drängt.

Der australische Debüt-Regisseur Alex Russell, der auch das Drehbuch verfasste, war bisher als Schauspieler („Chronicle – Wozu bist Du fähig?“, „Jungle“) und Drehbuchautor für Fernsehserien („Beef“, „The Bear“) tätig. Russell ist ein Kenner der Musikszene von Los Angeles. Seine Inspiration für LURKER speist sich allerdings nicht nur aus den Erlebnissen seiner in der Musikbranche tätigen Freunde, sondern spiegelt auch auch die sozialen Dynamiken speziell bei jungen Männern wider, die er während des Studiums erlebte.

Der Kanadier Théodore Pellerin („Mein Jahr in New York“) spielt beängstigend gut den unauffälligen, jungen Mann, der plötzlich in eine ihm völlig neue Welt eintaucht. Sein Charakter kommt aus einfachen Verhältnissen und ist eher der Typ vereinsamter Einzelgänger. Doch dann gehört er dazu – und wird immer durchtriebener, um dort auch zu bleiben. Der Brite Archie Madekwe („Gran Turismo“, „Saltburn“) scheint hingegen der geborene Popstar zu sein, er performt sogar die Songs in LURKER selbst. Die Filmmusik komponierte der Plattenproduzent, DJ und Songwriter Kenneth Blume. Die modernen Pop-Songs sind absolut state-of-the-art, der Score schwankt zwischen unheimlich und ekstatisch.

Die Beziehung von Matthew und Oliver steuert unweigerlich auf einen Abgrund zu. LURKER lässt dabei nichts aus, was die Welt eines aufstrebenden Musikers kennzeichnet. Matthew hat nun unliebsames Videomaterial – und erpresst Oliver! Auf einmal hat er die Zügel in der Hand und mischt sich sogar im Aufnahmestudio ein. Heraus kommt ein neuer Song, der die Frage aufwirft: „What‘s the difference between love and obsession?“. Das bringt die Filmgeschichte kongenial auf den Punkt: Es geht um Besessenheit und Einsamkeit, auch das Verlangen nach Zugehörigkeit ist zentral. Kameramann Pat Scola („Sing Sing“, „A Quiet Place: Tag Eins“) hat ein gutes Gespür für adäquate Bilder und interessante Perspektiven. Die Emotionen der Charaktere werden so verstärkt.

Das zeitgenössische Popstar-Porträt entwickelt sich so zum psychologischen Thriller, der Unbehagen beim Zuschauen auslöst. Matthew will seinen neugewonnenen Status nicht hergeben. Ob er die Musik von Oliver wirklich mag, bleibt bis zum Ende in der Schwebe. LURKER steuert schließlich auf ein zynisches Finale zu, das wirklich tiefschwarzen Humor zum Vorschein bringt.

Das Independent-Drama LURKER feierte Ende Januar 2025 beim Sundance Film Festival seine Weltpremiere. Und die Deutschland-Premiere fand im Februar diesen Jahres auf der Berlinale in der Sektion „Special Gala“ in Kooperation mit der Kinder- und Jugendsektion „Generation“ statt. „Das Crazy“ würden die jungen Menschen wohl einsilbig urteilen (um mal das Jugendwort des Jahres zu bemühen).

P.S.: Der Begriff „Lurker“ (von englisch „to lurk“, was so viel wie „lauern“ bedeutet) bezeichnet im Internetjargon eine passive Person, die in Newsgroups, Internetforen oder Mailinglisten mitliest, ohne selbst aktiv zu kommunizieren. Oft irritiert es andere Nutzer, wenn jemand alles mitliest, aber nichts über sich preisgibt.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

Lurker (USA 2025)

Länge

100 Minuten

Genre

Thriller

Regie

Alex Russell

Drehbuch

Alex Russell

Kamera / Bildgestaltung

Pat Scola

Darsteller

Théodore Pellerin, Archie Madekwe, Havana Rose Liu, Sunny Suljic, Zack Fox, Daniel Zolghadri, Olawale Onayemi

Verleih

Universal Pictures International Germany GmbH

Filmwebsite

» zur Filmwebsite

Weitere Neustarts am 18.12.2025