Kult-Regisseur Quentin Tarantino wollte seinen vierten Film „Kill Bill“ ursprünglich 2003 komplett (und nicht zweigeteilt) in die Kinos bringen, doch der damalige Miramax-Produzent Harvey Weinstein hatte etwas dagegen. Die nun vorliegende Fassung von KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR feierte bereits 2006 bei den Filmfestspielen in Cannes seine Premiere – und verschwand danach für fast 20 Jahre im Tresor.
Die hochschwangere Braut aka „Black Mamba“ oder „Beatrix Kiddo“ (Uma Thurman) lag nach einem Attentat ihres Ex-Geliebten Bill (David Carradine, Ex-Star aus der Serie „Kung Fu“) vier Jahre lang im Koma und hat ihr ungeborenes Kind verloren. Sie gehörte zum Deadly Viper Assassination Squad (der inspiriert ist vom Exploitation-Klassiker „Das Kommando der Frauen“), einem Attentatskommando. Nun erwacht sie ganz plötzlich im Krankenhaus – und setzt sich erst mal gegen einen Vergewaltiger zur Wehr, der dort zum Personal gehört. Nachdem sie etwas Kraft getankt hat, flieht sie im schrillen Pussy-Wagen des Peinigers.
Die Braut begibt sich in ihrem ikonischen gelben Anzug mit dem schwarzen Streifen auf ihren Rachefeldzug (der stammt übrigens aus dem unbeendeten Film des Meisters: „Bruce Lee – Mein letzter Kampf“). Unter der Überschrift „Death List Five“ hat sie eine Todesliste erstellt und arbeitet diese schrittweise ab. Zuerst klingelt sie an einem hübschen Einfamilienhaus in Pasadena. Eine Frau öffnet und wird von der Braut sogleich angegriffen. Ein Zweikampf auf Leben und Tod entbrennt, bis die vierjährige Tochter Nikki nach Hause kommt. Es handelt sich bei der Frau um Vernita Green (Vivica A. Fox), Teil des Deadly Viper Assassination Squad. Mit der Rücksicht auf Tochter Nikki ist es aber bald vorbei. Das Blut spritzt. Denn: Rache ist Blutwurst!
Im zweiten Kapitel blicken wir nochmal zurück: Im Krankenhaus liegt die Braut im Koma auf der Intensivstation. Elle Driver (Daryl Hannah), deren Deckname California Mountain Snake lautet, schleicht sich als Krankenschwester verkleidet in ihr Zimmer. Sie versucht, die Braut mit einer Giftinjektion zu töten. Doch Bill untersagt ihr per Telefon den Mord. Daryl Hannah trägt als Elle Driver eine Augenklappe (inspiriert vom schwedischen Exploitation-Klassiker „Thriller – Ein unbarmherziger Film“).
Tarantino zitiert sich in KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR durch die Filmgeschichte: Samurai-Filme („Lady Snowblood“), Western („Zwei glorreiche Halunken“), Exploitation („Ein Zombie hing am Glockenseil“), Blaxploitation („Coffy – Die Raubkatze“), Martial Arts („Die 36 Kammern der Shaolin“), Anime („Blood: The Last Vampire“) und Horror/Gore („Tot & begraben“) dienten als Inspiration – der Kult-Regisseur schreckt sogar vor Selbstzitaten nicht zurück, so gibt es u.a. in Anlehnung an „Reservoir Dogs – Wilde Hunde“ auch einen Trunk-Shot (Aufnahme aus einem geöffneten Kofferraum heraus) und die stylischen schwarzen Anzüge der Crazy 88.
Der ikonische Kampf gegen die Crazy 88 im Haus der blauen Blätter ist in KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR nun komplett in Farbe zu sehen, die als Anime angelegte Hintergrundgeschichte der Killerin O-Ren Ishii (Lucy Liu) im 3. Kapitel ist um sieben Minuten erweitert und es gibt nun eine 15-minütige Pause zwischen den beiden Akten (wie in den 1960er-Jahren). Es wurden zudem viele Änderungen aus der damaligen japanischen Fassung übernommen, die Widmung zu Beginn lautet nun: „This film is dedicated to a master filmmaker. Kinji Fukasaku 1930-2003“. Und der hat „Lady Snowblood“ zu verantworten, eine maßgebliche Inspiration für Tarantino. Viele damals für die USA zu gewalttätige Aufnahmen sind jetzt endlich zu sehen.
Die Dreharbeiten zu „Kill Bill“ waren übrigens extrem strapaziös: 155 Drehtage und ein 55-Millionen-Dollar-Budget verlangten Tarantino („Pulp Fiction“, „Django Unchained“ ) und seinem Team wirklich alles ab: 1700 Liter Kunstblut wurden vergossen und bis zu 34 Takes waren bei den Kampfszenen vonnöten. Und Hauptdarstellerin Uma Thurman hatte einen folgenschweren Autounfall, an dem Tarantino nicht ganz unschuldig war.
Der erste Akt von KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR, der mit Martial-Arts-Szenen aufwartet und sich in der Bilderwelt des Eastern bedient, ist übrigens wesentlich stärker als der zweite Akt, der vor allem Elemente des Italowestern aufbietet. Zum Meisterwerk reicht es hier also nicht. Doch es lohnt sich natürlich trotzdem, Tarantinos vierten Streich nochmals im Kino zu schauen, vor allem auch, weil zwei 70mm-Kopien durch Deutschland touren. So könnt ihr den Rachefeldzug der schwertschwingenden Killer-Braut in seiner reinsten, analogen Form sowie mit maximaler Farbtiefe erleben!
Und ein kleiner Tipp noch am Rande: Auch wenn 275 Minuten echt lang sind, bleibt bitte bis nach dem Abspann im Kino sitzen, denn dann gibt es noch ein bisher unveröffentlichtes Kapitel zu sehen.
Kill Bill: The Whole Bloody Affair (USA 2003)
275 Minuten (inklusive 15 Minuten Pause)
Action / Krimi / Thriller
Quentin Tarantino
Quentin Tarantino, Uma Thurman
Robert Richardson
Uma Thurman, Lucy Liu, Vivica A. Fox, Dvid Carradine, Daryll Hannah
Studiocanal GmbH