Let Me Fall

FSK noch unbekannt OT: Lof mér að falla (Island 2018)
Länge: 137 Minuten
Genre: Drama
Regie: Baldvin Zophoníasson (Baldvin Z)
Drehbuch: Baldvin Zophoníasson, Birgir Örn Steinarsson
Darsteller: Elín Sif Halldórsdóttir, Eyrún Björk Jakobsdóttir, Þorsteinn Bachmann, Kristín Þóra Haraldsdóttir, Lára Jóhanna Jónsdóttir

Das Universum aus Partys, Drogen und Kleinkriminalität, in dem Stella mit ihrem Freund Toni lebt, scheint ungleich faszinierender als die Welt aus Schule und Familie, die Magnea bis dahin gekannt hat. Gemeinsam mit ihren neuen Freunden raubt Magnea Männer aus, die auf Kontaktanzeigen geantwortet haben. Die Einserschülerin wird immer tiefer hineingezogen, und als ihre Eltern realisieren, was mit ihrer Tochter geschieht, ist es schon zu spät. Die Euphorie ist bald zu Ende, Magnea trifft die falschen Männer und geht durch eine Hölle, aus der ihre Familie sie vergeblich zu befreien versucht.  

Kritik

Vor vier Jahren gewann Baldvin Zophoníasson bei den Nordischen Filmtagen den renommierten NDR-Filmpreis. In diesem Jahr kehrt der isländische Regisseur nun mit seinem neuen Meisterwerk LET ME FALL zurück.

Der kreative Output des kleinen Islands verblüfft mich jedes Jahr wieder aufs Neue. Gerade einmal 300.000 Menschen leben dort, trotzdem werden jedes Jahr um die fünf Filme dort gedreht. Hinzu kommen zudem noch internationale Produktionen, die hier lediglich einzelne Szenen filmen. Einer der erfolgreichsten Regisseure aus Island ist Baldvin Zophoníasson, oder Baldvin Z, wie er sich selbst bereits seit seiner Kindheit nennt, da sein Nachname selbst für Isländer nur schwer auszusprechen ist. 

Nach seinem Erstlingswerk JITTERS kehrte er 2014 nach Lübeck zu den Nordischen Filmtagen zurück. Sein Episodendrama LIFE IN A FISHBOWL, dass in drei miteinander verwobenen Geschichten auf den Beginn der Bankenkrise blickt, gewann sogar den Hauptpreis des Festivals.

Inzwischen sind vier Jahre vergangen, in denen Zophoníasson u.a. an zwei Serien (TRAPPED und THE CASE) beteiligt war. Mit LET ME FALL legt der 40-jährige nun seinen dritten Spielfilm vor, bei dem er erneut nicht nur Regie geführt hat, sondern auch das Drehbuch geschrieben hat. Auch sein neuer Film offenbart wieder einmal einen beinahe schon schmerzhaften Realismus, der jedoch niemals gezwungen wirkt. Wir treffen hier auf zwei 15-jährige Mädchen in der Hauptstadt Reykjavik, die den Drogen verfallen. Ein Problem, dass gerade in Island bereits seit vielen Jahren existiert. Dort ist eine Überdosis unter jungen Menschen inzwischen die häufigste Todesursache. 

Bei der Suche nach einem neuen Thema stieß Zophoníasson auf die Tagebücher einer jungen Frau, die zuvor an ihrem Drogenkonsum gestorben war. Diese Bücher faszinierten ihn so sehr, dass er daraus das Drehbuch zu LET ME FALL entwickelte. Doch anstatt die Geschichte chronologisch zu erzählen, springt die Handlung immer wieder zwischen zwei Zeitebenen hin und her. So sehen wir als Zuschauer immer wieder deutlich, was die Drogen aus den beiden Mädchen machen. Zehn Jahre später ist nämlich klar, dass sich eine der beiden aus dem Sumpf befreit hat, während die sich andere von einem Ausweg immer mehr entfernt. Obwohl wir als Zuschauer die ganze Zeit wissen, dass es für die beiden Protagonisten nicht wirklich gut endet, folgen wir ihnen trotzdem mit einer gewissen Hoffnung – denn die stirbt ja bekanntlich zuletzt. 

Doch LET ME FALL beschäftigt sich nicht ausschließlich mit den beiden Mädchen, sondern auch mit ihrer Umgebung. So fällt beispielsweise immer wieder der Satz „Sie muss erst ihren eigenen Tiefpunkt finden“, der eindrucksvoll symbolisiert, wie wir Drogenabhängige immer noch stigmatisieren und nicht erkennen (wollen), dass es sich um eine Krankheit handelt. Zu einem Krebskranken würde man ja schließlich auch nicht sagen, dass er erstmal an seinem absoluten Tiefpunkt ankommen müsse, bevor man ihm seine Hilfe anbietet. Warum also ist das bei einem Süchtigen der Fall? Eine Frage, die Zophoníasson vollkommen zu Recht aufwirft. 

Das Thema Drogenabhängigkeit und Sucht ist aktuell in gleich mehreren Filmen zu sehen. BEN IS BACK (Kinostart 10.01.2019) mit Julia Roberts beispielsweise erzählt die Geschichte eines Jugendlichen, der über die viel zu lasche Verschreibungspolitik von Schmerzmitteln in die Sucht getrieben wurde, während BEAUTIFUL BOY mit Timothée Chalamet und Steve Carell von der Verzweiflung eines Vaters erzählt, der nicht in der Lage ist, seinem drogensüchtigen Sohn zu helfen. Von diesen drei Filmen ist LET ME FALL sicherlich der eindrucksvollste, schließlich nimmt er kein Blatt vor den Mund und zeigt schonungslos die Folgen eines Drogenkonsums. 

Bleibt zu hoffen, dass sich ein deutscher Verleih dieses Meisterwerks annimmt, damit er möglichst von vielen Menschen gesehen werden kann. 

Interview

Im Rahmen der Nordischen Filmtage 2018 hatte ich in Lübeck die Gelegenheit, mich mit dem Regisseur Baldvin Zophonísson über seinen Film LET ME FALL zu unterhalten. 

Trailer

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