Victor Hugos Epos „Les Misérables“ wurden schon oft verfilmt. Éric Besnard wählte jetzt jedoch einen anderen Ansatz und konzentrierte sich auf die ersten 150 Seiten.
Wir schreiben das Jahr 1815: Ganze 19 Jahre saß Jean Valjean (Grégory Gadebois) für den Diebstahl eines Brotes im Gefängnis. Diese Jahre voller harter Arbeit, Gewalt und Leid haben ihre Spuren hinterlassen. Erfüllt von Wut und einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit ist er zu einem gefährlichen Mann geworden, der niemandem traut. Er irrt durch den Süden Frankreichs auf der Suche nach einem Unterschlupf, wird aber in jedem Dorf abgewiesen. Doch im Haus des Bischofs Bienvenu (Bernard Campan), der mit seiner Schwester Magloire (Alexandra Lamy) und einer Magd (Isabelle Carré) ein einfaches Leben führt, findet er unerwartet Obdach. Valjean ist vollkommen überrascht von der herzlichen Gastfreundschaft des Mannes und gibt ihm wiederholt zu verstehen, dass er doch ein gefährlicher Mann sei. Nach und nach beginnen seine inneren Dämonen zu schwinden, trotzdem lässt er sich irgendwann dennoch zu einem Diebstahl hinreißen. Dass sich die Herzlichkeit des Bischofs davon nicht beeinflussen lässt, löst etwas in Valjean aus. Wird er sich letztendlich doch zu einem anderen Menschen wandeln?
„Les Misérables“, oder zu deutsch „Die Elenden“ von Victor Hugo zählt zu den größten Werken der französischen Literatur. Schon oft wurde die Geschichte verfilmt oder als Musical auf die Bühne gebracht. 2012 erschien die bislang opulenteste Verfilmung in den Kinos – mit Hugh Jackman, Russel Crowe und Anne Hathaway in den Hauptrollen. Der französische Drehbuchautor und Regisseur Éric Besnard („Birnenkuchen mit Lavendel“, „Cash Truck“, „Die einfachen Dinge“) wählte für LES MISÉRABLES – DIE GESCHICHTE VON JEAN VALJEAN jetzt einen ungewöhnlichen Ansatz: Er konzentriert sich einzig und allein auf die ersten 150 Seiten des bis zu 1.700 Seiten umfassenden Werks.
Auf die Frage, woher die Idee dazu stammte, verriet mir der Regisseur im Interview (siehe unten), dass ihm schon mehrfach die Verfilmung des Werks von Victor Hugo angeboten wurde. Er lehnte aber jedes Mal ab, weil ihm klar war, dass man dazu weder die Gelder, noch die notwendige Zeit würde beschaffen können. „Für „Les Misérables“ bräuchte man sechs Stunden, um die Geschichte in all ihrer Ausführlichkeit zu erzählen“, so Besnard. Außerdem würde er dann trotzdem nur dieselben Szenen drehen, die bereits alle kennen: Cosette mit ihrem Eimer, die Pariser Kanalisation und so weiter. Das klang für ihn überhaupt nicht spannend.
Das lass er das Buch aber noch einmal und fand darin zwei, drei Ereignisse, die ihm wie Filme im Film vorkamen. Unter anderem geht es ganz am Anfang darum, wie die Legende tatsächlich entstanden ist. Dass das eigentlich nur einer ausgestreckten Hand zu verdanken ist, ist kaum bekannt ist und wird in Verfilmungen im Allgemeinen in fünf Minuten abgehandelt. So war die Idee gefunden.
Schon viele Regisseure haben versucht, aus einem kurzen Text einen großen Film zu machen – man denke nur, das Peter Jackson aus „Der Hobbit“ drei überlange Filme gezaubert hat. Doch Besnards Ansatz funktioniert vor allem deshalb, weil er mit Grégory Gadbois einen begnadeten Schauspieler am Start hat. LES MISÉRABLES – DIE GESCHICHTE VON JEAN VALJEAN ist bereits die vierte Zusammenarbeit der beiden und in unserem Gespräch erzählte der Regisseur, dass er das Drehbuch bereits mit Gadebois im Hinterkopf geschrieben hat. Allerdings konnte er ihn sich in beiden Rollen vorstellen. Erst nach Fertigstellung hat Besnard dann entschieden, welche Rolle er ihm gibt.
Grégory Gadebois legt in LES MISÉRABLES – DIE GESCHICHTE VON JEAN VALJEAN eine eindrucksvolle Leistung an den Tag. Es gelingt ihm ohne viele Worte, allein durch Mimik und Gestik, sein komplettes Innenleben zu zeigen.
Éric Besnard über seinen Hauptdarsteller Grégory Gadebois
Ich wusste, dass ich mit Grégory über den ganzen Film hinweg einen Mann aus Stein zeigen und am Ende in einer einzigen Einstellung den Menschen hinter dem Stein zum Vorschein bringen könnte.
Die größte Schwierigkeit war für Éric Besnard jedoch, die barocke, lyrische Sprache Victor Hugos an die heutige Zeit anzupassen. Ursprünglich wollten die Produzenten ihn dazu drängen, komplett auf die Sprache Hugos zu verzichten. Aber das kam für ihn überhaupt nicht in Frage.
Éric Besnard über die Sprache in seinem Film
Ich habe sehr dafür gekämpft, eine Sprache zu verwenden, die der von Victor Hugo ähnlich ist, indem ich erklärte, dass er ein so außergewöhnlicher Schreiber war, dass es überhaupt nicht infrage kommt, seinen Stil zu verändern – zumal es ein entscheidendes Argument gibt: Es gibt keinen Autor, der populärer ist als Victor Hugo.
Letztendlich hat er einen Kompromiss gemacht: 30% der Dialoge stammen aus „Les Misérables“, 30 % aus anderen Werken von Victor Hugo und aus seinen Gedanken. Und für den Rest hat Besnard versucht, sich mit größtmöglicher Demut in die Lage von Victor Hugo zu versetzen. Dieser hat seine Werke in Alexandrinern geschrieben, einem klassischen Versmaß, bestehend aus einem sechshebigen Jambus mit einer festen Zäsur (Pause) nach der dritten Hebung. Diese strenge Form, oft mit 12 oder 13 Silben und alternierenden Kadenzen, stammt aus der französischen Dichtung des 12. Jahrhunderts und war besonders im Barock prägend. Das war nicht einfach, „aber irgendwann findet man sie, die Grammatik“, so Besnard.
Mit LES MISÉRABLES – DIE GESCHICHTE VON JEAN VALJEAN ist Éric Besnard ein wirklich beeindruckender Film gelungen, der sowohl durch seine Schlichtheit überzeugt, als auch durch seine beeindruckenden Darsteller. „Es ist eine Hymne auf die zweite Chance – ein Beispiel, das es wert ist, nachgeahmt zu werden“, so Besnard in unserem Interview. Und besser könnte man es tatsächlich nicht zusammenfassen.
Über eine Zoom-Verbindung (daher die bescheidene Bildqualität) stand mir der Drehbuchautor und Regisseur Éric Besnard Rede und Antwort. Wir sprachen über Gründe für den ungewöhnlichen Ansatz, die Schwierigkeiten der Finanzierung, aber auch über die lyrische Sprache Victor Hugos und warum er Grégory Gadebois unbedingt in seinem Film haben wollte.
Jean Valjean (Frankreich 2025)
99 Minuten
Drama / Historie
Éric Besnard
Éric Besnard, nach Victor Hugos »Die Elenden«
Laurent Dailland
Grégory Gadebois, Bernard Campan, Alexandra Lamy, Isabelle Carré, Dominique Pinon, Romane Libert, Patrick Pineau
Happy Entertainment (MT Trading UG)